Nachbarinnen
Jola glaubt, jemanden getötet zu haben, und Dora will eigentlich ihre Ruhe haben: die seltsamen Ursprünge einer zarten Liebesgeschichte in einem Leipziger Plattenbau.

Leipzig, ein Plattenbau. Im Erdgeschoss betreibt Bernd (Berndt Stübner) eine kleine, nach ihm benannte Kneipe, in den Stockwerken darüber kennt man sich. Die Paketzustellerin Dora (Dagmar Manzel) lebt dort allein mit ihren Kakteen, nachdem ihr Mann sie verlassen hat; ihr Nachbar und Freund Conny (Jörg Schüttauf) macht ihr vorsichtige Avancen. Am Abend bevor Dora mit ihrer Schwester in Urlaub fahren möchte, steht plötzlich Jola (Grazyna Szapolowska) vor ihrer Tür, die in der Wohnung über ihr wohnt und im „Bernds“ als Aushilfe arbeitet. Die Polin glaubt, Bernd in Notwehr getötet zu haben, und bittet Dora darum, ihr zu helfen. Dora willigt widerstrebend ein und lässt sie bei sich übernachten.
In Doras wohlgeordnetes Leben tritt mit Jola etwas ganz Neues ein, und Regisseurin Franziska Meletzky signalisiert dies in Nachbarinnen schon fast beiläufig durch das Eindringen von Farbe in Doras Wohnung. Diese ist ganz in gedeckten Tönen gehalten, was Doras Neigung zu übermäßiger Ordnung – anscheinend ein Versuch, mit ihrer Einsamkeit zurecht zu kommen – noch unterstreicht. Vor einem solchen Hintergrund leuchten Jolas roter Mantel und ihre lockeren Umgangsformen noch auffälliger.

Natürlich bleibt die Polin nicht nur eine Nacht – nicht zuletzt die Tatsache, dass zwei Polizeibeamte anscheinend auf der Suche nach Jola sind, überzeugt auch Dora, dass sich ihre Nachbarin besser noch ein wenig versteckt halten sollte. Mit der Zeit schwindet aber ihr Verlangen danach, ihren Besuch wieder hinauszuwerfen, und wird durch Interesse an Jola selbst ersetzt. Sie sagt ihren Urlaub ab, um bei ihr bleiben zu können und verheimlicht ihr dann sogar, aus Angst, sie zu verlieren, dass Bernd bei dem Streit mit ihr nicht einmal besonders schwer verletzt wurde.
Die zarte Liebesgeschichte zwischen den zwei Frauen wird natürlich wesentlich von den Hauptdarstellerinnen Dagmar Manzel und Grazyna Szapolowska getragen, die jede Nuance von Unsicherheit, vorsichtiger Annäherung und Verzweiflung präzise treffen ohne je in die Nähe von Pathos oder Kitsch zu geraten. Den Schauspielerinnen wird viel Zeit und Raum für die Entfaltung ihrer Figuren gegeben und die statischen Kameraeinstellungen dieses sehr ruhigen Films unterstützen das äußerst feinfühlige Portrait zweier ungleicher Frauen noch zusätzlich.
Dora ist bis zu Jolas Ankunft so ordentlich und beherrscht, dass sie, als sie vor Wut ein paar Gläser zerschlagen will, diese erst in einen Beutel steckt, damit die Scherben nicht überallhin fliegen. Und obwohl dies eines der eindrücklichsten Bilder des Films ist, begreift man erst, mit welch bitterem Ernst Manzel ihre Figur ausstattet, als man sie einmal entspannt lachen sieht – ihr Lachen wirkt wie ein Schock, so verändert erscheint sie auf einmal.

Während Dora sich schließlich dank ihrer Besucherin mehr und mehr öffnet, bleibt diese rätselhaft und verschlossen: sie lächelt zwar mehr, aber gibt wenig von sich preis. So bleibt stets ein Rest an dieser Zuneigung, der dem Zuschauer verborgen bleiben muss, dabei hätte man so gerne mehr von diesen beiden Frauen gewusst, die da etwas spröde sich ineinander verlieben. Insbesondere bleibt Szapolowskas Jola eigentümlich eindimensional, denn anders als Manzels Figur wird sie durch keinerlei familiären oder freundschaftlichen Hintergrund ein wenig vielschichtiger gemacht.
Franziska Meletzky, Elke Rössler (Drehbuch) und Anke Hartwig (Produktion), die mit Nachbarinnen ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam vorlegen, haben sich nicht gänzlich auf das Kammerspiel in Doras Wohnung beschränkt; die anderen Figuren des Films, allen voran Jörg Schüttauf als der schüchterne, aber treue Freund Conny, tragen sehr viel dazu bei, dass ein dichtes und stellenweise sehr komisches Gesamtbild des kleinen Soziotops Plattenbau nebst angrenzender Imbissbude entsteht. Durch diese Anbindung an eine Außenwelt bewahrt sich Nachbarinnen immer eine gewisse Leichtigkeit einer- und Bodenhaftung andererseits, die Dora und Jola in der kleinen Wohnung zuweilen zu fehlen scheint.
Filmkritik von Rochus Wolff
Veröffentlicht am 26.04.2005
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Film-Angaben
Titel: Nachbarinnen
Deutschland 2004
Laufzeit: 88 Minuten
Regie: Franziska Meletzky
Drehbuch: Elke Rössler
Produktion: Ernst Ludwig Ganzert, Wolfgang Tumler, Anke Hartwig, Jan Philip Lange, Niklas Bäumer
Darsteller: Dagmar Manzel, Grazyna Szapolowska, Jörg Schüttauf, Berndt Stübner, Ramona Libnow
Kinostart: 28.04.2005
DVD-Angaben
Titel: Nachbarinnen
Vertrieb: Salzgeber & Co Medien GmbH
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 88 Minuten
Extras: Deleted Scenes; Hintergrundinformationen zu Darstellern und den Dreharbeiten; Regisseursbiografie; Slideshow mit Interviews mit F. Meletzky und D. Manzel; Original Kinotrailer, Booklet
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 15.11.2005
Copyright Nachbarinnen
Fotos © Junifilm
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