Nach der Hochzeit

Eine Hochzeit wirft alle Beteiligten aus der emotionalen Routine. Mit diesem Melodram bleibt Regisseurin Susanne Bier ihrer persönlichen Handschrift treu und wirft in einer sperrigen Inszenierung existentielle Fragen auf.

Nach der Hochzeit

Drehbuchautor Anders Thomas Jensen und Regisseurin Susanne Bier sind ein ungewöhnliches, aber produktives Gespann. Jensen ist vor allem bekannt für schräge Stories mit schwarzem Humor wie in Dänische Delikatessen (De Grønne Slagtere, 2003) oder Adams Äpfel (Adams Æbler, 2005), während Susanne Bier sich eher auf dramatische Stoffe konzentriert, welche sie vorzugsweise ohne technische Schnörkel inszeniert. Ihre bisherigen Zusammenarbeiten, Open Hearts (2002) und Brothers (2004), waren profunde aber nüchtern umgesetzte Psychodramen, deren Handlungen mit den unwahrscheinlichsten Zufällen gespickt waren. Mit Nach der Hochzeit scheint das ungleiche Duo diesen Weg nun konsequent weiter zu beschreiten, denn der Film verweist in seiner Erzählform wie auch im Handlungsaufbau auf seine Vorgänger.

Nach der Hochzeit

Jacob (Mads Mikkelsen) führt ein Aussteigerdasein in Indien, wo er ein Waisenhaus leitet. Aus Mangel an finanziellen Mitteln kehrt er widerwillig in sein Heimatland Dänemark zurück, wo Jorgen (Rolf Lassgård), ein reicher Geschäftsmann, eine hohe Spendensumme in Aussicht gestellt hat. Das geschäftliche Treffen verläuft vielversprechend, aber statt einer Zusage erbittet sich Jorgen Bedenkzeit und lädt Jacob zur Ablenkung auf die Hochzeit seiner Tochter Anna (Stine Fischer Christensen) ein, die zufällig am gleichen Wochenende stattfindet. Auf der Feier trifft Jacob überraschend auf seine Jugendliebe Helene (Sidse Babett Knudsen), die pikanterweise die Mutter der Braut ist und damit auch die Frau des edlen Gönners Jorgen. Als Jacob auch noch erfahren muss, dass Anna nicht Jorgens leibliche Tochter ist, macht sich die dunkle Ahnung breit, dass hier mehr als Zufall am Werk ist.

Nach der Hochzeit

Susanne Bier nimmt den Zuschauer in Nach der Hochzeit mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, entfaltet das größtmögliche Familienidyll, nur um es im Verlaufe der Handlung in sich zusammen fallen zu lassen. Dabei wählt der Film ausgerechnet ein Familienfest als Rahmenhandlung und weckt somit Erinnerungen an Thomas Vinterbergs Das Fest (Festen, 1998). Dazu ist Nach der Hochzeit auch noch – ebenso wie Susanne Biers vorigen Werke – stark von der dänischen Dogma-Ästhetik geprägt, die unter anderem eben jener Vinterberg Mitte der neunziger Jahre ins Leben gerufen hat. Minimaler technischer Aufwand wie der Handkamera-Einsatz lässt die Inszenierung entsprechend sperrig und die Bilder grobkörnig wirken. Der Film erreicht damit eine hohe emotionale und unmittelbare Intensität, wie sie Dogma-Filmen zugeschrieben wird. Um die Brüchigkeit des familiären Glücks während der Hochzeit zu verdeutlichen, bedarf es nur einer Schärfenverlagerung von der Braut Anna auf ihre Mutter, die durch die plötzliche Rückkehr Jacobs in ihrem Leben aufgewühlt wird.

Hartnäckige Close-Ups auf die Gesichter der Hauptfiguren scheinen eines der beliebtesten Stilmittel Susanne Biers zu sein und sind auch ein tragendes Element in dieser verworrenen Familiengeschichte. Die Kamera verharrt auf Gesichtern und erkundet sie bis in kleinste Details bemüht darum, jegliche Nuance einer inneren Regung aufzuzeichnen. Susanne Bier verschafft ihren Darstellern somit genügend Raum, um ihre Rollen durch kleine Gesten mit Leben zu füllen. Insbesondere mit der tragischen Figur von Jorgen gelingt ein starkes Psychogramm des kontrollierten und berechnenden Geschäftsmannes, dem die Situation zusehends entgleitet.

Nach der Hochzeit

Nach der Hochzeit bietet nicht den einen finalen Moment, in welchem das große Versteckspiel auffliegt. Stattdessen muss jede der Hauptpersonen in tränenreichen Sequenzen ihre eigene Katharsis durchschreiten. All den Schmerz seziert der Film in epischer Breite, und so laviert die Handlung stets an der Grenze zur Gefühlsduselei. Trotz dieses hohen emotionalen Wellengangs gelingt es Susanne Bier, ihr Werk vor solchem Ungemach zu bewahren. Immer dann, wenn die Handlung Gefahr läuft, ins Sentimentale abzudriften, bricht die Regisseurin die Stimmung mit einer überraschenden Wendung oder gar einer derben Zote. Lässt man sich auf das etwas konstruierte Szenario ein, so entwickelt sich ein unter die Haut gehendes Drama von existentieller Wucht. Dabei ist es der Regisseurin gelungen, einen warmen und positiven Grundton zu bewahren, der außergewöhnliche Melodramen auszeichnet. Die Geschichte von familiärer Fürsorge sowie Liebe über den Tod hinaus ist so lebensbejahend und hoffnungsvoll, wie die Traumfabrik Kino in ihren besten Momenten nur sein kann.

Kommentare


Martin Z.

Nach der Hochzeit der Kinder, die sich als Schuss in den Ofen entpuppt, wird eine Lawine losgetreten, die alles, was bisher unter den Teppich gekehrt worden ist, aufdeckt. Alle Leichen im Keller der Beziehungen werden als Licht gezerrt. Am Anfang steht eine missglückte Beziehung mit Folgen. Was dann folgt, ist eine sehr komplexe Schilderung der menschlichen Verantwortlichkeiten dafür. Die Dialoge und Reaktionen der Figuren sind absolut überzeugend und bewegen sich in einem Netz aus unerfüllter oder wieder möglicher Liebe, finanzieller Wiedergutmachung, verletztem Stolz und charakterlicher Weiterentwicklung zum Besseren hin. Beeindruckend erzählt, kommt keine Depression auf, denn in jeder Krise steckt auch eine Chance, die von den Betroffenen ergriffen wird…


Manfred E

Was für ein fantastischer Film, wir haben ihn heute auf Arte gesehen und wir waren begeistert. Er berührt die Seele.


artischokke

Eine grauenhafte Schmonzette mit tollen Schauspielern aber komplett überfrachtetem melodramatischem Drehbuch.


Eva

Ich kann mich Manfred nur anschließen. Der Film ist auf seine Weise grandios und aufwühlend.


froschaugi

die beiden männlichen hauptdarsteller sind verheerende fehlbesetzungen (mikkelsen als entwicklungshelfer, lassgard als fürsorglicher familienvater- hallo?????), die handlung unrealistisch (wer erzählt bei einer tischrede, dass der vater nicht der leibliche ist, und der vermeintlich leibliche sitzt unter den gästen), die szenen mit der grossmutter und ihrem laptop unlustig und der gesamte film einfach nur unspannend.


Micha

Wer sich gern im Kinosessel emotional weiter schaukeln möchte, dem sei "In einer besseren Welt" empfohlen. Diesmal allerdings nicht mit einem indischen Weisenhaus im Background, sondern mit einem afrikanischen Flüchtlingscamp. Vielleicht sollte man aber doch besser mal wieder eine italienische Oper genießen.






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