N - Der Wahn der Vernunft

Peter Krüger lotet in seinem dokumentarischen Filmessay das Verhältnis zwischen europäischem Logozentrismus und afrikanischer Spiritualität aus.

N - Der Wahn der Vernunft 04

Je sème à tout vent. Ich säe aus in alle Winde. So lautete lange Zeit der Slogan der vom Verlagshaus Larousse veröffentlichten Lexika und Wörterbücher, die in Frankreich immer noch Standardwerke und das Mittel der Wahl sind, wenn es um die Recherche von Fakten geht. Eben diese Suche nach Fakten sowie der Wunsch nach einem friedlicheren Leben als dem im vom Krieg zerrütteten Europa trieben den jungen Franzosen Raymond Borremans 1929 nach Afrika. Er verdingte sich als Banjo spielende Einmannband für die Kolonialherren, als Wanderfilmvorführer und fand an der Elfenbeinküste ein neues Leben. 1934 begann er an einer Enzyklopädie über Französisch-Westafrika zu arbeiten, die er bis an sein Lebensende betreute, aber nur zur Hälfte fertigstellen konnte. N - Der Wahn der Vernunft setzt nun dort an, wo die Encyclopédie Borremans aufhört – beim Buchstaben N. Borremans’ an Larousse angelehntes Motto – „Ich säe gegen den Wind und zum Vorteil des schwarzen Kontinents.“ – steht dabei indirekt fragend über dem Film: Hat Borremans mit seiner Enzyklopädie dem Kontinent tatsächlich einen Dienst erwiesen oder ihm doch eine europäische Sichtweise aufgezwängt?

Geist und Schamanin

N - Der Wahn der Vernunft 01

Anstatt nach klaren Antworten auf diese Frage zu suchen, setzt Krüger in einer experimentellen Collage dokumentarisches und fiktives, historisches und aktuelles Bild- und Tonmaterial miteinander in Beziehung und arrangiert sie zu einem Bewusstseinsstrom aus unterschiedlichsten Quellen: Dokumentarische Sequenzen von den Orten, an denen Borremans lebte und wirkte, traumähnliche Spielszenen, die von seinem Schaffen an der Elfenbeinküste erzählen, sowie Bildmaterial aus dem zwischen 2002 und 2007 tobenden Bürgerkrieg werden nahtlos miteinander verknüpft. Krügers Collage ist dabei auch ein filmischer Essay, der ausgehend von Borremans’ Leben und seiner Arbeit das trotz des Versuchs der Annäherung grundlegende Unverständnis zwischen den Kulturen umkreist. So findet auf der Tonspur ein Zwiegespräch statt: zwischen der Erzählerstimme von Michael Lonsdale, der – nach einem Text des nigerianischen Schriftstellers Ben Okri – Borremans’ nach seinem Tod umhergeisternde Seele mimt, und der Stimme einer Schamanin, die seiner rastlosen Seele zur endgültigen Ruhe verhelfen soll. Borremans’ Geist tritt dabei immer wieder in Kontakt zu Bewohnern der Elfeinbeinküste im Hier und Jetzt: ein Bauerssohn, der heute von Borremans’ damaliger Bildungsoffensive profitiert, eine Prostituierte, gefallene Opfer des Bürgerkriegs. All diese Episoden werden lose miteinander verknüpft, arbeiten sich an Themen wie Natur, Nationalität und Spiritualität ab.

Chaos stiftende Ordnung

N - Der Wahn der Vernunft 03

Der Dialog geht jedoch weit über den Wortwechsel der beiden Stimmen hinaus: Steht Borremans für eine logozentristische, europäische Rationalität, die versucht, die Welt durch Sammeln, Katalogisieren, Kartographieren und Kategorisieren zu erschließen und greifbar zu machen – im Film durch die Schmetterlings- und Insektensammlung des Forschers symbolisiert – , wird ihm mit der Stimme der Schamanin eine auf mündlicher Überlieferung und weitergegebener Tradition basierende Spiritualität entgegengesetzt. In den sich überlappenden und miteinander verwobenen Bildelementen wird dieser Gegensatz voll ausgespielt, zugleich aber auch aufgeweicht. Mehrfach wird Borremans’ Geist direkt gefragt: „Weißt Du nicht, dass deine Leidenschaft für Ordnung die Kraft des Chaos entfachen kann?“ Die Linearität der Verschriftlichung steht in diametralem Gegensatz zur mündlichen Überlieferung, in der eine jahrhundertealte Geschichte weiterlebt und sich aktiv weiterentwickelt. Mit dem Festhalten in Schrift wird dieser Prozess abgebrochen und in einer endgültigen Version festgeschrieben – oder wie einer der Männer eines Ältestenrates es formuliert: Papier und Stift bedeuten auch immer Ausgrenzung. Derridas différance als mentale wie reale Desintegration.

N - Der Wahn der Vernunft 02

Vor allem angesichts des aus ethnisch motivierten Konflikten entstandenen Bürgerkriegs muss Borremans’ Geist feststellen, dass die von den Kolonialmächten aufgezwungenen Ordnungsprinzipien nicht nur Alphabetisierung, sondern auch bürokratische und militärische Zwänge auf den afrikanischen Kontinent gebracht haben. So stößt Borremans nach seinem  körperlichen Tod durch die filmische Fiktion Krügers an die Grenzen seines linearen und logozentristischen Denkens, muss sich den blinden Wahn seiner Vernunft eingestehen. Seine Hoffnung, er könne dem Kontinent Afrika und der Elfenbeinküste im Speziellen mit seinen Ordnungsversuchen zurückgeben, was es ihm Zeit seines Lebens gegeben hat, bleibt als ambiger Wunsch offen stehen. Und doch ergreift Krüger niemals Partei, zeigt im Zwiegespräch zwischen europäischer und afrikanischer Mentalität gedankliche Zusammenhänge auf, die nicht gleich auf der Hand liegen und wird mit seinem filmischen Album selbst zu einem Chronisten.

Trailer zu „N - Der Wahn der Vernunft“


Trailer ansehen (4)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.