Mystery

Es ist was faul bei den Neureichen Chinas. Lou Ye spielt mit dem Feuer des Genrekinos.

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Mystery beginnt wie ein herkömmlicher Beziehungs-Thriller über eine Familie aus der oberen Mittelschicht: Yongzhao (Quin Hao) betrügt seine Gattin Lu Jie (Hao Lei), die findet es durch einen Zufall heraus, und kurze Zeit später stirbt die Geliebte bei einem Autounfall. Als auch noch ein eigenbrötlerischer Polizist eingeführt wird, der bei dem Tod der Frau nicht an einen Zufall glaubt, kann man sich als Zuschauer eigentlich schon denken, wie die Geschichte weitergeht.

Allerdings ist der Regisseur Lou Ye keineswegs für geradlinige Genrearbeiten bekannt, vielmehr für schicke, immer etwas unausgegorene Filme wie Suzhou River (Suzhou he, 2000) und natürlich dafür, dass er es sich mit der chinesischen Regierung verscherzt hat. Nach Summer Palace (Yihe yuan, 2006), einer epischen Liebesgeschichte rund um das Massaker am Tian’anmen-Platz, erhielt Lou in seiner Heimat ein fünfjähriges Berufsverbot, das ihn jedoch nicht davon abhielt, weiterhin subversive Filme zu drehen, entweder heimlich oder im Ausland. Spring Fever (Chun feng chen zui de ye wan, 2009) behandelte mit einer schwulen Liebesgeschichte beispielsweise ein Tabuthema in der chinesischen Gesellschaft.

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Mystery, nun wieder ganz legal in Lous Heimatland gedreht, ist in dieser Hinsicht vergleichsweise zahm. Doch obwohl der Film keine offensichtlichen Provokationen beinhaltet, porträtiert er am Rande die Spezies der Neureichen, die sich zunehmend in chinesischen Großstädten findet. Der Fahrer des Unfallautos ist etwa ein wenig einsichtiger junger Mann, der die Leiche noch mit Füßen tritt und ganz darauf baut, dass ihn sein reicher Papa aus dem Gefängnis freikauft. Yongzhao geht ähnlich rücksichtslos mit den Gefühlen seiner Frau um und ist vor allem auf seine eigenen Entfaltungsmöglichkeiten fixiert. Angesiedelt ist die Handlung in der Megalopolis Wuhan, die in Mystery einen betont europäischen Flair hat und in der es nur so vor durchglobalisierten Figuren wimmelt, wie man sie sonst eher aus dem Hongkong-Kino kennt.

Die Geschichte entwickelt sich aber dann doch anders als zunächst gedacht. Der ermittelnde Polizist ist zu faul, um sich über die Befehle seiner Vorgesetzten hinwegzusetzen, und lässt den Fall erst mal ruhen. Dem Konflikt um das Ehepaar verleiht Lou dagegen eine unerwartete Wendung: Die gehörnte Gattin erfährt, dass Yongzhao neben der Geliebten auch noch eine zweite Frau inklusive Kind hat. Die soziale Hierarchie unter den Konkurrentinnen lässt sich dabei nicht nur anhand ihrer Wohnung beobachten, sondern auch daran, wie Yongzhao sie behandelt. Während er sich von seiner offiziellen, gesellschaftlich akzeptablen Ehefrau auch mal ordentlich zur Sau machen lässt, schreckt er bei der in prekären Verhältnissen lebenden Sang Qui (Qi Xi) nicht vor häuslicher Gewalt zurück.

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Es ist schon ein wenig untertrieben, wenn man die Figurenkonstellationen in Mystery als konstruiert bezeichnet. Die Personen, auf die sich Zeng Jians Handkamera konzentriert, sind, der Größe des Schauplatzes seltsam unangemessen, fast alle zufällig miteinander befreundet. Die beiden Ehefrauen beispielsweise gehen mit ihren unwissentlich verwandten Kindern gemeinsam auf den Spielplatz, und der Polizist hat einen Mechaniker als Freund, der die Verstorbene auf nicht näher geklärte Weise kannte.

Genau dieses Überkonstruierte nutzt Lou teilweise aber gekonnt in seiner Inszenierung. Einmal sitzen etwa die beiden Frauen in einem Café. Lu Jie erzählt ihrer Konkurrentin, dass sie gesehen hat, wie ihr Mann mit einer anderen Frau aus einem Hotel gekommen ist. Genau in diesem Augenblick zeigt sie aus dem Fenster auf ein Paar potenzieller Ehebrecher. Und wie der Blick der offiziellen Ehefrau nach draußen fällt, ist Yongzhao mit seiner Geliebten zu sehen.

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Aus dem engen dramaturgischen Korsett, in das sich der Film zu Beginn zwängt, befreit er sich in der Folge auch immer wieder für längere Zeit. Die Auflösung des Kriminalfalls etwa wird nach einer Pause wieder zum Thema, nur um danach vollends im Sand zu verlaufen. Und dann gibt es da noch ungewöhnliche Nebenfiguren wie den Freund oder die Mutter der Verstorbenen, die nach herkömmlichen Kriterien eigentlich zu klein und unbedeutend sind, um ihre Existenz im Film zu legitimieren. So unausgewogen Mystery scheint, rettet ihn doch mitunter seine gleichzeitig beschränkte und wild wuchernde Erzählweise. Lou hat sicher schon bessere Filme gemacht. Es ist aber nicht ohne Reiz, seinem Arthouse-Genre-Bastard beim Scheitern zuzusehen. 

Trailer zu „Mystery“


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