Mysterious Object at Noon

Auf einer Reise durch Thailand feiert Apichatpong Weerasethakul die Lust am Erzählen und die Auflösung der Erzählung. Die restaurierte Fassung seines ersten Langfilms gibt es jetzt auf DVD.

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In einer frühen Szene von Mysterious Object at Noon (Dokfa nai meuman) erzählt eine sichtlich aufgewühlte Fischverkäuferin von ihrer tragischen Jugend. Der zentrale Moment ihrer Geschichte ist ein traumatisches Erlebnis, bei dem sie ihr Vater für ein Busticket an ihren Onkel verkauft hat. Während dieser Szene befinden wir uns vermutlich irgendwo an der Peripherie der Stadt Chiang Mai. Die Straßen wirken zu eng, um urban zu sein, und die Wohnblocks zu mächtig für eine Provinzlandschaft. Neugierig schaut sich der Film hier um und findet kleine Attraktionen wie in die Jahre gekommene Werbetafeln und flatternde Plastiktüten. Besonders interessant wird es jedoch, wenn die Frau von ihrem Vater erzählt und die Kamera dazu das Gesicht eines etwas gequält blickenden Mannes auf einem Wahlplakat fokussiert. Wir Zuschauer wissen natürlich, dass der Politiker nicht der Vater der Frau ist. Und doch werden Bild und Erzählung durch den Einsatz der Montage in diesem Augenblick eins.

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Dieses Phänomen zeigt, was die Qualität von Apichatpong Weerasethakuls erstem Langfilm ausmacht: Er fügt verschiedene Erzählsplitter zu einem Gesamtbild zusammen, ohne ihre unterschiedliche Herkunft zu verschleiern. Er verführt uns also mit einer Geschichte, zeigt zugleich aber, dass es sich bei ihr nur um ein Konstrukt handelt. Mysterious Object at Noon handelt von einer Reise durch Thailand; vom Norden in den Süden und von der Großstadt aufs Land. Den roten Faden dafür bildet ein Party-Spiel: Die Fischverkäuferin beginnt nach ihrem Schicksalsbericht von einem behinderten Jungen und seiner Lehrerin zu erzählen. Im Folgenden setzen andere Personen an anderen Orten diese Geschichte fort. Irgendwann fällt etwa die Lehrerin in Ohnmacht, worauf ein Ball zwischen ihren Beinen hervorrollt, wohl das titelgebende Objekt, das sich zunächst in einen Jungen und anschließend in eine Doppelgängerin der Lehrerin verwandelt.

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Man merkt schon, die narrative Entwicklung gestaltet sich zunehmend verworren und fantastisch. Das dürfte jedoch weniger mit der Exotik der thailändischen Kultur zusammenhängen als damit, dass Weerasethakul und sein „Story-Editor“ Mingmonkol Sonakul durch die Auswahl der Vorträge gerade kein lineares und homogenes Ganzes schaffen wollen. Während die Handlung schon nur bedingt fortlaufend ist, wird die Inszenierung regelrecht von Brüchen bestimmt: Dokumentarische und fiktive Szenen wechseln sich dabei ab (einmal wird die Geschichte auch als Musical mit Khaen-Begleitung fortgesetzt), Momente, in denen das Filmteam in Erscheinung tritt oder kurze Titeleinblendungen, die mal ergänzen, mal auch nur verwirren. Sogar die Figuren werden von unterschiedlichen Darstellern verkörpert. Das Faszinierende an diesem Durcheinander ist, dass der Film sich zwar gewissermaßen seinem Publikum verweigert, Konventionen zerlegt und auch ziemlich „meta“ ist, sich dabei aber keineswegs so schwerfällig und intellektuell anfühlt, wie sich das möglicherweise hier anhört. Mysterious Object at Noon hat ein besonderes Talent für sanfte Umstürze. Er will nicht provozieren und verunsichern, sondern die Neugier auf Unbekanntes wecken.

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Trotzdem wirkt der Film im Vergleich zu den späteren Werken des Regisseurs auch ein wenig spröde. Es ist durchaus schlüssig, dass Weerasethakul erst später zum Stammgast von A-Festivals wurde, auf denen man sich eher auf gediegenes Arthouse-Kino spezialisiert hat. Sein Debüt stellte er dagegen noch auf dem experimentierfreudigeren Festival in Rotterdam vor, mit dessen Hubert Bals Fund der Film auch finanziert wurde. Mysterious Object at Noon ist alles andere als ein ästhetisch makelloses Werk, bei dem man sich jedes Bild über den Kamin hängen möchte. Stattdessen arbeitet er mit grobkörnigen 16mm-Bildern in Schwarz-Weiß sowie einer wackeligen Handkamera, die keine perfekten Bildkompositionen festhält, sondern ständig am Suchen ist. Das Unfertige und Prozesshafte durchzieht ohnehin den gesamten Film. Es wird immer weiter erzählt – durch Radio-Seifenopern, reißerische TV-Shows, zuckrige Pop-Songs, erfundene wie auch wahre Ereignisse –, ohne dass die Geschichte sich wirklich greifen ließe oder gar auf eine Pointe zuliefe. Doch auch dabei steht nicht die Verweigerung im Vordergrund; nicht das, was uns vorenthalten wird, sondern das, was uns stattdessen angeboten wird. Das können empathische dokumentarische Alltagsbeobachtungen sein, absurde Spinnereien (die letztlich nicht weniger über die Darsteller erzählen als die wenigen persönlichen Äußerungen) oder auch, am Ende des Films, zehn Minuten lang nur Aufnahmen von spielenden Kindern. Das Schöne an diesen unterschiedlichen Elementen ist, dass sie nicht als Gegensätze herhalten müssen; dass sie sich nicht widersprechen, sondern einander ergänzen. Als Weerasethakul die Fischverkäuferin nach einer weiteren Geschichte fragt, fügt er bezeichnenderweise auch hinzu, dass es egal sei, ob sie wahr oder erfunden ist.

Als Bonusmaterial enthält die DVD der Edition Filmmusuem neben drei frühen Kurzfilmen Weerasethakuls auch ein 2009 erschienenes, inzwischen vergriffenes Buch des Österreichischen Filmmuseums über den Regisseur als PDF-Datei (engl.; 256 Seiten).

Trailer zu „Mysterious Object at Noon“


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