My Week with Marilyn

Verführung in Cinemascope. Der Mythos Marilyn kehrt an seine Geburtsstätte zurück.

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London Airport steht Kopf. Eine Rampe fährt an den Ausstieg des Flugzeugs, während die riesigen Lampen der Fotokameras unablässig aufblitzen. Es dauert nicht lange, und Marilyn Monroe (Michelle Williams) schreitet die Stufen der Rollbahn hinunter. Ein verunsichert wirkendes Gesicht versteckt sich hinter der riesigen Sonnenbrille. Gewimmel, Geschrei, gleich ein Interview. Und siehe da, das Lächeln sitzt, als wäre es niemals weggewesen. Sie ist wieder da. Auch wir dürfen sie noch einmal sehen. Die Reanimierungsmaschine Kino hat begonnen, Impulse auszusenden.

Marilyn Monroe ist wohl die am häufigsten zitierte und rezipierte Filmikone des vergangenen Jahrhunderts. Zum reinen Kulturprodukt verkommen, dringt etwas von ihrem Zauber hier und dort noch zu uns, und sei es nur in Form einer starren, in Wachs gegossenen Figur, als Motto einer Model-TV-Show oder als beliebte Partyverkleidung. Der Mythos versprüht noch Funken, die Reproduktion lebt. Mit My Week with Marilyn wagt sich nun der britische Fernsehfilmemacher Simon Curtis an seine erste große Kinoproduktion und macht sich an die Rekonstruktion einer geheimnisumwobenen Woche im Leben der Legende.

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Colin Clark (Eddie Redmayne) ist adelig, reich und wächst im imposanten Anwesen seiner Eltern auf. Wirkliche Freude empfindet er aber nur beim Besuch des örtlichen Kinos. Angetan vom glamourösen Schein der Branche, beschließt er einen Job bei Sir Laurence Oliviers (Kenneth Branagh) nächstem Film zu ergattern. Dank seines Ehrgeizes erhält er prompt eine Anstellung und darf bei der Produktion von The Prince and the Showgirl assistieren. Als es ihm gelingt, der Hauptdarstellerin Marilyn Monroe näher zu kommen, scheint auch sie Gefallen an dem jungen Gehilfen zu finden. Sie flüchtet sich mit ihm in die Zweisamkeit, die bei vielen auf wenig Verständnis trifft.

„It was the lightest of comedies”, resümiert Colin aus dem Off den Plot von The Prince and the Showgirl (Der Prinz und die Tänzerin, 1957). Ein leichtes, anspruchsloses Vergnügen sollte es werden, ein Publikumshit. Ähnliches dachte man sich wohl auch bei My Week with Marilyn im Vorfeld. Es plätschert und dümpelt im Drehbuch, der Film ist im Grunde eine schön fotografierte Romantic Comedy unter dem Deckmantel der Künstlerbiografie. Schlafzimmergespräche dürfen da nicht fehlen, und der See nebst Windsor Castle dient als sinnliche Oase samt erotischem Badeerlebnis. Mit der Konzentration auf einen beschränkten Zeitraum im Leben des Megastars gelingt es zwar, Themen wie das fehlende Selbstvertrauen oder den Tablettenmissbrauch der Ikone aufzugreifen, doch geht es dabei weniger darum, die Person zu ergründen, als vielmehr Emotionalität zu erzeugen.

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Massenkompatibel ist das in jedem Fall, einer derartigen Persönlichkeit wird man aber mit solch einer geglätteten Inszenierung kaum gerecht. Angesichts der geradezu betörenden Darstellung Michelle Williams’ kann man dies als ärgerlich empfinden. Im bunten Reigen der Filmbiografien ist dieses Phänomen keine Seltenheit, und Ausnahmeerscheinungen wie Johnny Cash (Walk the Line, 2005) oder Ray Charles (Ray, 2004) werden allzu sehr auf vorgefertigte filmische Schablonen gedrückt. So ganz anfreunden werden sich deshalb einige Zuschauer mit My Week with Marilyn sicher nicht. Da mag Williams mit noch so viel Verve an ihre Figur gehen, mehr als ein leichtes Kratzen am Lack der Oberfläche gelingt hier nicht. Die Figur der Monroe bleibt ein weiteres Mal unergründet, sie schillert wie so oft nur in ihrem magischen Licht.

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Dennoch kann man das dem Film nicht ganz übel nehmen, denn er bringt Marilyn wieder dahin, wo sie immer war: ins Kino. Und er operiert mit ihr als das, was sie immer war: als Glanzprodukt des Kinos. Es scheint, als wolle man nicht der Person Tribut zollen, sondern dem reinen Mythos samt seinen medialen Bedingungen und der Art, wie er sich uns überträgt: mit federleichter kinematografischer Kost, wunderbaren Ensemblestücken, der Glorifizierung mit Licht und Ton. Eine Filmikone kommt eben erst zur Geltung, wenn mit bestimmten filmischen Mitteln gearbeitet wird. Und genau das macht My Week with Marilyn. Die Kamera verweilt auf den Personen, fängt unentwegt Mimik, Bewegungen und Körperhaltungen ein, taucht sie in gleißendes Licht. Wir sehen ihr zu, wie sie ihre Kleider ablegt und ins glitzernde Wasser steigt, das ihren nackten Körper umspielt. Colin, der mit Hundeblick und riesigem Schmollmund den Prototyp des schönen Jünglings verkörpert, folgt ihr voller Vorfreude. Intime Momente des Privaten verfallen der Logik des Mythos, sind nicht mehr als idyllische Romantik und zarte Erotik. Eben das, was wir stets in ihr gesehen haben.

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Simon Curtis’ Komödie über Marilyn ist wie eine Komödie mit Marilyn. Sein Film setzt auf markante Züge seiner Figuren, allen voran Monroe, leuchtet sie aus und stellt sie aus wie eine Schaufensterpuppe. Da bleibt nicht mehr als reiner Schauwert, hingebungsvolles Schmachten und schöner Schein, aber Marilyn hat dahin zurückgefunden, wo sie herkommt. So gesehen macht My Week with Marilyn doch wieder alles richtig. 

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Kommentare


Michael Collin

Diese Kritik wird dem Film nicht gerecht. Viel wird über den Mythos MM geredet, wenig über die Tatsache, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelt; dass die Besetzung bis in Nebenrollen großartig ist; dass die Kamera wunderbar ist. Und das Label "romantic comedy" sollte überdacht oder wenigstens begründet werden. Sorry, aber diese Rezension lohnt nicht gelesen zu werden.


jlo

Lieber Michael Collin,
ich gebe Ihnen völlig recht! Die Rollen sind großartig besetzt, die Darsteller agieren wunderbar miteinander. Und Ben Smithards Kamera weiß genau, wie sie Michelle Williams ins Bild setzen muss, ihre Bewegungen einfangen muss, um ihr unvergleichlich gutes Spiel zu unterstützen. In seiner Umsetzung als Unterhaltungsfilm gibt es bei My Week with Marilyn nicht viel zu meckern. Ich hoffte, das deutlich machen zu können. Als Künstlerbiographie funktioniert der Film allerdings nicht. Dem selbstgesetzten Vorhaben, eine wahre Geschichte zu erzählen, wie es zu Beginn des Films heißt, kann My Week with Marilyn nicht gerecht werden, zumal die Authentizität von Colin Clarks Tagebuch zu bezweifeln ist. Mit seiner beharrlichen, wenn auch schön anzuschauenden Konventionalität, die die geheime, verspielte und stark romantisierte Liebelei zum Dreh- und Angelpunkt macht und Ehe- und Drogenprobleme dramaturgisch auswälzt, ist der Film sicher nicht um eine wahrheitsgetreue Buchadaption bemüht.


Michael Collin

Es ist immer ärgerlich, wenn man von einem Produkt (hier: Film) etwas anderes erwartet, als geboten wird. Ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass der Film kein ernstgemeinter Versuch sein kann, der Biografie MMs gerecht zu werden und vielleicht auch noch neue Aspekte zu liefern. Offensichtlich ist der Zuschauer im Vorteil, der sich "nur" unterhalten lassen will und mit tollen Bildern, tollen Schauspielern und einer "netten" Handlung zufriedengestellt ist. Mehr hatte ich nicht erhofft und war sehr zufrieden mit dem Film. Vielleicht hätte ich den Vorspann ernster nehmen müssen.
Sollte man wirklich mehr erwarten? Es war keine Doku, sondern ein Kinofilm mit Schauspielern, die keine historischen Szenen nachgespielt haben, sondern eine kleine Anekdote aus dem Leben MMs vorgestellt haben, auch wenn Colin Clark es seinerzeit bestimmt nicht so wahrgenommen hat (und den Wahrheitsgehalt seiner Erinnerungen muss man an dieser Stelle vielleicht nicht prüfen).
Ich erinnere mich an die Vorwürfe, die gegen den Film "Sylvia" erhoben worden sind. Für einige war es ein einziger Skandal, das Leben von Sylvia Plath filmisch zu gestalten. Grundsätzlich gibt es immer massiven Gegenwind, wenn jemand den Versuch unternimmt, sich einer solchen Ikone anzunähern, ohne zu erstarren. Vielleicht sind meine Erwartungen zu niedrig, aber im Kern bleibt meine Kritik an ihrer Filmrezension erhalten: Der Film ist sehr sehenswert und unterhaltsam. Darüber darf eine weitergehende Auseinandersetzung mit der Frage, wie Film der Wahrheit verpflichtet ist, meiner Ansicht nach nicht hinwegtäuschen.
Ich habe immer Michelle Williams gesehen, die MM spielt, und diese "Verkörperung" ist großartig gelungen. Trotzdem habe ich sie nicht mit dem Original verwechselt. Und gerade da liegt der Reiz: Wenn MW MM spielt, die in Oxford den begeisterten Schülern anbietet, MM2 zu spielen, die Monroe, die jeder zu kennen glaubt. Das ist nicht der Gipfel der Subtilität, aber gleichwohl tolles Kino.
Einigen wir uns auf folgendes: Film ansehen und eigens Urteil bilden.


Martin Zopick

Michelle Williams hat die Marilyn sehr gut drauf: ihr Lächeln, den Schmollmund, ihre Bewegungen und ihren hüftenschwingenden Gang. Aber natürlich ist sie nur eine gute Kopie der Leinwandgöttin. Dabei kommt eine Fülle von Facetten ihres Wesens zum Vorschein, die wir zwar alle bereits kannten, aber hier werden sie nochmals gebündelt. Angefangen von Äußerlichkeiten wie denen, dass ein ganzes Filmstudio stundenlang auf sie warten musste oder ihr Gedächtnis, das man mit einem Schweizer Käse verglichen hat (Ihre legendären Hänger!). Neben ihrer Unzuverlässigkeit kommen aber auch ihre Verletzlichkeit und Unsicherheit zum Vorschein oft gemischt mit einem Touch Naivität. Auch ihre Alkohol- und Tablettenabhängigkeit wird erwähnt. Diese Informationen verdanken wir Colin Clark, der siehe Titel mit MM befreundet war. Der Wahrheitsgehalt lässt sich schwerlich nachprüfen, aber es entsteht ein in sich schlüssiges Bild der Norma Jean mit all dem Starrummel, der Fehlgeburt und letztlich immer wieder ihrer Liebesbedürftigkeit. Ihr Leben war ein Drama voller menschlicher Tragik. Dazu kamen stets die falschen Ehemänner. Wenn sie Kollegen und Regisseure (Kenneth Branagh) an den Rand des Wahnsinns trieb (außer Billy Wilder) erfuhr sie möglicherweise auch Zuspruch von Vivien Leigh (Julia Ormond) und Sybil Thorndike (Judi Dench).
Die Beziehung zu Colin Clark – egal ob wahr oder übertrieben – fährt voll auf der emotionalen Schiene und beeindruckt durch Tiefgang. In diesen Szenen ist Eddie Redmayne ihr durchaus ebenbürtig.
Simon Curtis‘ Debutfilm ist eine eindrucksvolle Charakterstudie voller Details. Man kann ihn aber auch als einen Beitrag zur Wahrheitssuche verstehen. Als Film kann es über ihn keine zwei Meinungen geben. Star ist, wenn alles um sie herum verblasst!






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