My Summer of Love
Ein Film über die intensive Freundschaft zweier grundverschiedener Mädchen während der Sommerferien, der sich schnell in Plattitüden und Klischees verliert.

Mit My Summer of Love begibt sich Regisseur Pawel Pawlikowski auf das schon häufig betretene Gebiet der postpubertären Mädchenfreundschaften. Sein Film zelebriert allerdings nicht die romantische Vorstellung einer Freundschaft ohne Konflikte, sondern rückt mehr die dunkleren Seiten in den Mittelpunkt, womit er sich in der Tradition zahlreicher thematisch verwandter Filme wie etwa Himmlische Kreaturen (Heavenly Creatures, 1994), Das Traumleben der Engel (La vie rêvée des anges, 1998) oder Fräulein Niemand (Panna Nikt, 1997) bewegt.
Mona (Natalie Press) lebt zusammen mit ihrem ehemals straffälligen und nun zum Christentum bekehrten Bruder Phil (Paddy Considine) im herunter gewirtschafteten Pub der verstorbenen Eltern. Als sie während der Sommerferien die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Tamsin (Emily Blunt) kennen lernt, ist das der Beginn einer intensiven Freundschaft. Dass Pawlikowski den verschiedenen sozialen Hintergründen der beiden Mädchen eine relativ dominante Stellung einräumt, führt schon am Anfang zu einer haarsträubenden Darstellung von Stereotypen. Mona steht für die prollige Vertreterin der Arbeiterklasse, die durch mangelnde Intelligenz, geschmacklose Kleidung und ein plumpes Auftreten in Szene gesetzt wird. Als würde eine undifferenziert gezeichnete Figur nicht reichen, wird mit der Darstellung der kultivierten und geistig überlegenen Tamsin noch eins draufgesetzt. Schon als sich die beiden kennen lernen drückt sich das höhere Bildungsniveau Tamsins hauptsächlich durch ein unmotiviertes „name-dropping“ von Nietzsche bis Freud sowie ihrer Vorliebe für Edith Piaf aus.

Die für gewöhnlich unüberbrückbar wirkenden sozialen Unterschiede zwischen Arbeiterklasse und gehobenem Bürgertum treten für die beiden schnell in den Hintergrund. Die Mädchen verstehen sich nämlich sofort blendend und verbringen die gemeinsamen Sommertage mit Rotwein, sich oben ohne sonnend oder kleine Streiche spielend, die meist auf Kosten von Monas Exfreund gehen. Der Film erzählt jedoch nicht nur von einer einfachen Mädchenfreundschaft, sondern auch von ihrer zunehmend gefährlichen Eigendynamik, die sich in obsessiver Zuneigung und gegenseitiger Abhängigkeit äußert, wodurch My Summer of Love in die Nähe eingangs genannter Filme gerät. Am Deutlichsten ist die Parallele zu Peter Jacksons Himmlische Kreaturen, der fast dieselbe Geschichte erzählt, aber dem Zuschauer weitaus effektiver die Brisanz der thematisierten Freundschaft näher bringt. Dagegen will sich das Gefährliche und Verbotene der Beziehung in My Summer of Love nicht so richtig entwickeln, weil zwar stets Abgründe suggeriert werden, aber sich letztendlich nicht auftun. Man wartet auf den großen Wendepunkt, an dem die Situation endlich entgleist, doch dazu kommt es erst in der letzten Szene, und die wirkliche Gefahr verpufft genauso schnell, wie sie aufgekommen ist. Das Gewagteste, das die beiden anstellen, bleibt dann auch, die Schlussszene ausgenommen, etwas derart Harmloses wie Gläserrücken oder Monas Bruder zu ärgern.

Das Gezeigte ist filmisch und dramaturgisch so konventionell und ohne stilistische Feinheiten, die zumindest einen unverbrauchteren Blick auf die ohnehin abgedroschene Handlung werfen könnten, gestaltet, dass sich relativ schnell Langeweile einstellt. My Summer of Love gelingt es trotz obsessiver Beziehung und großen Emotionen nicht unter die Oberfläche zu gelangen, weil er seine Geschichte auf eine zu triviale Weise erzählt. Selbst die sexuellen Annäherungen zwischen Mona und Tamsin wirken zu aufgesetzt und mehr wie ein dekorativer Nebeneffekt, als aus der Handlung motiviert.
Warum der Film von der British Film Academy zum besten britischen Film gekürt wurde, bleibt ein Geheimnis. Es scheint, als wollte der Filmemacher ein Thema möglichst massenkompatibel und deshalb ohne drastische Entgleisungen umsetzen und gleichzeitig einen gewissen künstlerischen Anspruch behalten, jedoch plätschert My Summer of Love für einen publikumswirksamen Film viel zu ereignis- und bedeutungslos vor sich hin. Die von Abhängigkeiten und Machtspielchen gezeichnete Freundschaft soll den Zuschauer mit den emotionalen Abgründen Jugendlicher konfrontieren, scheitert aber in der Darstellung ihrer dunklen Seiten und sorgt eher für ein müdes Lächeln als für Spannung oder Betroffenheit. Da hilft dann auch der Einsatz des immer wiederkehrenden Titelsongs „Lovely Head“ der englischen Band Goldfrapp nicht mehr, der den Bildern zwar eine mysteriöse und melancholische Stimmung verleiht, aber letztendlich durch seinen hohen Bekanntheitsgrad abgedroschen wirkt. Schließlich ist der Song auf dem 2000er Album Felt Mountain erschienen und wurde seitdem schon von der deutschen Vorabendsoap bis zur Autowerbung exzessiv als Hintergrundgedudel verwendet. Den Eindruck des Abgenutzten, der einem beim Hören dieser Musik widerfährt, ist auch in ähnlicher Weise bei den Bildern zu spüren, die man alle schon einmal gesehen zu haben glaubt, nur besser.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 22.06.2005
Kommentare zu My Summer of Love
Michi 04.02.2006 21:05
diesenfilm bedeutet für mich sehr viel,denn ich habe eine Freundschaft mit einem Mädchen und wir nennen uns auch Mona und Tamsin :) einfach toll ist der film !!!
alice 14.06.2007 18:31
ich kann der Kritk nicht zustimmen. Dieser Film zeichnet sich nicht nur durch ein sehr durchdachtes Spiel mit Farben und der Kamera aus, sondern vor allem durch eine wunderbar realistische und einfühlsame Beobachtung der Liebesgeschichte. Es braucht keine großen Streiche und Aktionen,um sich zuu verlieben. Vom Sich-näher-kommen bis zum Sich-innig-lieben, diese Annäherung wird mit Blicken und zarten Gesten durchgeführt, von den Schauspielerinnen übrigens genial umgesetzt.
Matthias 30.04.2010 10:19
Ich habe diesen Film im Nachtprogramm von 3Sat gesehen, ich konnte nicht schlafen und sah den Film, ohne jemals davon gehört zu haben. Natürlich war der Plot vorhersagbar aber die Schauspielerinnen waren wunderbar , ja auch wunderbar und unwirklich schön ( Emily Blunt ) Monas Bruder war schon eine Witzfigur, aber der Film hat ja auch nicht den Anspruch einer sozial korrekten Studie. Er ist die Darstellung von grossen Gefühlen, die nicht erwidert werden, von dem Gegensatz zwischen arm und reich und schön und hässlich und deren Unauflösbarkeit... Mann muss sich dem Film hingeben, er ist glücklicherweise nicht realistisch...konnte danach ruhig einschlafen
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Film-Angaben
Titel: My Summer of Love
Großbritannien 2004
Laufzeit: 86 Minuten
Regie: Pawel Pawlikowski
Drehbuch: Pawel Pawlikowski, Michael Wynne
Produktion: Tanya Seghatchian, Chris Collins
Darsteller: Natalie Press, Emily Blunt, Paddy Considine, Dean Andrews
Kinostart: 30.06.2005
DVD-Angaben
Titel: My Summer of Love
Vertrieb: Eurovideo
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 84 Minuten
Extras: B-Roll (engl., unkommentiert), Kinotrailer
Verleih ab: 12.02.2006
Verkauf ab: 16.03.2006
Copyright My Summer of Love
Fotos: © Prokino
BERLINALE 2012

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