My Stuff

In My Stuff reflektiert ein junger Finne mockumentary-artig über Unglück und Konsum und nimmt dann den kürzesten Weg zur romantischen Einsicht.

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Die Idee, dass der Mensch sich in der modernen Konsumwelt völlig von seiner Essenz entfremdet habe, reicht mindestens zurück bis ins Zeitalter der Industrialisierung. In seinem 1854 erschienen Roman Walden unternahm der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau bereits den Versuch, zwei Jahre alleine im Wald zu leben, dem einzigen Ort, so Thoreaus Idee, an dem vielleicht noch ein Leben außerhalb der engen Grenzen und Normierungen der Gesellschaft möglich ist und der Mensch durch Introspektion wieder zu sich selbst finden kann – und zum richtigen Leben im Falschen.

Die Ohnmacht der digitalen Welt

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Im 21. Jahrhundert ist der Grad, zu dem Konsumartikel und technische Accessoires von Computern bis Smartphones unser Leben bestimmen, auf ein neues Level gestiegen, die Unüberschaubarkeit, ja Undurchdringlichkeit der digitalen Welt führt nur zu oft zu einem beständigen Ohnmachtsgefühl. Es wundert also nicht, wenn ein junger Europäer auf die Idee kommt, sich für ein Jahr von seinem gesamten Besitz zu trennen, danach jeden Tag einen Gegenstand in sein Leben zurückzuholen und daraus einen Film zu machen. Das Ergebnis, My Stuff, ist das Werk des jungen Finnen Petri Luukkainen, der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller zugleich ist. Der Film beginnt mit Tag 1, die Kamera fährt geschmeidig durch eine leere Wohnung, wir sehen den Protagonisten nackt auf dem Boden seines Wohnzimmers liegen. Von dort an hangelt sich die Dramaturgie an einem Herunterzählen der Tage entlang, macht aber auch größere Sprünge von ein paar Wochen. Immer kommt dabei ein weiteres Objekt zurück in die Wohnung, hier ein Sofa, dort ein Kleidungsstück.

Es beginnt als reizvoller Gedanke: Wie kann man als junger Mensch so unglücklich sein, obwohl man doch scheinbar alles hat? Um eine Antwort auf diese Frage zu erlangen, unterwirft sich Luukkainen der selbst auferlegten Askese und stellt allerlei filmästhetische Mittel in seinen Dienst, um den Zuschauer mit auf die Reise zu nehmen. Während eine verwackelte Handkamera immer wieder Unmittelbarkeit suggeriert, sorgen im klassischsten Sinne aufgelöste Szenen für Zugänglichkeit und Entspannung, zum Beispiel als Luukkainen einem Freund beim gemeinsamen Abendessen im Restaurant von seiner Idee berichtet. Darüber hinaus erzeugt ein leicht jazziger Soundtrack das melancholische Gefühl von großstädtischer Ziellosigkeit.

Romantische Einsichten im Schuss-Gegenschuss

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Bei alledem geht es dem Film kaum darum, das Selbstexperiment durch konsequente Darstellung von Leere und Langeweile erfahrbar zu machen, eher möchte er den Zuschauer auf unterhaltsame Weise wachrütteln. Von Anbeginn stellt sich My Stuff in eine klassische Dramaturgie: Luukkainen wirft eine Frage auf – „Wieso bin ich unglücklich?“–, um diese im Verlauf des Films zu beantworten. Immer wieder gibt es Voice-over-Einschübe, die uns den Gedankenprozess des Protagonisten näherbringen sollen, die gelegentlich in längere innere Monologe ausufern, aber meist nur kurze, leicht verdauliche Einschübe bleiben. In einer Szene etwa sitzt Luukkainen mit seinem kleinen Cousin zusammen vor einer Hütte und erzählt von seinem Experiment. Der Junge sagt schnippisch, ihm fehle eben eine Freundin, und lacht.

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Es ist nicht zu viel verraten, wenn man sagt, dass My Stuff nicht weiter mit seiner Reflexion kommt als zu der alten Einsicht, dass materieller Komfort im Leben alleine wenig wert ist, solange im emotionalen Kern eine Lücke klafft. Dem erfolgreichen Mann fehlt zu seinem Glück eben noch die richtige Frau an seiner Seite. Ähnlichen Rat hat auch Luukkainens Großmutter für ihn, und als selbige in ein Altenheim kommt, geht sich der Film in gewisser Weise selbst in die Falle: Als die Familie die Wohnung leerräumen muss, werden aus einstigen Konsumartikeln wie Tassen oder Möbeln auratische Gegenstände, an denen Erinnerungen und Emotionen hängen. Eine schöne Paradoxie, die der Film leider wortlos übergeht, ohne Gedanken zu dieser in das eigene Experiment mit einfließen zu lassen. So kommt der in der Theorie interessante Selbstversuch in der Praxis nicht weit über gängige romantische Abkürzungen hinaus und holt uns gedanklich kaum aus der somnambulen Einöde unseres Konsumlebens.

Trailer zu „My Stuff“


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