My Prairie Home

Macht kaputt, was euch kaputt macht. Zum Beispiel: die Zweigeschlechtlichkeit. Chelsea McMullans Dokumentarfilm reist mit dem Singer-Songwriter Rae Spoon durch sein Leben.

My Prairie Home 05

Kornfelder, ein unendlich weiter Himmel, der Greyhound gleitet durch die Landschaft. Es ist ein Roadmovie – auf jeden Fall – und mutet ein bisschen an wie ein James Benning-Film, der in langen Einstellungen den Atem des nordamerikanischen Kontinents in sich aufnimmt. Nur steht hier das Bild über Kopf, ein schmaler Streifen Erde liegt auf der blauen Weite, ohne runterzufallen. „I can run from the big sky, but I can’t tear it from me”, singt Rae Spoon. Er ist hier geboren, in Kanadas Prärie, nah an den Rocky Mountains. Es ist eine Cowboy- und eine Ölgegend, angesiedelt zwischen flachem Ödland und eisigen Gletschern. Es fällt nicht schwer, sich die Dinosaurier der Urzeit am Horizont vorzustellen. Politisch ist Alberta eine konservative Provinz. Rae Spoon, geboren 1981, wuchs dort in einer Familie evangelikaler Christen als Mädchen auf – zwischen Bibelstunde, Sonntagskleid und der stets drohenden Apokalypse. Genauso bedrohlich war der an Schizophrenie erkrankte Vater mit seinen Übergriffen. Raes Leben ist auch eine Geschichte von Flucht und Selbstbehauptung. My Prairie Home macht daraus eine künstlerische Reise, die um Spoons Songs gewoben ist.

My Prairie Home 04

„Wenn du nicht ins Geschlechter-System passt, sagen dir die Leute, du solltest nicht existieren. Es gibt dich gar nicht. Nun, ich bin hier, um euch zu sagen: Ich existiere.“ Rae, der inzwischen in Montreal lebt, tourt seit fast 16 Jahren in Nordamerika und Europa. Seine hohe, klare Stimme ist unverwechselbar, sein Stil wechselt mühelos die Richtungen von Country zu Indie oder Elektro. Mainstream ist er immer noch nicht und will es auch nicht sein. Wozu nach den Regeln einer Musikindustrie spielen, die von Stereotypen lebt und neue Unfreiheiten erzeugt? Rae Spoon hat seinen Weg raus aus der Prärie gefunden. Doch die Melancholie, die Sehnsuchtshorizonte und die von Ängsten geprägte Herkunft schwingen in seinen Texten mit, machen sie berührend und stark. Die Lieder seines inzwischen achten Soloalbums My Prairie Home schrieb Rae fast alle eigens für den gleichnamigen Film. Chelsea McMullan inszeniert sie als stilisierte Clips, in denen Rae mit Gitarre in der Hand durch eine Truckerbar streicht, zwischen Dinosauriern singt oder tanzend auf Jagd geht. In der schönsten dieser traumähnlichen Szenen spielt Rae mit seiner Jugendliebe Rena den Abschlussball nach, den die beiden, als damals lesbisches Paar, nie haben konnten. Hand in Hand gehen sie durch die Flure der High School. Schwerelos.

My Prairie Home 02

Die Songs werden von Interviewsequenzen und häufig ungewöhnlich kadrierten Stillleben begleitet, die ganz Gewöhnliches festhalten: Reisebeobachtungen am Bildrand, ein Schild, das für Jesus wirbt, eine Ölpumpe, die merkwürdigen Zeichen menschlicher Zivilisation in der Menschenleere. Rae Spoon fährt durchs Land, von Hotelzimmer zu Hotelzimmer, Busbahnhof zu Busbahnhof, und bleibt dabei jemand, dem man vor allem über seine Musik und Texte näher kommt. Durch Musik könne er am besten kommunizieren, sagt er selbst. Um es ihm leichter zu machen, vor der Kamera von sich zu erzählen, schlug Regisseurin McMullan vor, Episoden aus seinem Leben aufzuschreiben. Daraus entstand der sehr lesenswerte Erzählband First Spring Grass Fire. (Wer sich näher mit Rae Spoon beschäftigen will, kann auf dieses und sein zweites Buch Gender Failure zurückgreifen, das er gemeinsam mit dem Performer Ivan E. Coyote geschrieben hat.) My Prairie Home, der Anfang 2014 auf dem Sundance-Festival zu sehen war, hat dagegen noch keinen deutschen Verleih gefunden. Das ist schade, lässt sich durch den Film doch ein Künstler entdecken, der Mut macht, weil er Köpfe und Horizonte öffnet.

My Prairie Home 06

Als jemand, der für viele optisch nicht eindeutig in „Mann“ oder „Frau“ sortiert werden kann, ist Rae täglich mit den Dynamiken der Zweigeschlechtlichkeit konfrontiert. 2008 lud er erstmals einen eigenen Song auf YouTube hoch. Die Kommentare ereiferten sich kaum über die Qualität der Musik, sondern hauptsächlich über die Frage: „Was bist du denn?!“ Mit Anfang 20 hatte Rae Spoon sein Transgender-Coming-out, er identifizierte sich als Mann. Doch wo vorher die „weiblichen“ Gebote drohten – nicht breitbeinig sitzen, Kleidernormen befolgen, Dünnsein anstreben, Sexismus schlucken –, taten sich plötzlich „männliche“ Klischees auf: Muskeln antrainieren, Hüften und Brüste müssen weg, die Stimme runter ... Der Kampf ums tägliche Pronomen – „er“ versus „sie“ – und um die in ein mehrheitsgesellschaftlich befolgtes Raster passende Erscheinung ist ermüdend. Rae macht das inzwischen so: Er ist, der er ist. Im Englischen trägt er jetzt das Pronomen „they“. Das ist geschlechtsneutral, Punkt.

Trailer zu „My Prairie Home“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.