My Happy Family

Von einer, die auszog, ein Individuum zu sein: Nana Ekvtimishvili und Simon Groß widmen sich nach Die langen hellen Tage wieder der Geschlechterungleichheit und finden Bilder dafür in der, nun ja, Ungleichheit.

My Happy Family 2

My Happy Family ist einer dieser Filme, die keiner Flashbacks bedürfen, um ein ziemlich genaues Bild dessen zu liefern, was davor war. Der Film, angesiedelt im heutigen Tiflis, erzählt die Geschichte eines Bruchs, aber dieser Bruch selbst erzählt in erster Linie die Geschichte eines jahrzehntelangen Verharrens. An der Bewegung, die sich durch den Film zieht, an diesem späten Befreiungsschlag liest man den Stillstand ab, der war und nun, schließlich, selbstbewusst verlassen wird; man liest das Verharren in den Erwartungen und den Ansprüchen, die in dieser Gesellschaft an eine Frau gestellt werden, das Verharren im engmaschigen Netz, das beflissen von selbsternannten Vormunden um sie herum gesponnen wird. Als wir Manana (Ia Shugliashvili) zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, ist ihr Entschluss schon gefasst, aus diesem Netz auszutreten. Prompt folgt die Tat: An ihrem 52. Geburtstag kündigt die gestandene Ehefrau und Mutter in aller Ruhe ihren Auszug aus dem Mehrgenerationenhaus an.

Mit pädagogischer Geduld

My Happy Family 1

Es wird keine Erklärung geben, zumindest keine für die Eltern, den Ehemann, die Kinder und all die anderen Ratgeber, die sich ungefragt einschalten und die private Entscheidung zu einer öffentlichen Angelegenheit pervertieren. Allein der Zuschauer bekommt eine Erklärung, denn der Film ist nichts anderes als eine Erklärung; ein fleißig angefertigtes und systematisches Verzeichnis all der Kräfte, die auf eine Frau qua Geschlecht einwirken. Mit einer geradezu pädagogischen Geduld zeigt My Happy Family auf, wie bestimmte Rollenbilder vermittelt, aufgenommen, verinnerlicht, reproduziert oder gebrochen werden. Die vier Frauen des Hauses dürfen zur Bebilderung und Abdeckung des Spektrums herhalten. In der Reihenfolge der Genealogie ist da zunächst Lamara (Berta Khapava), die Großmutter, die die Fremdbestimmung, der sie selbst unterworfen ist, gnadenlos an ihre Tochter weiterreicht, frei nach: Was ich kann, kannst du auch; es folgt Manana, die traurige Frau, die zweiundfünfzig Jahre verstreichen lassen musste, ehe sie den Gehorsam versagen konnte; eine Generation weiter geht es schon wieder einen Schritt zurück: Die 23-jährige Tochter Nino (Tsisia Qumsishvili) hat keine höhere Ambition als die, ein Kind zu gebären; Kitsi, die Schwiegertochter, ist auch dabei, gönnt sich aber immerhin einen etwas ausgefallenen Look. Kann man sicherlich für vulgär halten, aber in diesem Film ist jedes Ausscheren eine Wohltat.

Und dann gibt es die Männer, die My Happy Family meist als Horde einfängt, als gäbe es den Mann nicht außerhalb der Gruppe: die heitere Feiergesellschaft, die das Familienhaus förmlich überfällt; die Männerchöre mit ihren traditionellen georgischen Gesängen, die sich immer wieder spontan bilden und die Geschlechtertrennung unterstreichen; die undefinierbare Gang, die mit dem Schutz von Manana beauftragt wird, freilich nicht mit dem Schutz ihrer Freiheit, sondern mit dem ihres Anstandes. Es steht außer Frage, dass in der dargestellten Gesellschaft eine scharfe Trennungslinie zwischen Männern und Frauen verläuft. Doch My Happy Family ist gar nicht so sehr auf diesen Kontrast angelegt, versucht sich nicht in der Neuinszenierung eines wie auch immer gearteten Geschlechterkampfs. Nicht Frauen gegen Männer, sondern primär Manana gegen den Rest der Welt; vielleicht, weil die Geschlechterungleichheit so viele weiblichen Handlanger hat.

An der Schwelle zum Balkon

My Happy Family 3

Die Kamera von Tudor Vladimir Panduru liefert förmlich Bilder einer Belagerung; unentwegt wirken die anderen von allen Seiten auf Manana ein, besetzen im Nu jede Einstellung, die sie allein im Familienhaus zeigt, wie in einer bildlichen Übersetzung des Verbots, Raum für sich zu beanspruchen und ihre Existenz auch außerhalb des engen Gefüges zu behaupten. Mit großem Nachdruck wird die bis zur Verstummung erschöpfte Manana mit den Schreihälsen ihrer Familie kontrastiert; resignierte Stille gegen lautstarke Eskalation. Denn je mehr Manana schweigt, desto lauter brüllen die anderen. Sie brüllen im Monolog, blenden Manana aus, die man fast auf dem Sitzplatz neben sich wähnt, entsetzt und außerstande, auf das Geschehen einzuwirken. Sie war ohnehin schon mit dem Zuschauer im Bestürzen vereint; nun ist sie es in der Regungslosigkeit, entzieht sich der Handlung, die sie mit ihrer anfänglichen Handlung ausgelöst hat. Viele andere sich selbst kontrastierende Szenen durchziehen den Film, führen deutlich den Riss vor, der durch Familie und Gesellschaft geht. Interessanter Gegenpunkt ist die wiederkehrende Einstellung, in der wahlweise Manana oder ihr Ehemann (Merab Ninidze) an der Schwelle zum Balkon stehen; der Blick geht immer nach außen, aber das Außen bleibt uns verwehrt, Baumkronen behindern eine freie Sicht. Schade, dass der Film nicht selbst manchmal auf einer solchen Schwelle verharrt.

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