My Dog Killer

Ein Skinhead trifft auf sein Feindbild – seinen jüngeren Bruder.

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Die ersten Bilder verheißen eine Ruhe und Idylle, die man im Folgenden vergeblich sucht. Lange verweilt die Kamera auf einer Landschaft in der Morgensonne, ein Baum spiegelt sich in einem Fluss wieder, es folgt eine Einstellung von Weinstöcken mit der Sonne im Hintergrund, bevor die Harmonie plötzlich radikal in Aggression umschlägt: Ein Junge hetzt seinen Hund dazu auf, ein Seil, das von einem Baum herabhängt, abwechselnd zu fassen und es wieder loszulassen. Das zornige Knurren und Beißen des Pitbulls strahlen zusammen mit den lauten Kommandos seines Herren eine Wut und Gewalt aus, die teils explizit, teils unterschwellig in den meisten Handlungen und Dialogen von My Dog Killer (Môj pes Killer) zum Ausdruck kommen.

Tanz den Kriegsverbrecher

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Der Tonfall der Protagonisten ist bis auf wenige Ausnahmen kalt, rau und verächtlich. Obwohl der Hund mit dem Namen „Killer“ der einzige Freund des 18-jährigen Marek (Adam Michal) ist, behandelt der Junge ihn nicht besonders warmherzig, vielmehr scheint er die eigenen lieblosen Erfahrungen mit seiner Umwelt und speziell seiner Familie auf das Tier zu übertragen. So wie Marek dem Hund im abrupten Wechsel „Fass!“ und „Aus!“ zuruft, so schnauzt sein Vater (Marian Kuruc) ihn in einer späteren Szene abfällig an, nur um kurz darauf das Gesagte zurückzunehmen. Mareks Mutter (Irena Bendova) hat die Familie vor einigen Jahren verlassen und aus Sicht der Männer „Schande“ über sie gebracht, als sie mit einem Rom ein Kind bekommen hat. Aus Geldnot und um sein Weingut erhalten zu können, muss der Vater ihre gemeinsame Wohnung verkaufen und weil er dafür die Unterschrift von Mareks Mutter benötigt, schickt er seinen Sohn zu ihr. Widerwillig macht sich Marek auf den Weg – auf einem Motorrad, das aus dem Zweiten Weltkrieg stammt, in Camouflage-Hose, Springerstiefeln und mit Glatze. Der Skinhead begegnet dem Feindbild, seinem „Zigeuner-Bruder“ Lukas (Libor Filo), für dessen Existenz er sich schämt und von anderen Rechtsextremen als „Verräter“ beschimpft wird, und trifft eine folgenschwere Entscheidung.

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Die 1977 in Bratislava geborene Autorin und Regisseurin Mira Fornay (Little Foxes, 2009) hat ihren zweiten Langfilm in der Slowakei an der Grenze zu Tschechien angesiedelt und thematisiert in ihrem Drama die vielfältigen Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung, denen Roma-Gemeinschaften in ihrer Heimat ausgesetzt sind. Sowohl Mareks als auch Lukas’ Kampf mit der eigenen Identität und ihre Suche nach Zugehörigkeit stehen in My Dog Killer auch stellvertretend für den Zustand eines Landes, in dem sich frustrierte Jugendliche nach dem „guten alten Reich“ zurücksehnen, Gaststättenbesitzer Roma den Zutritt zu ihrem Lokal verbieten, und eine alte Frau unter dem Porträt des faschistischen, zum Tode verurteilten Kriegsverbrechers Jozef Tiso zu Volksmusik ein Tänzchen aufführt. Die verbale Gewalt der Figuren äußert sich dabei nicht nur in rassistischen, sondern auch in sexistischen Bemerkungen: Frauen werden gerne als „Schlampen“ bezeichnet oder haben einen „geilen Arsch“.

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Ähnlich wie in Little Foxes offenbaren sich Fornays verschlossene, ausschließlich mit Laien besetzten Figuren vor allem anhand ihrer Physiognomie, durch Blicke und Körpersprache. Mit Adam Michal hat die Regisseurin einen Hauptdarsteller gefunden, dessen prägnantes, unvergessliches Gesicht mehr erzählt als jeder Dialog. Mit seinem schmalen Mund und den riesigen, schreckhaften Augen mit dunklen Ringen gleicht er einem verfolgten, gequälten Gespenst. In Gegenwart anderer Menschen zieht Marek häufig den Kopf ein, als erwarte er Prügel. Die Kamera zeigt ihn mehrfach beim Laufen oder Motorradfahren und heftet sich wiederholt an seinen Nacken, was den Eindruck des Ruhelosen und Verfolgten noch verstärkt.

Ein Skinhead im Sonnenaufgang

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Ein Großteil der Szenen ist mit Handkamera gedreht und auf Musikuntermalung wurde gänzlich verzichtet, wodurch der Film einen dokumentarischen Charakter erhält. Das immer wieder auftauchende Bellen diverser Hunde auf der Tonspur trägt zur angespannten, latent aggressiven Atmosphäre der beeindruckend konzentrierten Inszenierung bei und wirkt im Rückblick wie ein Vorbote des späteren Handlungsverlaufs. Die Regisseurin deutet verschiedene Motive für Mareks Rechtsextremismus und die seiner Entscheidungen an, verzichtet aber zum Glück auf eine einfache und eindeutige Erklärung seines Verhaltens, das weder entschuldigt noch verurteilt wird. Obwohl der Junge bisweilen apathisch und abgestumpft erscheint, demonstriert ein beiläufiger trauriger Blick oder die kurze Einstellung einer Träne, dass er nicht vollkommen gewissenlos und gefühlskalt ist.

My Dog Killer endet wie er beginnt: mit der Morgensonne und einem Skinhead, der seinen Hund aufhetzt. History repeats itself? Die Geschichte eines Menschen, einer Familie, eines Landes? Ein nüchterner Schluss für ein aufwühlendes Drama – der ewige Kreislauf ohne Katharsis.

Trailer zu „My Dog Killer“


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