Muxmäuschenstill

Der deutsche Independent-Überraschungshit Muxmäuschenstill konfrontiert das Berlin des Jahres 2003 mit dem Weltformungsdrang eines deplatzierten deutschen Idealisten.

Muxmäuschenstill

Auch noch knapp drei Jahre nach dem Wirbel, mit dem Muxmäuschenstill damals Kinos und Feuilletons des Landes eroberte, erinnert man sich: der smarte kleine Independent-Film, als Herzensprojekt über mehrere Jahre prekär mit privatem Geld der Macher und ohne Filmförderung entstanden. Dank cleverem Marketing und Mund-zu-Mund-Propaganda wusste er sich plötzlich für ein paar Wochen bei Einspielung eines Zigfachen seiner geringen Produktionskosten in den Top Ten der Kinostatistiken zu behaupten. Zu einem Zeitpunkt, als publikumsträchtiges deutsches Kino gerade auf (T)raumschiff Surprise – Periode 1 (2004) zusammengeschrumpft zu sein drohte, stellte sich ihm am Box Office mit Muxmäuschenstill eine subversive kleine Perle entgegen, die über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft auf intelligente Weise so relativ viel auszusagen wusste. Die Geschichte eines Ordnungsfanatikers, der seine Mission in der gewalttätigen Umerziehung eines abgedrifteten Deutschlands, dem Gemeinsinn, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität abhanden gekommen schienen, sah.

Muxmäuschenstill

Tatsächlich fällt mit der Distanz von drei Jahren in der Neu-Betrachtung zuallererst auf, wie wirkungsvoll dieser Film sich doch in den damaligen Zeitgeist legt, wie sehr er typische Bilder und Begriffe seiner Tage zitiert und sich zwischen ihnen zu verorten weiß: die Ich-AG des Vigilanten Mux, sein Gehilfe Gerd der Langzeitarbeitslose, abgerutschte New-Economy-Yuppies, die Hochwasserkatastrophe in Ostdeutschland, umfangreiche Klagelieder über die mediale Omnipräsenz des Proletenpromis Dieter Bohlen. Ähnlich sucht sich Muxmäuschenstill auch über seine Örtlichkeiten zu konkretisieren, als Berlin-Film, der Milieus vom Prenzlauer Berg bis zum Innenleben der U1 einfängt und den Zuschauer bis hoch in die Kugel des Fernsehturms mitnimmt, um von dort samt Muxens Kommentar den Blick übers Regierungsviertel schweifen zu lassen.

So entsteht der nahezu vollendete Eindruck eines Films über einen konkreten Ort und eine konkrete Zeit; wenn da nicht Mux selbst wäre. Es fällt schwer, ihn als Repräsentation irgendeiner aktuellen Wirklichkeit zu lesen. Er ist das Zerrbild verschiedener deutscher Idealismen vergangener Jahrhunderte und spuckt fortwährend dementsprechende Zitate aus Literatur- und Geistesgeschichte, von Kant bis Goethe, aus. Er weiß zwar, wie er sich in den Milieus zu bewegen hat, in denen er etwas bewirken will, und doch ist er ihnen geistig, philosophisch, und in seinem Wesen unendlich fern. Auf einen familiären Hintergrund wird kein Bezug genommen, existenziellen Alltagsnöten des Broterwerbs scheint er nicht zu unterliegen. Er wirkt wie eine sinnbildliche Ideenfigur, die sich hier auf eine realistische Bühne verirrt hat, so unorganisch ist die Beziehung zu seiner Umgebung.

Muxmäuschenstill

Es gibt eine, die emotionalste, traurigste, Szene von Muxmäuschenstill, die durchaus versucht, Mux zu erden: sein Abschiedslied für seine alte Nachbarin „Tüdelchen“; er kenne sie aus einer Zeit, als er ein armer Philosophie-Student gewesen sei, und habe ihr stets versprochen, sie einmal mit nach Capri zu nehmen; nun ginge es ihr in letzter Zeit nicht mehr so gut, sagt er traurig, „Es wird knapp mit Capri.“ Der persönliche Pathos, den diese Szene - ganz im Gegensatz zur höchst kalt lassenden, so tragischen wie abstrakten Beziehung mit dem Mädchen Kira - evoziert, um Mux zum Menschen zu machen, wird sogleich in der nächsten zu einem bösen Filmscherz an ihrem Totenbett abgebrochen.

Fraglich, warum der Film die Erdung Muxens in seiner Wirklichkeit überhaupt versucht, denn er hat sie gar nicht nötig. Gerade in der Unvereinbarkeit der beiden trägt Muxmäuschenstill seine eigentliche spannende Reibungsfläche, das Aufeinanderprallen disparater Welten, die Konfrontation einer Realität mit einer absurden Ideenfigur. Die Erforschungen, Betastungen, Inangriffnahmen (inszenierter) Realwelt durch Mux etwa in seinen Video-Interviews, Video-Attacken eröffnen schließlich einen Bezug zu einem gewichtigen Namen in der bundesdeutschen Filmgeschichte: Alexander Kluge. Bereits mit Der starke Ferdinand (1976) entwarf dieser die wesentliche kontrollsüchtig-deutsche Vorgängerfigur des Muxschen Universalkorrekturdranges. In Die Patriotin (1979) schließlich ließ er mit der Geschichtslehrerin Gabi Teichert eine Kunstfigur mit dem Streben nach Idealen deutscher Vergangenheit in reale Räume und Ereignisse der Gegenwart wie einen SPD-Parteitag erforschend los, um so die reale Welt mit den ideellen Fragequalitäten einer fiktionalen Filmprotagonistin zu penetrieren.

Muxmäuschenstill

In Muxmäuschenstill sind die Video-Penetrationen Penetrationen von inszenierter Realwelt, sind Zeitgeist und Authentizität des Ortes mehr für den künstlerischen Entwurf und die Erzählform eingebaut, als sich aus einer freien Experimentieranordnung zu ergeben. Dabei verbleibt Muxmäuschenstill das faszinierende Moment eines Eindringens der Fiktion in das Bild zeitgenössischer Wirklichkeit, am stärksten vielleicht ausformuliert in der Montagesequenz von Fernsehauftritten Muxens, der sich schließlich in die Live-Schaltung bei Ulrich Wickert hineinkopiert findet. Die Eröffnung einer solchen Verbindungslinie ist eine hervorstechende Qualität von Muxmäuschenstill.

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