Muttertag

Einst ein Aufreger in der Horrorvideo-Debatte und bis heute beschlagnahmt: In Charles Kaufmans Muttertag führt der American Way of Life geradewegs in die Hölle – schuld sind nicht derangierte Psychopathen, sondern ausgerechnet die Menschen, die wir mit bedingungsloser Liebe assoziieren: die Mamas.

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Heute ist Muttertag, und wer das hier liest, hat den üppigen Strauß Blumen hoffentlich schon per Fleurop auf den Weg zur Mama gebracht, ansonsten hat er nämlich keinerlei Ausrede. Sofern euch keine unüberwindlichen Hindernisse davon abhalten, habt ihr heute bei eurer Erzeugerin zu sein, ihr für eure Existenz zu danken, wenigstens einmal in eurem Leben beim Abwasch zu helfen und eine Schachtel Pralinen zu überreichen. Muttertag: Der Tag, an dem wir alle unsere Mamas ehren und ihnen unseren Respekt zollen, dafür, dass sie uns einst unter Schmerzen auf die Welt brachten, uns anschließend großzogen und zu dem machten, was wir heute sind – was immer das auch heißen mag.

Die lange Tradition der Psycho-Moms

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Die überwältigende psychologische Bedeutung der Mutter und der Beziehung zu ihr muss kaum diskutiert werden, auch nicht, dass sie hervorragenden Stoff für Horrorfilme bietet. Was eine überprotektive Mama anrichten kann, wissen wir spätestens seit Hitchcocks Psycho (1960), und auch in den Folgejahrzehnten hat es dem Kino an durchgeknallten Müttern und ihrer missratenen Brut nicht gemangelt. Warum ist das so? Nun, zum einen, weil die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind als die basalste, reinste, archaischste Form dieses seltsamen Gefühls überhaupt gilt, als gleichsam von der Natur diktiert. Dass dieser Urinstinkt ins Negative umschlagen kann, ist für sich genommen schon faszinierend. Zum anderen spielt aber auch die Universalität des Themas mit hinein: Jeder hat eine Mutter, mithin hat der Gedanke einer dysfunktionalen Mutter-Kind-Beziehung automatisch auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Das zeigt sich in einem besonders hervorstechenden Vertreter des Mama-zentrierten Horrorfilms, den ich heute zusammen mit den Mamas dieser Welt ehren möchte: Es handelt sich natürlich um Charles Kaufmans meisterlichen Muttertag (Mother’s Day, 1980).

Eine kurze Zensurgeschichte

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Hierzulande ist der Film immer noch beschlagnahmt – ich hoffe zwar inständig, dass er im Zuge der Freigabe solcher einstigen Aufreger wie Tanz der Teufel (The Evil Dead, 1981) oder The Texas Chain Saw Massacre (1974) von seinem Fluch erlöst wird, habe aber meine Zweifel – und nahm damals, als die Diskussion über „Horrorvideos“ ihren Gipfelpunkt erreichte, in der Argumentation der Bedenkenträger eine wichtige Rolle als besonders abschreckendes Beispiel ein. Das ist einerseits verständlich, weil seine Gewaltdarstellung, im Unterschied zu anderen Filmen, wesentlich realistischer und tatsächlich schmerzhaft ist, andererseits aber auch überaus traurig, weil der gesellschaftskritische, satirische Impetus des Films bei der damaligen Bewertung völlig aus dem Blick geriet. Muttertag ist zuerst eine bitterböse, pechschwarze Komödie über die US-amerikanische Konsum- und Mediengesellschaft, aber eben auch über die beunruhigende Tragweite, die dysfunktionale Mutter-Kind-Beziehungen annehmen können.

Mommy, can I go out and kill?

Muttertag 2

Dass in Muttertag etwas ganz entschieden faul ist im Staate Dänemark, wird schon im Prolog deutlich: In einem Selbstfindungskurs predigt ein schmieriger Guru den totalen Egoismus unter dem Deckmäntelchen einer neoliberalen Selbstverwirklichungsformel, die von den begeistert grinsenden Teilnehmern enthusiastisch aufgenommen wird. Unter ihnen befinden sich auch ein Hippiepärchen sowie ein altes Mütterchen (Beatrice Pons) mit Halskrause. Die Hippies lassen sich von der alten Dame mitnehmen und offenbaren schon bald, dass sie mit Peace, Love und Happiness nicht allzu viel am Hut haben: Sie wollen die alte Frau nicht nur ausrauben, sondern gleich umbringen. Da haben sie aber die Rechnung ohne den Wirt beziehungsweise die beiden geistig zurückgebliebenen Söhne der Alten, Ike (Frederick Coffin) und Addley (Michael McCleery), gemacht. Denn die fallen bei einer vorgetäuschten Panne über die Fahrgäste her und ermorden sie brutal, sehr zur Freude ihrer Mutter, die die Folgsamkeit und Effizienz ihrer Sprösslinge lobt.

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Die vaterlose Kleinfamilie wohnt in einem heruntergekommenen Holzhaus im Wald, das vollgestellt ist mit geschmacklosem Zivilisationsschrott. In jedem Zimmer blökt ein Fernseher mit gestörtem Bild, zum Frühstück gibt es Cornflakes mit Dosenbier und Käse aus der Tube. Die Gefügigkeit der beiden erwachsenen Söhne stellt die nur vordergründig hilflose Mama sicher, indem sie regelmäßig das Märchen von ihrer im Wald auf sie lauernden, vertierten Schwester Queenie erzählt, vor der sie geschützt werden müsse. So fristen die beiden Jungs ein Dasein im Zustand der erzwungenen Infantilisierung. Um sie als ihre Leibwächter auszubilden, hetzt die Mama sie regelmäßig über einen selbstgebauten Truppenübungsplatz, bis sich drei junge Frauen (Nancy Hendrickson, Tiana Pierce, Deborah Luce) zum Ehemaligentreffen in das Jagdgebiet der Familie verirren und noch viel bessere Trainingsobjekte abgeben: Die Frauen werden überfallen und im Haus eingesperrt. Doch das ist noch nicht alles: Eine von ihnen wird ausgewählt und in einer grotesken Mischung aus kindlichem Rollenspiel, Theateraufführung und Selbstverteidigungskurs gequält, malträtiert, geschunden und vergewaltigt. Zwar gelingt den Frauen am nächsten Tag die Flucht mit ihrer nun apathischen Freundin, doch die fällt nur wenig später ihren Verletzungen zum Opfer. Die beiden Überlebenden kehren zurück, um ihre Peiniger zu bestrafen …

Der Teufel im Detail

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Es ist nicht so verwunderlich, dass den Jugendschützern die Feinheiten von Kaufmans Film verborgen blieben: Muttertag ist natürlich auch ein Kind seiner Zeit, teilt mit dem etwa zur selben Zeit entstandenen Freitag, der 13. (Friday the 13th, 1980) das Wald-und-Seen-Setting, knüpft mit seinen beiden schwachsinnigen Killern an eine beliebte Horror- und Splatterfilmtradition an, attackiert den Zuschauer erst mit Fake Scares und dann schließlich mit heftigen Gewaltschüben, bevor es zum überraschenden Twist Ending kommt. In ihrem Furor übersahen die Kritiker aber nicht nur, wie ungemein effektiv Kaufman inszeniert – der Moment, in dem die Übeltäter zuschlagen, wird ewig angeteasert und herausgezögert, doch wenn es dann so weit ist, erschreckt man sich trotzdem höllisch –, sondern auch, wie gekonnt er den American Way of Life am Beispiel der beiden Söhne aufs Korn nimmt: von der Mama und vom Fernsehen doof gehalten, zur Verteidigung des eigenen Besitzes gedrillt, egal wie jämmerlich der auch ist, voller Verachtung für das andere Geschlecht. Mit einer interessanten Dopplung vermeidet es Kaufman, in die Falle des Classism zu tappen: Denn auch eine seiner weiblichen Hauptfiguren hat mit einer tyrannischen Mutter zu kämpfen. Es ist nicht zuletzt der Hass auf die eigene Erzeugerin, der ausgerechnet die aus der Mitte der Gesellschaft kommende, zierliche Abbey (Nancy Hendrickson) zur skrupellosen Killerin macht, die beim Mord an ihrer Peinigerin das Gesicht der eigenen Mutter vor sich sieht.

Zeit für die Revision

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Muttertag wandelt mit großem Geschick auf dem schmalen Grat zwischen Komödie, Horror und Gesellschaftskritik und ist in seinen besten Momenten tatsächlich alles gleichzeitig. Er zeigt ziemlich nachdrücklich, dass das Böse eben nicht von „draußen“ kommt, sondern uns mitunter von genau jenen Menschen vererbt wird, die eigentlich unser Bestes wollen sollten. Das schon erwähnte Twist Ending mag dem Film einen Stock zwischen die Beine werfen. Ich sehe das aber etwas anders, nämlich als Verstärkung der getroffenen Diagnose. Und selbst wenn es das nicht wäre, kann das das Gelingen von Muttertag nicht verhindern. Er ist immer noch ein herausstechender Beitrag zum Horrorfilm, und es wird Zeit, dass er endlich als solcher gewürdigt wird – anstatt ihn immer nur als Fußnote zur Zensurgeschichte zu erwähnen. Warum nicht am Muttertag damit anfangen?

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