Mütter und Töchter

Vom Wert der gemeinsam verbrachten Zeit: In seiner fünften Kinoarbeit erzählt Rodrigo García die Geschichte von drei Frauen, deren Schicksale tragisch verbunden sind.

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Die Bindung von Mutter und Kind gilt als die ursprünglichste menschliche Beziehung. Wie schmerzhaft und problembehaftet ein Defekt oder das Fehlen dieser Beziehung, gerade in der Fernwirkung sein kann, davon handelt Rodrigo Garcías neuer Film Mütter und Töchter (Mother and Child, 2009).

Die Physiotherapeutin Karen (Annette Bening) ist eine verhärmte und unglückliche Frau. Ihr Verhältnis zu Nora, ihrer pflegebedürftigen Mutter, mit der sie zusammen lebt, ist angespannt. Denn als Karen 14 Jahre alt war, wurde sie von Nora gezwungen, ihr Neugeborenes zur Adoption freizugeben. Das ist nun 37 Jahre her. Nachts träumt Karen von ihrer unbekannten Tochter, sie schreibt Briefe an ihr unbekanntes Kind, die sie nie abschickt und belastet sich mit dem Vorwurf, als Mutter versagt zu haben.
Auch Elizabeth (Naomi Watts), eine junge, ehrgeizige Anwältin, trägt den Groll in sich. Groll auf die eine ihr unbekannte Mutter, die sie einst weggab. Elizabeth ist erfolgreich, manipulativ und introvertiert. Ihre Interaktion mit der Welt ist vor allem gezeichnet durch Kontrolle. Und natürlich ist Elizabeth Karens unbekannte Tochter.
Wiederum von anderer Natur ist der Mutter-Kind-Defekt bei Lucy (Kerry Washington). Denn sie und ihr Ehemann Joseph haben eigentlich im Leben alles erreicht. Fast – denn Kinder können sie nicht bekommen. So richtet Lucy ihre Projektion von Mutterschaftsglück auf eine Adoption.
Drei Frauen – drei Geschichten. Diese konstruiert anmutende Ausgangslage ist die Versuchsanordnung, in welcher Rodrigo García seinen Blick auf die Innenwelten von drei Menschen eröffnen möchte – Innenwelten, die durch die Abwesenheit des Mutter-Kind-Verhältnisses gezeichnet sind und wo dieser Defekt individuelle Haltungen und Handlungen bestimmt:

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So ist Elizabeths Wahrnehmung der Welt vor allem durch eine Art transgenerationelle Traumatisierung bestimmt, denn Elizabeth verweigert sich konventionellem Harmoniestreben. Sie schätzt ihre Unabhängigkeit über alles und lehnt die Übernahme individueller Verantwortung für Dritte oder emotionales Engagement ab, denn die Furcht vor Verletzung ist übergroß. Wenn Elizabeth ihren neuen Boss Paul (Samuel L. Jackson) verführt, dann nur, um ihre Selbständigkeit, ihre Dominanz zu manifestieren. Anbiederung und Gefälligkeit lehnt sie in ihrem kargen Wertekanon ab, ebenso wie die Mutterschaft – weshalb sie sich auch bei Zeiten sterilisieren ließ.
Karen empfindet wegen der Zwangstrennung von ihrem Kind vor allem Selbsthass. Über die Jahre hinweg hat sich Karen in sich zurückgezogen. Sie wirkt verhärmt und schroff und besitzt keinerlei Fähigkeit zur sozialen Interaktion. Soweit Karen Zorn gegen andere empfinden kann, richtet sich dieser gegen ihre Haushälterin, nur weil deren kleine Tochter von Nora geliebt wird. Dass schließlich der unerfüllte Wunsch nach Mutterschaft auch zerstörerisch wirken kann, zeigt sich in der Geschichte von Lucy, die ihren Kinderwunsch an erste Stelle – auch über ihre Beziehung zu Joseph stellt.

Die drei Frauenbilder sind nun alles andere als statisch: Indem García geringfügige Änderungen an der Versuchsanordnung vornimmt, formen sich die Bilder der drei Frauen zu Geschichten, entwickelt sich der Film von reiner Deskription hin zum psychologischen Drama. Auslöser hier sind der Tod von Karens Mutter Nora, die ungewollte Schwangerschaft von Elizabeth oder das Scheitern von Lucys Beziehung mit Joseph. Für alle Figuren eröffnet sich die Chance für einen Neuanfang, für eine Neubewertung und Neujustage des eigenen Lebens.

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Mütter und Töchter funktioniert dabei fernab vom plakativen Lehrstück über Glück und Harmonie, denn die reduzierte Inszenierung gibt vor allem den Darstellern Raum, die eigenen Figuren behutsam und eindringlich in die dritte Dimension, in die psychologische Tiefe, zu entwickeln. Beispielhaft dafür steht Annette Benning (The Kids Are All Right, 2010), die ihrer Figur eine geradezu saalfüllende Präsenz verleiht, bar jeglicher Manierismen oder Verkürzungen. So bestimmen aus der Tiefe der Figur entwickelte Nuancen das Spiel und lassen einen Blick von eigentümlicher Intimität zu, fern von Banalität und Voyeurismus. Auf diese Weise entsteht trotz der 125 Minuten Laufzeit eine Dichte, die das Psychogramm zu einem spannenden Ereignis werden lässt.

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Wenn Karen nach ihrer Tochter zu suchen beginnt und Elizabeth sich für die Mutterschaft entscheidet und zugleich ihr altes Leben hinter sich lässt, dann mag das hier in der Beschreibung  simpel klingen, im Film zieht dies den Zuschauer in einen Bann, von dem man sich nicht lösen mag. Neben dem Spiel und der reduzierten Inszenierung ist hierfür auch die Art, mit welcher García die drei Geschichten miteinander verwebt, konstitutiv. Da stehen Handlungselemente zum Teil kontrapunktisch gegenüber, etwa Elizabeths Liebesakt mit Paul und der Tod von Karens Mutter. Doch gerade solche Kontrapunkte verbindet die Inszenierung, im Arrangement von Bild und Musikmontage zu einer harmonischen Einheit. An anderer Stelle werden Figuren durch sorgsam eingebaute Reflexionsebenen ergänzt, etwa, wenn Elizabeth ihrer kommunikativen Isolation durch Gespräche mit einem jungen blinden Mädchen entrinnt.

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In welche Richtung man auch blickt, bietet Mütter und Töchter  eine leise und dennoch komplex verdichtete Komposition von Geschichten und Gleichnissen an, die in Ihrer Gesamtheit nur emphatisch erfasst werden können und für abstrakte Verallgemeinerungen keinen Raum lassen. So gelingt dem Film deutlich mehr, als durch analytische Darstellung und Interpretation fassbar wird: Das Verhältnis von Eltern und Kindern ist das Erlebnis einer – wenn auch zeitlich begrenzten – Gemeinsamkeit, die wichtiger ist als rein biologische Abstammung, oder, wie es mehrfach im Film formuliert wird: es geht um „die gemeinsam verbrachte Zeit“.  Das gelingt auch deshalb so glaubwürdig, weil die Auflösungen und dramatischen Wendungen sich stets aus den durch die Figuren gesetzten Parametern entwickeln, fernab von fatalistischen Effekten. Dass die Erzählstränge zum Ende hin durch schlichte Zufälle verknüpft werden, ändert an der diesem Film eigenen Poesie nichts.

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Kommentare


KoyoteKarl

Für mich einer der besten Filme der letzten Jahre. Buch, Kameraführung, Schnitt und nicht zuletzt die schauspielerischen Leistungen (Annette Bening braucht sich wahrlich hinter Natalie Portman in Black Swan zu verstecken) machen diesen Film zu einem einzigartigen, nicht alltäglichen Kinoerlebnis. Aber wo sind die Zuschauer...???


Oliver Kramuschke

Der Film hat mich heute Nacht echt aus den Socken gehauen. Perfektes Meisterstück. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen.






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