Mud

Von verbitterten Romantikern und stolzen amerikanischen Traditionen.

Mud

Für die Männer in den Filmen von Jeff Nichols ist nichts schwerer, als das einfache Leben zu verteidigen. Ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch, eine treue und liebende Frau: Sie verlangen nicht viel, um glücklich zu werden im Leben. Aber das Wenige zerrinnt ihnen unablässig zwischen den schwieligen Händen.

In Mud wimmelt es von solch gebrochenen Männerfiguren. Manche kämpfen noch für ihre Frau oder ihr Selbstwertgefühl, andere haben schon resigniert. Als wäre es aber noch nicht schwer genug, das eigene Versagen zu akzeptieren, spiegelt sich ihre Machtlosigkeit auch noch in den Augen ihrer nach Orientierung suchenden Söhne. Wie kann man ein guter Vater sein, um den jungen Männern in dieser Welt der sich scheiden lassenden Ehefrauen und verlorenen Jobs die richtigen Werte zu vermitteln?

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Mud erzählt von solch gestörten Vater-Sohn-Verhältnissen und dem Versuch, sie wieder zu kitten, aus der Perspektive der Heranwachsenden. Die Eltern des 14-jährigen Ellis (Tye Sheridan) stehen kurz vor der Trennung, die seines besten Freundes Neckbone (Jacob Lofland) sind schon lange tot. Als die beiden auf einer Insel im Mississippidelta von Arkansas den entflohenen Mörder Mud (Matthew McConaughey) treffen, mischt sich für den nachdenklichen Ellis Abenteuerlust mit der Sehnsucht nach einer Vaterfigur, die ihre eigenen Gesetze macht, anstatt vor den Tücken des Lebens zu kuschen. Gemeinsam helfen sie ihm, ein Fluchtboot zu reparieren und Kontakt zu seiner großen Liebe Juniper (Reese Witherspoon) aufzunehmen.

„Doing the right thing" ist die moralische Leitlinie in den Welten von Jeff Nichols. Es ist unzweifelhaft, dass es einen guten und richtigen Weg im Leben gibt. Die Frage ist nur, was man bereit ist herzugeben, um ihn zu verfolgen. Diese bodenständige, traditionsverbundene Philosophie mag simpel klingen, aber sie entwickelt in den Händen des jungen Regisseurs immer wieder eine große emotionale wie narrative Kraft. Nichols’ Regie und seine Drehbücher sind stets geradeheraus, schnörkellos und ohne stilistische Extravaganzen. Diese „No bullshit“-Attitüde mischt Nichols mit einer unverstellten Sympathie für die einfachen aber existenziellen Schicksale seiner Figuren. Hier ist ehrliches, makellos inszeniertes Storytelling klassischer Machart am Werk. Und genau diese Meisterschaft des Klassizismus ist Nichols’ Alleinstellungsmerkmal und sein ästhetisches Programm. Er erzählt Geschichten des amerikanischen Indiekinos mit den Mitteln Hollywoods, gebraucht die besten filmischen Techniken für die stärksten Plots.

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In Mud verengt Nichols nach dem psychotischen, weite soziale Kreise abzirkelnden Tornadodrama Take Shelter (2011) seine Perspektive wieder. Diesmal geht es um die Erhaltung und Fortführung amerikanischer Traditionen, nicht mehr um Anklänge an die aktuelle politische oder wirtschaftliche Situation der USA. In Mud geht immer die Sonne unter, um die Landschaften in das schönste Licht zu tauchen, und es erklingt Alt-Country, diese Musik der verhaltenen Sehnsucht nach den guten alten Zeiten. Die Geschichte der abenteuerlustigen Jungen zollt den Erzählungen Mark Twains ganz offen Tribut. Wie Huckleberry Finn einst den entflohenen Sklaven Jim auf einer Insel im Fluss auffand und ihm zur Flucht verhalf, helfen Ellis und Neckbone dem leicht versponnenen Aussteigertypen Mud. Aber hier zeichnet sich auch ab, wie viel Nichols aus dem komplexen und widersprüchlichen Erbe des amerikanischen Südens ausschneidet, um seine kompakten und schlüssigen Geschichten zu erzählen: Mark Twains Werk ist ja bis heute aufgrund rassistischer Untertöne schwer umstritten, und Nichols vermeidet das Thema, indem er es schlicht ignoriert. Seine Filme waren und sind dezidiert weiße Filme, ein Afroamerikaner taucht in Mud nur in einer einzigen Einstellung für wenige Sekunden auf.

Auch Frauen stehen niemals im Zentrum der Handlung, obwohl sie in Mud zugleich Katalysatoren und Wegbereiter für quasi alle Konflikte sind. Ja, Nichols widmet sich mit Emphase männlichen weißen Themen, und versucht Wege zu finden, die patriarchale Kultur des weißen Südstaatlers für die Zukunft zu erhalten. Aber seine Versenkung in diese von Ideologiekritikern wohl meist gehasste Kombination aus Nationalität, Gender und Hautfarbe (von Sexualität gar nicht zu sprechen ...), ist aufrichtig. Mud sucht keine äußeren Schuldigen, es beklagt nicht den Verfall einer Kultur aufgrund von Feminismus, Globalisierung oder Bürgerrechtsbewegung (da war Take Shelter problematischer), sondern leitet deren Krise allein aus ihrer zerstörerischen Eigenlogik ab. Es ist ihr Frauenbild, ihre Ehrauffassung, ihre Traditionsverbundenheit, die den Männern des Südens zum Problem wird. There is no one but myself to blame.

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Doch noch einmal zu den Frauen: Mud ist ein Film der verbitterten Liebhaber. Jedes der männlichen Schicksale wird durch eine Frau besiegelt. Die Liebe Muds zu seiner kapriziösen Juniper ist eine kurvenreiche amour fou: Er wurde aus Leidenschaft zum Mörder, nun wird er von den Angehörigen des Ermordeten gejagt und begibt sich in Gefahr, nur um wieder bei seiner Geliebten zu sein. Das ist es, was Ellis an Mud bindet, warum der Sohn eines Mannes, der seine Frau aufgegeben hat, nach einem neuen Vater sucht: Nicht Muds Hippie-Weisheiten, nicht seine anarchischen Sitten, sondern seine aufopferungsvolle Liebesfähigkeit fasziniert Ellis. So wird Mud neben Familiendrama, Racheerzählung und Abenteuerfilm essenziell zu einer Coming-of-age Erzählung. Was Ellis, was alle Männer des Südens lernen müssen, um gute Väter oder gute Söhne zu werden, ist ihr vernichtendes Liebesbedürfnis zu zügeln. Sie müssen Flexibilität erlernen, um ihren Frauen auch die Möglichkeit zur Untreue oder Flucht einzuräumen. Wenn Mud mit einem dreifachen Happy-End schließt, offenbart er sein romantisches Herz. Die weißen heterosexuellen Männer, sie glühen für ihr traditionelles Familienverständnis. 

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