Viel Lärm um nichts

Monologe zur Morgengymnastik: Joss Whedon reißt sich Shakespeare unter den Nagel.

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Shakespeare ist chic. Das haben uns Romeo + Julia (1996) gelehrt. Baz Luhrmann, der ganz unverblümt die dicken Staubschichten vom klassischen Stoff gepustet und seinen grellen Lack auf die berühmte Tragödie gepinselt hat, hat sich mit seiner Neuauflage gleichermaßen Freunde wie Feinde gemacht. Aber Film kann nun mal Konservierungs- und Konvertierungsmaschine zugleich sein. Nun folgt mit Viel Lärm um nichts (Much Ado about Nothing, 2012) der zweite Modernisierungsversuch einer berühmten Komödie des Dramatikers. Zwanzig Jahre nach Kenneth Branaghs gleichnamiger Verfilmung verlegt Drehbuchautor und Regisseur Joss Whedon das Geschehen ins Amerika des 21. Jahrhunderts und lässt Lady Beatrice (Amy Acker) und Sir Benedick (Alexis Denisof) im schicken Upper-Class-Anwesen zetern.

Dass Whedon, der zuletzt die Regie für das fulminante Marvel-Get-Together Marvel’s The Avengers (The Avengers, 2012) übernommen hat und für die populären 1990er-Jahre-Serien Buffy und Angel verantwortlich zeichnet, diese schmalbudgetierte Shakespeare-Verfilmung vorlegt, mag überraschen. Dafür rottet der Regisseur einen Cast aus sämtlichen Phasen seines Schaffens zusammen. Acker und Denisof sowie einige andere entstammen beispielsweise seinem populären Vampirserienkosmos.

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Der kann einem bei Viel Lärm um nichts dann sogar eher in den Sinn kommen als Romeo + Julia oder Branaghs Version der Komödie. Der Vergleich mit den anderen Shakespeare-Adaptionen drängt sich gezwungenermaßen, aber ausschließlich durch die getreuliche Wiedergabe der Originalsprache auf. Whedon ist aber keineswegs an einer pomphaften Verkleidung im Pop- oder Historiengewand gelegen, er verabschiedet sich von jeglichem formalen Getöse. Ein paar zarte Indie-Sounds reichen da zur Untermalung völlig aus. Apropos Indie: Whedon wendet sich hier stilistisch so weit wie nur möglich vom Hollywood-Tamtam ab, und statt großer Gesten gibt es viel Nähe zu den Figuren, die von einer zittrigen Wackelkamera durch Haus und Garten begleitet werden. Shakespeare als digitales Home Video.

Mystische Beerdigungszeremonien finden dabei ebenso ihren Platz wie hochtrabende Monologe über die eigene Gefühlswelt zum morgendlichen Ausdauertraining, was durch die Diskrepanz zwischen Sprache und zeitlicher Einordnung der Ereignisse einen eigenwilligen Humor hervorbringt. Mut zum Lächerlichen ist also in jedem Falle vorhanden. Mut zur Trivialisierung ebenso. Whedon scheut sich nicht, seine Bilder der amerikanischen Dekadenzgesellschaft in eine warme Weichzeichner-Optik zu tauchen, sodass das bunte Liebestreiben im flotten Wechsel mit böswilliger Intriganz und Momenten der Tragik zur wahren Soap Opera wird. Das ist bemerkenswert, denn man scheint erkannt zu haben, dass Shakespeare und die zeitgenössische Unterhaltungsindustrie motivisch und dramaturgisch nicht allzu weit auseinanderliegen.

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Und weil sich auch das Kino an klassischen Erzählungen labt, darf bei all der Liebe und Arglist im Villa-Setting auch ein wenig Filmgeschichte nicht fehlen. Dem Retro-Charme des Schwarzweiß-Bildes sei Dank, werden Erinnerungen an große Komödienregisseure wie Howard Hawks oder Frank Capra geweckt. Zumindest ein bisschen. Nicht nur dass es schon ein ordentliches Maß an Inszenierungskunst braucht, die mit Verve und Leichtfüßigkeit choreografierte Komik der großen Screwball-Meister zu imitieren. Mehr noch steht diesem Vorhaben die strikte Verweigerung von Hollywood-Maßgaben im Weg. Whedon will seinen Film unmissverständlich als kleine, feine Independent-Produktion wahrgenommen haben.

Ja, man hat sich viel vorgenommen mit Viel Lärm um nichts. Aber so wie hier die Sprache des 16. Jahrhunderts mit etwas Kinohistorie und zeitgenössischen Erscheinungen wie Smartphone-Videos korreliert und die wohlige Telenovela-Ästhetik mit Mitteln des Independent-Kinos durchmischt wird, scheint es ohnehin Whedons erklärtes Ziel gewesen zu sein, einfach ein wenig schön anzuschauende Paradoxie und Entrückung in Szene zu setzen. Zusammen mit dem oftmals abrupten Wechsel zwischen Dramatik und Komik erlangt der Film etwas sehr Amorphes. Es entspinnt sich ein obskures Konstrukt, vor dem man durchaus das Handtuch werfen kann. Wo man bei erklärten Shakespeare-Liebhabern wie Branagh neben reichlich Überschwang auch ein wenig Struktur gespürt hat, da weiß man bei Whedon nicht so recht, was man von dem Gesehenen halten soll.

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Vieles kann als störend empfunden werden in diesem wirren Reigen, aber trotz aller Holprigkeiten manifestiert sich eine nicht ganz greifbare, sonderbare Qualität des Films, die ihn ständig umgibt. Seltsam wandert er zwischen gewollt künstlerischem Anspruch und plumper Komik, sprachlichem Purismus und losgelöster Eigeninterpretation dahin. Ein spröder Charme des Undefinierbaren, wenn man so will. Viel Lärm um nichts muss einem nicht gefallen, jedoch hat Whedon etwas sehr Autonomes zusammengeschustert. Große englische Dichtkunst, die sich konsumieren lässt wie eine Buffy-Folge. Das muss man ja auch erst einmal hinbekommen.

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