Mr. Long

Eine Story bleibt im Treibsand des Bilderbuchlebens stecken: Sabu konfrontiert einen Profikiller mit der Möglichkeit schlichten Glücks. Tun muss der Auftragsmörder dafür nichts.

Für den namenlosen Profikiller (Chen Chang) ist trister Arbeitsalltag quasi Urlaub. Er entspannt vom Töten und Fast-Getötet-Werden, wenn er mit dem Garküche-Wagen Nudelsuppen kocht. Und vielleicht ist das auch eine der wichtigsten Funktionen aller Profikiller-Figuren, einer der Gründe, warum das Kino sie so liebt: Sie verfremden das Normale. Alles wird anders, wenn man die Welt in den Schuhen eines durchwandert, der in seinem normalen Metier so tief im existenziellen Grenzbereich des Alltäglichen unterwegs ist, da, wo der Tod wartet, da, wo wir alle uns so selten wie möglich rumtreiben.

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Im ersten Viertel von Mr. Long geht genau diese Verschiebungslogik schön auf – der Killer zieht unbemerkt durch die Städte, vom taiwanesischen Kaohsiung nach Tokio, als hätte er einen Generalschlüssel für zugeräumte Servicekorridore, versteckte Hintereingänge, VIP-Bereiche. Die städtischen Räume organisieren sich in verwirrenden Kombinationen neu um ihn, Gangster treiben sich in einem Lagerkeller unter dem Tempel herum, ein Netz aus zugeräumten Gängen führt mitten in einen rot pulsierenden Erotik-Club. Die Kamera hält Distanz zum Killer. Bevor er das erste Mal aus den Schatten tritt, verweilt sie erst lange im Halbdunkel bei seinen baldigen Opfern und vermeidet auch danach lange Großaufnahmen. Der Killer ohne Namen, der fast nie spricht, ist anfangs wie ein Geist, dem alle Türen offen stehen, mysteriös auch für den Film selbst.

Von Messerstichen und Cuts

Aber sehr schnell, um nicht zu sagen, extrem abrupt, verfrachtet die Story diesen Verschiebekünstler selbst in eine für ihn ungewohnte Situation, wirft den Unnormalen in seichten Alltagstrott. Nachdem ein Job in Tokio schiefgelaufen ist, findet sich der Killer verwundet, ohne Kohle und ohne Pass in einer Kleinstadt wieder. Der Sohn einer Heroinabhängigen (Yi Ti Yao) päppelt ihn wieder auf, und schnell spricht sich in der Nachbarschaft herum, dass der schweigsame Taiwanese ein ausgezeichneter Koch ist – bald schwatzt ihm eine Meute herzensguter Japaner die Idee auf, neben dem Tempel Nudeln zu verkaufen. In dieser Situation verweilt der Film dann sehr, sehr lange, in grellem Feelgood-Terrain, das natürlich immer bedroht bleibt von der düsteren Vorgeschichte des Mr. Long.

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Sabu ist Berlinale-Dauergast, seit sein Debüt Dangan Runner 1996 im Forum lief. Als Regisseur neigt er seit jeher gleichermaßen zum stilistischem Overstatement wie zu gedrechselten, hakenschlagenden Plotlabyrinthen. Zu Beginn von Mr. Long verbindet er beides auf ziemlich schlagende Weise, ihm gelingt vieles mit wenigen Worten. Wie eine unerwartete Tonfolge unser Harmonieempfinden prüft und zugleich erweitert, so variiert Sabu offensichtlich erscheinende Situationen mit ein, zwei schnellen Cuts: Eine Gruppe Kleinganoven plant den Mord an einem Kumpel, plötzlich steht ein Typ mit schreckensgeweiteten Augen vor ihnen. Hat er sie belauscht? Doch dann sticht, lautlos, eine Klingenspitze durch seine Brust, und die Mörder werden zu Freiwild. Kalkulierte Brutalität à la Tarantino ist das, spektakulär, virtuos, kaltschnäuzig. Der Killer bevorzugt kurze Messer, Film-Schnitt und Kehlen-Schlitzen arbeiten sich gegenseitig wunderbar zu. Dahinter werkelt eine präzise Ökonomie der Gesten und des Erzählens, die an Kim Ki-duks Schweigefilm Bin-jip (2004) erinnert: Blicke, Gegenstände, Körper werden sorgsam arrangiert und flink in neue Kombinationen gebracht. Dem kleinen Jungen wirft der Killer Gemüse vor die Füße und rennt weg – die Aufgabe ist klar: die Nachbarschaft, eine heruntergekommene Arbeitersiedlung, muss gescannt werden nach Kochutensilien. So erschließt sich der Mörder die Szenerie wie ein zu lösendes Rätsel – spürt nach Töpfen im Müll, laufenden Wasserhähnen in verlassenen Verschlägen, biegt sich Metall zu Kochlöffeln zurecht. All das funktioniert ohne Worte, weil klar ist, was er will, nämlich den Hunger stillen, und was er braucht.

Die triste Ebene des Familienglücks

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Aber dann steuert der Film eine nicht enden wollende Ebene der Ereignislosigkeit an, die anstelle flinker Verschiebungen eine einzige große Verfremdung auswalzt. Der Killer wird in die Bilderbuchnormalität geführt, ohne sein Zutun, in vollkommener Passivität. Er muss sich nur nicht wehren, und schon hat er einen Freundeskreis, einen Ziehsohn und in dessen Junkie-Mutter auch bald ein love interest. Wie auf Autopilot gleitet die Story der unwahrscheinlichen Idealfamilie aus Mama, Papa, Kind, Job entgegen, nur einmal unterbrochen von einem länglichen Flashback zur traurigen Vorgeschichte der Abhängigen. Die geringste Überraschung ist da, dass natürlich alles in kathartischem Gemetzel enden muss.

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Frustrierender noch ist, wie sehr Sabu seine früher manchmal vielleicht arg ausgestellte, aber zumindest filmisch intelligente Lust am Storybauen abhanden gekommen ist. Er findet keine Haltung zu der gähnenden Leere des Kitschs – ein paar Slapstickelemente reichen noch nicht, ihn zu demaskieren, aber sie sind genug, das Familienglück nicht einmal als ernst gemeinten Traum zu perspektivieren (wie es etwa den Strandszenen in Takeshi Kitanos ähnlich ausgebremsten Gangsterstreifen Sonatine, 1993, so meisterhaft gelingt). Die Kamera bevorzugt mittelnahe Einstellungen und bleibt dabei merkwürdig uninvolviert, unentschieden pendelnd zwischen Beobachtung und Sympathie. Ganz besonders sauer stößt da auf, dass es für die Frauenfigur zweimal grobe Ohrfeigen setzt: Der Film schert sich viel zu wenig um sie, um die Bilder jenseits ihrer misogynen Faktiztät gerechtfertigt scheinen zu lassen. Alles andere zieht sich dröge dahin, auch weil der Schnitt die Statik der Konstellation weder dynamisieren will noch sie sich aneignet, weder rafft noch zur Kontemplation einlädt. Es bleibt das Gefühl eines nicht eingelösten Versprechens: Da war eine Idee, aber sie geht verloren, wie der Killer sich verliert in der Halluzination eines glücklichen Lebens. Erst ganz, ganz zum Schluss überrascht Sabu dann doch. Aber das will man jetzt nicht spoilern, um denen nicht den Spaß zu verderben, die so lange ausgehalten haben.

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