Motorway

Männer in Autos. Soi Cheang hat den besseren Drive gedreht.

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Vielleicht ist es Zufall, dass die neueste Regiearbeit von Soi Cheang nur kurz nach Nicolas Winding Refns Drive (2011) erscheint und sich beide Filme in vielerlei Hinsicht ähneln. Beide Male geht es etwa um einen Mann, dessen Leidenschaft darin besteht, absolute Kontrolle über sein Auto zu erlangen. Beide Male wird das in Bildern erzählt, die sich an glänzenden Oberflächen nicht satt sehen können, und mit einem pulsierenden elektronischen Soundtrack unterlegt, der die 1980er Jahre wieder zum Leben erweckt. Es ist ein ständig wiederkehrendes Prinzip in der Geschichte des Kinos, dass ein erfolgreicher Film einen Hype entfacht, der gleich einen ganzen Rattenschwanz an Epigonen nach sich zieht. Im Fall von Drive lässt sich jedoch nur bedingt vom Original sprechen, schließlich handelt es sich auch hier nur um ein freies Remake von Walter Hills großartig minimalistischem Genrestück The Driver (Driver, 1978), das die Leerstellen des älteren Films mit überbordendem Stilwillen und einer melodramatischen Liebesgeschichte füllt. Und dass der erste Film, der etwas erzählt, oder in diesem Fall wiedererzählt, nicht zwangsläufig der beste sein muss, versteht sich ohnehin von selbst.

Doch eigentlich muss man die beiden Filme gar nicht gegeneinander ausspielen, dafür unterscheiden sich die Anliegen von Winding Refn und Cheang letztlich zu stark voneinander. Denn während Drive die Genreerwartungen, die Titel und Handlung beim Zuschauer wecken, ganz bewusst enttäuscht und auf herkömmliche Verfolgungsjagden gänzlich verzichtet, geht es Motorway (Che sau) um das genaue Gegenteil: darum, ein dynamisches Stück Kino zu schaffen, das jene archaischen Action-Szenen, die Winding Refn immer wieder umschifft, in aller Ausführlichkeit zelebriert.

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Die Funktionalität seines Films lässt Cheang nie aus den Augen. Die Handlung bleibt ebenso wie die Figurenzeichnung aufs Wesentliche reduziert. Im Mittelpunkt steht der junge Polizist und Autonarr Sean (Shawn Yue), der mit seinem väterlichen Kollegen (Anthony Wong Chau-Sang) bei einer Spezialeinheit arbeitet, die illegale Autorennen aufspürt. Auf der anderen Seite des Gesetzes teilt ein gefürchteter Fluchtwagenfahrer Seans Leidenschaft. Ausgehend von diesen drei Männern schafft Motorway ein dramatisches Grundgerüst, das eine Reihe von atemberaubend inszenierten Verfolgungsjagden durch die Hongkonger Nacht trägt. Protzige Zerstörungsorgien sucht man hier vergeblich. Meist bleibt die Kamera nah an den Autos und ihren Fahrern, die weit entfernt sind von den breitbeinigen Fahrzeuglenkern aus Filmen wie der Fast and the Furious-Reihe. Bei ihnen gleicht die PS-Leidenschaft eher einer Wissenschaft, in die sie durch reichlich Übung und Erfahrung eintauchen. Die Distanz zwischen Fahrer und Auto wird dabei jedoch aufgehoben.

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Zärtlich streicht Seans Hand über die frisch lackierte Oberfläche der Motorhaube, als würde man Zeuge einer zwischenmenschlichen Begegnung sein, und tatsächlich blickt der Film immer wieder ins Herz seiner Gefährte und präsentiert ihr Innerstes wie einen Organismus. Allerdings keinen eigenständigen, denn die Autos in Motorway wirken vielmehr wie mechanische Verlängerungen ihrer Fahrer. Ähnlich wie bei David Cronenberg und Shinya Tsukamoto, wenn auch ohne wirkliche Mutationen, übernimmt die Maschine bei Cheang Funktionen des menschlichen Körpers. Nach einem tragischen Ereignis lässt Sean etwa mit seinem Auto Dampf ab und schlittert eine Leitplanke entlang. Die Tränen, die er selbst nicht weint, entladen sich zu sprühenden Funken. Und so wie das ruckartige Aufheulen des Motors nach dem finalen Gefecht wie die letzten Pulsschläge eines Lebewesens wirken,  ist dann auch alles vorbei, wenn der Zündschlüssel herumgedreht wird. Für das Auto wie für seinen Fahrer.

Motorway ist bisher sicherlich der klassischste Film, den Soi Cheang gedreht hat. Angefangen hat er zur Jahrtausendwende mit sozialkritischen Genre-Hybriden, die in urbanen Schattenwelten angesiedelt waren und durch ihre Durchlässigkeit für andere Einflüsse immer auch ein wenig spröde wirkten. Seit einigen Jahren lässt sich eine Hinwendung zum klassischen Actionkino beobachten. Sein letzter Film Accident (Yi ngoi, 2009) wurde wie Motorway von seinem ehemaligen Mentor Johnnie To produziert und trägt auch die Handschrift von dessen intelligenten Genrefilmen. Es scheint so, als hätte es Cheang endlich in den Olymp der momentan angesagtesten Regisseure Hongkongs geschafft. Man muss man sich nur sein nächstes Projekt ansehen, ein aufwändiges 3D-Fantasy-Spektakel mit Superstar Chow Yun-Fat in der Hauptrolle.

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Auch wenn Motorway auf die Extravaganzen und Ausschweifungen früherer Arbeiten Cheangs verzichtet und auf den ersten Blick kein wirkliches Wagnis eingeht, zählt er bisher zu seinen besten Arbeiten. Die Radikalität besteht diesmal darin, alles auszublenden, was für den Film nicht wichtig ist. Letztlich geht es doch um Männer in Autos, die sich gegenseitig duellieren. Weder die Intrige unter Gangstern, noch ein Raubzug bekommt genug Aufmerksamkeit, um davon abzulenken, und sogar der Flirt mit einer selbstbewussten Krankenschwester bleibt nur ein Flirt. Warum sollte man sich auch solch schmückendem Beiwerk widmen, wenn es doch eigentlich darum geht, puristisches Actionkino auf höchstem Niveau zu inszenieren.

 

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Kommentare


Friedrich Steinlein

Pardon, aber das "Actionkino auf höchstem Niveau" ist wohl vollkommen an mir vorbeigegangen.
Cheang ist ein ehrlicher Filmemacher, dessen völlig minimalistischer Ansatz mir gefällt...wenn man jedoch nur furiose Action auf angenehm knappen 80 Minuten ausbreiten will, sollte man gefälligst aber auch in höchstem Maße etwas von der Inszenierung dieser Action verstehen - Cheang tut das in solidem Maße, seine Filmkomponisten sogar sehr, sein Cutter offenbar nicht im Geringsten; der Schnitt dieses Filmes ist ein zeitweiliges Erdbeben an Inkompetenz.
Außerdem hat mich das ganze in den schlimmsten Fällen mit seinem ganzen Knapp-an-dieser-und-jener-Kante-Vorbeikratzen an den grausigen "Fast & Furios: Tokyo Drift" erinnert...und selbst dort war das Ganze besser inszeniert/geschnitten!

Also Herr Kienzl , wenn bereits die einzige echte Actionszene von "Drive" (die Verfolgungsjagd nach dem fehlgeschlagenen Überfall) bereits fünfmal so intensiv, mitreißend und dennoch übersichtlich gefilmt ist wie sämtliche Actionszenen von "Motorway" zusammen, frage ich mich wirklich, wie Sie ernsthaft auf die Aussage Ihrer Überschrift kommen können.






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