A Most Wanted Man

Vom Beobachten der Beobachter beim Beobachten: Anton Corbijn erzählt in seinem Post-9/11-Spionagethriller aus einer Welt der ständigen Verunsicherung.

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Wie ein Gespenst taucht der titelgebende Mann gleich in der ersten Szene von A Most Wanted Man am Hamburger Hafen aus der Elbe. Fast unbemerkt zieht er sich die Kapuze seines Pullovers über. Wären da nicht überall die Überwachungskameras, die jeden dieser ersten Schritte von Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) begleiten und aufzeichnen. Er wird im Folgenden der Magnet sein, der die Handlung auf sich konzentriert und den Film zusammenhält. Denn diese Geschichte liefert keine klassische Konstellation zweier Antagonisten. Vielmehr sehen sich verschiedene in Hamburg operierende Geheimdienste mit Karpov konfrontiert. Deren Agenten nehmen ihn als potenzielle islamistische Gefahr ins Visier, wobei sie alle überzeugt davon sind, ihn und die Situation richtig einschätzen zu können, überzeugt davon sind, nur ihrem Scharfsinn zu folgen und dabei stets das Richtige zu tun – das Richtige für die Sicherheit der Welt.

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A Most Wanted Man handelt unter anderem davon, wie unterschiedliche Geheimdienste mit mut­maßlichen Terroristen umgehen, 13 Jahre nachdem in Hamburg unbemerkt und folgenschwer die Atta-Zelle agierte. John Le Carrés gleichnamige Romanvorlage wurde hierzulande unter dem Titel „Marionetten“ veröffentlicht, und tatsächlich zeichnet der Film ein Panorama von Personen, die mehr Schachfiguren eines übergeordneten politischen Systems und dessen Logik sind als autono­me Subjekte. In seiner letzten Hauptrolle ist Philip Seymour Hoffman als eigenbrötlerischer Leiter einer Antiterror-Einheit der Einzige, der sich nicht manövrieren lässt, sondern selbst versucht, einige Strippen in der Hand zu halten und an ihnen zu ziehen. Hoffmans Tod färbt seinen ohnehin schon melancholischen, gebeutelten Günter Bachmann zusätzlich tragisch ein. Bachmann bevorzugt Kettenrauchen und Whisky statt Drama oder gar Romantik: Reduzierte Gesten und wenige Worte genügen, um eine unterschwellige Zuneigung zu seiner Kollegin Erna Frey (Nina Hoss) anzudeuten.

Die Schatten der Gegenwart

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Im Post-9/11-Spionagegenre sind die Schatten der Vergangenheit zu den Schatten der Gegenwart geworden. Der Islamismus hat als neues Feindbild die Bedrohung durch den Kommu­nismus ersetzt. Doch seine Gefahr wird noch sehr unterschiedlich interpretiert. Obskure Verdachtsmomente werden zum Teil vorauseilend mit Maßnahmen bekämpft. Wer gut ist und wer böse, ist nicht mehr zweifelsfrei festzustellen. Das gemeinsame, edle Ziel aller für die Sicherheit Kämpfenden ist „to make the world a better place“, wie mehrmals wiederholt wird. Weltanschauliche Unterschiede werden erst in nuancierter Betonung sichtbar: Die CIA-Agentin Martha Sullivan (Robin Wright) meint die Aussage ganz ernst, während Bachmann sie süffisant mit ironischem Unterton artikuliert und an anderer Stelle hinzufügt: „This is the real world.“ Mit seinen unkonventionellen Methoden bildet der deutsche Agent den menschlichen Gegenpol zur Hysterie seiner Intelligence-Kollegen. Seine zurückhaltende Herangehensweise, mit dem Augenmerk auf intensiver Beobachtung und langfristiger Resultate, geht nicht konform mit einer Welt, die von Geheimdiensten schnelle und effiziente Prävention im Umgang mit Terrorverdächtigen erwartet. So ist Bachmann das zweite schillernde Epizentrum eines Films, in dem alle Figuren von der Frage angetrieben werden, wie sie mit Karpov umzugehen haben. Er scheint dabei am meisten von sich selbst überzeugt, vertraut vollkommen seiner Tunnelvision und glaubt,  der Außenwelt zeigen zu können, dass er die Lage vollkommen richtig einschätzt.

Vorwärts ins Chaos

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In kühlen Bildern und in einem verschleppten Erzähltempo porträtiert Anton Corbijn das vom Ter­ror bedrohte Hamburg auf eher tourismustaugliche Weise. Entsprechend kommt bis zum Ende kein wirklicher Thrill auf. Im Finale dann entlädt sich die verkrampfte Anspannung in einer ersten Actionsequenz, die Bachmann mit einem Schrei und leeren Händen zurücklässt. Mit dem Auftauchen von Karpov begann der Film. Mit seinem Abgang endet der Film. Die Ordnung, die vielleicht nie bedroht war, ist vom Staat wieder hergestellt; das Gefühl, dass etwas falsch gelaufen ist, und die damit einhergehende Verunsicherung bleiben beim Zuschauer jedoch auch über den Abspann hinaus bestehen. Wenn in symbolischen Filmwelten à la A Most Wanted Man diejenige Kraft die manövrierende ist, die – von zweifelhaften Klischees bestimmt – präventiv handelt, während ein bedachter Ansatz hingegen auf der Strecke bleibt, dann erscheint die Botschaft pessimistisch. Staaten und ihre angeschlagenen Geheimdienste schwelgen in einem diffusen Traum einer sicheren Welt, hinter den Kulissen regieren die allseitige Beobachtung und die Konkurrenz der Interessen. Wie viele geheimdienstliche Maßnahmen zur Stabilisierung in solch einer Welt auch ergriffen werden, diese Welt scheint unaufhaltsam in Richtung Chaos zu driften.

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Kommentare


ule

Hölzerne Dialoge, viele deutsche Schauspieler, die definitiv kein Englisch sprechen können, dazu gesellt sich eine Logik, die hahnebüchen ist . Ich würde mal gerne wissen, wieviel Staatsknete aus Deutschland in diesen Mist geflossen ist und vor allen Dingen kann der Film nur zusammengehalten werden, weil BND und CIA nie auf die Idee kommen, die Familienverhältnisse und Wohnsitze der Anwältin zu überprüfen, die den potentiellen Terroristen vertritt und die ansonsten permanent überwacht wird. Absoluter Murks. Bullshit






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