Morbidia - Der Tod ist erst der Anfang

Tony Leung Siu-Hungs erfreulich ruppiges Horror-B-Movie sucht blutige Bilder für die Traumatisierungen eines jungen Vaters.

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Jedem Ende wohnt ein Anfang inne – und, zumal im Horrorgenre, jedem Anfang wohnt auch bereits ein Ende inne. Dies legt jedenfalls Tony Leung Siu-Hungs Horrorfilm Morbidia – Der Tod ist erst der Anfang (Zai shi zhui hun, 1992) nahe, der Mitte der 90er Jahre in einer stark gekürzten Fassung auf VHS erhältlich war und nun Dank dem österreichischen DVD-Label Illusions Unlimited in vollständiger Form zugänglich ist.

Das abrupt endende und das beginnende Leben verschaltet Regisseur Leung in einer etwas waghalsigen Plotkonstruktion, indem er seinen Helden, den Polizisten David Chan, just in jenem Augenblick, da seine Frau ein Zwillingspaar gebiert, zwei durchgeknallte Gangster erschießen lässt. Dies führt für Chan gleich in mehrerer Hinsicht zu Kalamitäten: Erst einmal schwört, nachvollziehbarerweise, der noch wahnsinnigere Bruder der beiden Getöteten Hung Long Rache an Chan und seiner gesamten Familie. Zudem verhalten sich aber auch die beiden Sprösslinge des Polizisten überaus merkwürdig: Während sie sich überaus anhänglich gegenüber ihrer Mutter geben, scheinen sie ein merkwürdig aggressives Verhalten gegen ihren Vater zu kultivieren. Die immer bedrohlicheren Unfälle häufen sich, und immer überzeugter ist Chan schließlich davon, dass sich die beiden erschossenen Gangster in seinen Kindern reinkarniert haben.

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Morbidia, dessen internationaler Titel etwas schlichter Vendetta lautet, erscheint im Rahmen der DVD-Edition CAT III Series und steht dort in illustrer Gesellschaft: Mit Herman Yaus Ebola Syndrome (Yi boh lai beng duk, 1996) und Billy Tangs Red to Kill (Yeuk saat, 1994) hat Illusions Unlimited nämlich in besagter Reihe bereits zwei echte Klassiker und Meilensteine des CAT-III-Films erstmals im deutschsprachigen Raum publiziert. Das Label CAT III ist dabei im Grunde weniger als eine Genrebezeichnung zu verstehen – obgleich sich unter Connaisseurs des Hongkonger Kinos gewisse Erwartungshaltungen daran knüpfen, so etwa drastische Gewaltdarstellung und inhaltliche Grenzüberschreitungen. Tatsächlich jedoch markiert das Label CAT III lediglich eine Altersfreigabe, die dem FSK-18-Siegel in Deutschland zu vergleichen ist. In Hongkong wird es vorwiegend für softpornografische und extrem gewalthaltige Filme vergeben, aber auch immer wieder für Filme, die sich mit der aus der Hongkonger Populärkultur nicht wegzudenkenden Parallelgesellschaft der Triaden, der lokalen Verbrecherclans, auseinandersetzen.

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Besondere Popularität auch unter westlichen Zuschauern erwarb sich der CAT-III-Film jedoch im Zuge der New Wave des Hongkong-Kinos in den 80er und 90er Jahren durch eine Reihe überaus brutaler, ins Groteske tendierender Serienmörderfilme. Im Gegensatz zu diesen, deren Speerspitze eine wuchtig-nihilistische Trilogie von Regisseur Billy Tang markiert, greift Tony Leung für Morbidia ein insbesondere im westlichen Kino eher klassisches Sujet des Horrorgenres auf. Obgleich seine überzeichneten, hyperbrutalisierten Gangsterfiguren direkt größeren CAT-III-Klassikern wie Tangs Run and Kill (Woo sue, 1993) entlehnt scheinen – und auch der einleitende, mit dem Folgenden allerhöchstens vage metaphorisch verbundene Mord an einer kompletten Jungfamilie nebst Kleinkind und schwangerer Mutter deutlich an die transgressiven Gewaltakte jener Genreklassiker anknüpft –, wendet sich Leung dann auch schnell dem etwas konventionelleren Pfad des Böse-Kinder-Horrorfilms zu, der von Wolf Rillas Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960) bis zu Tom Shanklands The Children (2008) bereits etliche mehr oder minder originelle Filme hervorgebracht hat.

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Leungs Inszenierung freilich will weder, wie Narciso Ibáñez Serradors Ein Kind zu töten … (¿Quién puede matar a un niño?, 1976), politisches Statement sein, noch, wie Shanklands The Children, avantgardistische Stilübung – und von der mainstreamigen Glätte von Richard Donners Klassiker Das Omen (The Omen, 1976) trennen ihn ohnehin formal wie handwerklich Welten. Stattdessen beackert Leung eher, und das ist gar nicht einmal als Kritik zu verstehen, geradlinig ruppiges B-Movie-Terrain. Jene lebenspralle Hysterie, der das Hongkonger Genrekino ja von jeher zuneigt, passt daher auch recht gut in die Inszenierung, die eher grob als subtil zur Tat schreitet und die etwas überraschungsarme Erzählung in erfreulich dichte 82 Minuten komprimiert.

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Dass Morbidia – Der Tod ist erst der Anfang sicher kein wiederentdeckter Klassiker ist und sich auch in der Gesellschaft tatsächlich großer Würfe in der CAT III Series von Illusions Unlimited ein wenig unscheinbar ausmacht sei dahingenommen. Zumindest bis zum etwas albern harmonieseligen Schluss macht Morbidia nur wenige Kompromisse in der zuweilen tatsächlich unheimlichen Bebilderung seines zentralen Traumas – der Furcht des jungen Vaters, keine Beziehung zu seinen Kindern zu entwickeln – und watet auf dem Weg zur finalen Katharsis durch abgebissene Finger, ausgerissene Augäpfel und eine beeindruckende Menge Kunstblut.

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