Moon

One-Man-Drama: Duncan Jones’ Spielfilmdebüt zeigt Sam Rockwell auf einer Mondbasis als einsamen Arbeiter, dessen Identität und Realitätswahrnehmung gleichermaßen hinterfragt werden.

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Sehr funktional wirkt die Mondstation Sarang von Lunar Industries, versteckt auf der dunklen Seite des Mondes gelegen. Die Farbe Weiß dominiert, wohl um das nur künstliche Licht noch zu verstärken, die einzelnen Bereiche sind offenbar standardisierte Module, die nur ihrem jeweiligen Zweck angepasst wurden. Und zugleich hat ihnen doch Sam Bell, der hier für die drei Jahre seines Arbeitsvertrages ganz allein den automatisierten Abbau von Helium-3 überwacht, seinen Stempel aufgedrückt: Fotos seiner Frau und seiner Tochter hängen über dem Bett, im Freizeitraum hat er das Modell einer kleinen Stadt geschnitzt, und hinten an „Gerty“, dem allwissenden Stationsroboter, klebt ein kleines Post-it: „Kick Me!“

Willkommen in der Welt von Moon, dem ersten Langfilm des Briten Duncan Jones und einem kleinen Meisterwerk der Konzentration. Schon die Aufmerksamkeit, die der Ausstattung des Handlungsortes – eben der Station Sarang – zuteil wird, ist bemerkenswert. Denn obgleich Moon natürlich auch ein Science-Fiction-Film ist, der von einer allerdings sehr nahen Zukunft handelt, spielen hier die technologischen Umstände selbst für den Hintergrund nur eine marginale Rolle. Raumfahrt ist, zumindest zwischen dem Mond und der Erde, offenbar eine Selbstverständlichkeit, mit Helium-3 lässt sich die Erdbevölkerung mit sauberer Energie versorgen, und irgendwie gibt es auf der Mondstation auch erdähnliche Schwerkraft.

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Entscheidender für Jones’ Film ist aber, wie sehr hier die Ausstattung mit ihren klaren Linien, den fast klobigen Instrumenten und der gelegentlich rumpelnden Mechanik die Idee widerspiegelt, dass dies tatsächlich Arbeitsinstrumente sind, die auf Haltbarkeit und praktische Handhabung ausgelegt sind, dass also der Gerätepark einen bestimmten Verwendungszweck hat und eben nicht nur Filmkulisse ist. Von Bedeutung ist das, weil es hintergründig in Moon um die Bedingungen und subjektiven Folgen dieser Arbeit geht.

Die ersten Szenen des Films zeigen einen Werbespot von Lunar Industries. Das ist nicht nur eine Exposition, die erklärt, warum Sarang überhaupt betrieben wird und wo sie sich befindet, es ordnet den Film zugleich überdeutlich in eine Richtung der Science-Fiction ein, in der kapitalistische Erwerbs- und Arbeitsstrukturen die „eigentliche“ Geschichte des Films modulieren und prägen. Ähnliches betreiben zum Beispiel in jüngerer Zeit der Schweizer Film Cargo (2009), aber natürlich auch Klassiker wie Blade Runner (1982) oder Alien (Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, 1979).

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Moon lässt sich 20 seiner durchaus sehr ökonomisch eingesetzten 97 Minuten Zeit, um den eher wenig aufregenden Arbeits- und Lebensalltag von Sam (Sam Rockwell) darzustellen; dann aber kippt der Film innerhalb von zehn Minuten um in eine Diskussion über Identität, Wahrheit, Erinnerung und Realität. Was in der Beschreibung so abstrakte, metaphysische Begriffe verlangt, ist jedoch in der Darstellung auf nachgerade schmerzhafte Weise konkret – es verbietet sich jedoch, diesen Wendepunkt zu präzise zu umschreiben, da dies Moon einiges von seiner Durchschlagkraft rauben würde.

Was sich stattdessen sagen lässt: Jones hat hier einen Psychothriller gemacht, der den üblichen Konventionen dieser Filme an Figurenkonstellationen und Spannungsbögen in keiner Weise entspricht. Irgendwann kündet sich das Rettungsschiff „Eliza“ an, das aber genauso gut eine Bedrohung darstellen könnte; das führt dann in der zweiten Hälfte von Moon zu einem effektiven Countdown, der eine dramatische Steigerung zum Schluss hin bewirkt – aber abgesehen davon gibt es wenig, was Spannung in einem herkömmlichen Sinne erzeugen würde.

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Sam Rockwell ist in Moon so überzeugend wie noch nie; sein Sam Bell ist professionell und willensstark, dann wieder einsam und gebrochen, auf seine Körperfunktionen reduziert und hilfsbedürftig wie ein Kleinkind. Dies ist sein Film, den er fast vollständig alleine trägt, und er gibt der Hauptfigur eine enorme Komplexität und Doppelbödigkeit. Außer mit Gerty (dem im Original Kevin Spacey seine Stimme leiht) redet Sam Bell fast nur mit sich selbst – und so ganz sicher kann man sich nicht sein, ob er all das wirklich erlebt oder doch nur halluziniert, nachdem er offenbar unter zunehmenden psychischen wie physischen Verfallserscheinungen leidet.

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Auch die Inszenierung erlaubt sich da nie eine völlig klare Positionierung. Zwar wird Sams subjektive Wahrnehmung hier völlig realistisch dargestellt, zugleich aber finden sich Szenen von geringer Schärfentiefe, in denen alles außer ihm selbst ins Ungefähre tritt. Die Station, stets peinlich sauber und bis auf Sams persönliche Gegenstände äußerst ordentlich, wirkt steril und künstlich, stets zwischen Albtraum und Laborsetting oszillierend. Und Gerty, der in seiner äußeren Form so sehr als Antithese zu „HAL 9000“ aus Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey (2001: Odyssee im Weltraum, 1968) angelegt ist, dass man es erst recht mit der Angst zu tun bekommt, erkundet sich ständig und immer wieder nach Sams Befinden. Dass Gertys Fragen dabei gelegentlich klingen wie von dem in den 1960er Jahren entstandene Programm „Eliza“ gestellt – es sollte das Gesprächsverhalten eines Psychotherapeuten simulieren –, unterstützt nur den Effekt, dass die im Film gezeigte Handlung auch der Einbildung Sams entsprungen sein könnte, der langsam den Verstand verliert. (Und dass das Rettungsschiff diesen Namen trägt, ist sicher kein Zufall.)

Duncan Jones gelingt so in einer Geschichte, deren einzelne Elemente im Übrigen für die Science-Fiction nicht besonders originell und neu sind, ein unglaublich dichtes Porträt eines gebrochenen Mannes – ganz nebenbei lässt er aber die zuweilen absurden und unmenschlichen strukturellen Bedingungen von Bells Arbeit nie aus dem Blick. Der läuft nämlich stets in seinem Arbeitsoverall herum, das Logo von Lunar Industries auf dem Rücken. Aber es ist niemand da, der es sehen kann.

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Kommentare


iudas

Das ist vielleicht - neben The Road - der beste Film des Jahres! Sollte man gesehen haben!


Gregor Hilland

Habe per Zufall und ohne Vorwissen diesen Film gesehen. Mit das beste was mir in diesem für mich ehr mageren Filmjahr bisher zu sehen war.


Gerry

Sorry,aber ich fand díesen Film einfach nur langweilig und totaler Schrott. Ihn mit Odyssee im Weltraum gleichzustellen find ich äußerst armselig. In der ersten halben Stunde meint man: Jetzt wird er gleich gut...und dann dieses Schrottende.






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