Montag kommen die Fenster

Eine Familie zieht aus Berlin nach Kassel. Eigentlich soll die Wohnung renoviert werden. Doch die Mutter hat plötzlich mehr Lust, mit einem abgehalfterten Tennisstar in einem Waldhotel Sekt zu trinken.

Montag kommen die Fenster

Ulrich Köhlers Erstlingswerk Bungalow (2002) handelte von einem Wehrdienstleistenden, der eher zufällig Fahnenflucht begeht und anschließend sein bürgerliches Umfeld durch konsequent destruktives Verhalten in den Wahnsinn treibt. Der Nachfolger Montag kommen die Fenster führt den eingeschlagenen Weg konsequent fort, allerdings konfrontiert Köhler seinen Aussteiger dieses Mal mit den Problemen der Resozialisierung.

Genauer gesagt handelt es sich um eine Aussteigerin. Die Ärztin Nina (Isabelle Menke) ist mit ihrem Mann Frieder (Hans-Jochen Wagner) und der gemeinsamen Tochter Charlotte (Amber Bomgart) von Berlin nach Kassel in ein noch unrenoviertes Einfamilienhaus gezogen. Montag sollen die Fenster kommen.

Eines abends fährt Nina davon, übernachtet zuerst bei ihrem Bruder Christoph (Trystan Wyn Puetter) und als dieser ihrem Mann Bescheid sagt, macht sie sich auf in ein naheliegendes Hotel, in welchem sie eine bizarre Bekanntschaft macht. Bald ist Nina wieder bei Frieder und Charlotte, allerdings ist es für alle Beteiligten nicht möglich, sofort wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Montag kommen die Fenster

Montag kommen die Fenster, in ähnlich minimalistischem Stil gedreht wie Köhlers Regiedebut, folgt der Struktur des Klassikers Reise in Italien (Viaggio in Italia, 1954) von Roberto Rossellini, in welchem zwei Amerikaner in Italien in eine Beziehungskrise stürzen. Hier wie dort wird ein Ehepaar mit einer neuen, ungewohnten Umgebung konfrontiert und wie Ingrid Bergman als Katheryn Choice versucht Nina Abstand von ihrem Mann zu gewinnen und kehrt schließlich desillusioniert wieder zurück. Ein Ausstieg aus der bürgerlichen Tristesse – wiewohl der zynische amerikanische Rationalismus des Mannes Kathryns und das Rot-Grün-wählende Spießertum, das Ninas Umfeld prägt, durchaus Unterschiede aufweisen – erweist sich für beide Frauen als unmöglich.

Ein entscheidender Unterschied beider Filme ist in der Figurenpsychologie zu suchen, beziehungsweise in der Tatsache, dass diese in Montag kommen die Fenster nicht vorhanden ist. Während Ingrid Bergmans Motive dem Publikum durch Dialoge und Voice-Over-Kommentar mitgeteilt werden, bleiben Ninas Gedanken und Gefühle verborgen. Ob die sich ankündigende zweite Schwangerschaft, die mangelnde Liebe zur Tochter oder Eheprobleme der konkrete Auslöser für das Hotelabenteuer sind, lässt Köhler nicht nur offen, sondern er stellt diese Frage erst gar nicht.

Es gibt noch einen zweiten wichtigen Unterschied zwischen Reise nach Italien und Montag kommen die Fenster: Kassel ist nicht Italien. Ingrid Bergmans vergebliche Versuche, die Spuren der in und um Neapel überall sichtbaren Geschichte in ihre eigene Biografie zu übertragen, besitzen eine romantische Melancholie, die eine westdeutsche Kleinstadtlandschaft nicht zu evozieren vermag. Das beengende Kassel mit seinem von existentiellen Sorgen und großen, weltbewegenden Projekten gleichermaßen verschonten Bürgertum hat keinen Raum für Utopien.

Montag kommen die Fenster

Das Hotel, in welchem Nina Zuflucht sucht, erscheint in seiner filmischen Darstellung als kompletter Gegenentwurf und verändert die Perspektive. Die räumlichen Koordinaten sind durcheinander gekommen, immer wieder öffnen sich neue Zimmer hinter verwinkelten Gängen oder Glasscheiben, irgendwo befindet sich auch ein Pool und eine Tennishalle, in der ein Showmatch stattzufinden scheint. Nina irrt durch diese sonderbare Welt in der sonderbare Dinge geschehen und ständig trashiger Neunziger-Jahre-Elektropop läuft und scheint sich nicht in derselben Dimension zu befinden wie ihre Umgebung. Die meisten der Anwesenden ignorieren sie, nur der alternde Tennisstar David Ionescu (Ilie Nastase, der in den Siebziger Jahren mehrmals die Weltrangliste anführte) wird auf sie aufmerksam und beginnt eine Art Affäre mit ihr. Doch das surreale Abenteuer währt nicht lange. Und Kassel wartet schon.

Montag kommen die Fenster ist kein Familiendrama. Am deutlichsten wird dies in den Momenten, die diesem Genre am nächsten sind. Nachdem Nina aus dem Hotel zurückkehrt, trifft sie auf ihre übrige Familie, die damit beschäftigt ist, ein Auto auf einem matschigen Feldweg wieder in Fahrt zu setzen. Durch Ninas Hilfe gelingt dies denn auch. Mit vereinten Kräften ziehen sie den Karren aus dem Dreck. Die Szene ist derart aufdringlich metaphorisch – wie das Auto ist auch das Familienglück durch gemeinsame Anstrengung wieder instand zu setzen – und steht dadurch in solch krassem Widerspruch zum Rest des Films, dass sie als Karikatur eines Kinos erkennbar wird, von welchem Köhler sich abwendet. Als Karikatur nämlich eines manipulativen, psychologisierenden Kinos, eines Kinos, das glaubt, die Komplexität der menschlichen Erfahrung und Emotionalität auf Zelluloid aufzeichnen zu können, eines Kinos, das gerade in Deutschland, in den Filmen Oskar Roehlers etwa, extrem aufdringliche Verfechter besitzt.

Und Köhler erreicht tatsächlich genau das, was Roehlers Filmen der letzten Jahre, von Der alte Affe Angst (2003) bis Elementarteilchen (2006), konsequent misslingt: Die Anbindung der privaten, emotionalen wie körperlichen Erfahrung an gesellschaftliche Strukturen. Wo Roehlers Figuren, von ihrer Sexualität geknechtet, durch beliebige Städte hetzen ohne innezuhalten, beschreibt Köhler realistische Figuren und deren Interaktion mit einem genau definierten Milieu. Und noch etwas: Montag kommen die Fenster ist manchmal unglaublich lustig.

Kommentare


Ben

Spannender als dieser Film ist nur noch das Liebesleben eines Gummibaums.
Vollkommen ärgerlich, dem unmotivierten Treiben, (nein sagen wir lieber Abhängen, Treiben klingt viel zu dynamisch) der Darsteller zu folgen.
Die Filmkritik beschreibt den Inhalt des Films zutreffend. (im Übrigen, wenn Sie das gelesen haben, brauchen Sie den Film wirklich nicht mehr sehen, mehr passiert da nicht.)Die metaphysisch, philosophische Deutung des Kritikers geht aber voll daneben. Wo nichts ist kann auch nichts sein!


Tom

Den Vergleich mit Elementarteilchen finde ich richtig und gut. Beim Schauen von "Morgen kommen die Fenster" konnte ich mich wesentlich besser in die Figuren hineinversetzen und schätze die Szenen zwischen Nina und Frider sehr viel realistischer ein als in "Elementarteilchen". Und die Deutung als Surrealistische Bildfolge erschließt sich mir vollständig.
Warum aber gehen alle davon aus, dass Charlotte Ninas Tochter ist? Ich finde dafür keinen zwingenden Beweis. Aber wenn sie es doch ist, dann zeigt das nur, wie fremd Charlotte für Nina ist.






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