Monsieur Lazhar

Philippe Falardeaus feinfühliges Drama, das Kanada beim Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film vertrat, rührt an der kollektiven Psyche Quebecs.

Monsieur Lazhar 01

Quebec, die frankophone Region im Osten Kanadas, hat angeblich eine der höchsten Selbstmordraten der westlichen Welt. Wen wundert es da, dass das Suizidthema einen zentralen Platz in der Kinematografie dieser französischsprachigen Enklave einnimmt. Micheline Lanctôt erzählt in Le piège d’Issoudun (2003) vom missglückten Selbstmordversuch einer Mutter, die zuvor ihre beiden Kinder getötet hat. Tout est parfait (2008) von Yves-Christian Fournier inszeniert die Depression eines jungen Mannes, der den kollektiven Selbstmord seiner vier besten Freunde nicht mitgegangen ist. In Philippe Falardeaus Ich schwör’s, ich war’s nicht (C’est pas moi, je le jure!, 2008) zeigt ein kleiner, von seinen ewig streitenden Eltern vernachlässigter Junge deutlich selbstzerstörerische Züge.

Abwesende Eltern, distanzierte Lehrerinnen

Auch in seinem jüngsten Film Monsieur Lazhar (2011) wendet sich Falardeau wieder dem Thema Suizid aus der Sicht der Kinder zu. Eine Grundschulklasse steht unter Schock, weil sich ihre geliebte Lehrerin Martine erhängt hat – an einem Lüftungsrohr im Klassenzimmer. Weil die Schuldirektorin (Danielle Proulx) keine bessere Option hat, stellt sie kurzerhand den fünfzigjährigen Bachir Lazhar (Fellag) an, der sich auf recht unkonventionelle Weise auf die freie Stelle bewirbt und als ehemaliger Grundschullehrer aus Algier vorstellt. Auch er hat als Witwer einen Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Monsieur Lazhar 02

Der Film spiegelt im Laufe der Geschichte den Tod von Bachirs Frau mit Martines Suizid. Durch die Präsenz des Algeriers, dieses fremden Elements (männlich, arabisch, intuitiv), entwirft Falardeau auf subtile und feinfühlige Weise eine Kritik des Quebecer Gesellschafts- und Schulsystems (dominant weiblich, westlich, rational), wo der Tod mit einem absoluten Tabu belegt zu sein scheint. Martines Selbstmord wird buchstäblich unter einer frischen Farbschicht auf den Wänden begraben und ansonsten im Kollegium totgeschwiegen. Die Eltern sind großteils abwesend, die Lehrerinnen aufgrund des existierenden Kodexes („Keine Umarmungen!“) vorschriftsgemäß distanziert. Einzig die Psychologin, die in dieser funktionell organisierten Gesellschaft sogar qua Nachnamen dafür die Zuständigkeit hat, leistet unter Ausschluss der anderen Erwachsenen mit den Kindern so etwas wie Trauerarbeit: Madame Latendresse (Frau Zärtlichkeit). Richtig bemerkt eine Schülerin gegenüber Bachir, „die Erwachsenen sind traumatisiert, nicht wir Kinder.“

Ein Porträt des "feminokratischen Schulalltags"

In einer Gesellschaft, in der nichts so wichtig zu sein scheint wie die Kenntnis der geltenden Regeln, bleiben die Kinder angesichts der Tragödie hilflos. „Wir können sie nicht nachsitzen lassen“, ruft Alice (Sophie Nélisse) verzweifelt in die Klasse. Eine andere Vorschrift sieht das Regelwerk der Erwachsenen bei Gewalttätigkeit aber nicht vor. Auch gegenüber Simon (Émilien Néron), der glaubt, für den Tod seiner Lehrerin verantwortlich zu sein, und sich auffällig verhält, scheitern die bürokratischen Sanktionsvorschriften. Bachir ist der Einzige, der sich darüber empört, dass sich Martine ausgerechnet im Klassenzimmer das Leben genommen hat. „Man verschwindet nicht einfach so ohne Vorankündigung.“ Dieser Schlüsselsatz erklärt auch die fatale Entscheidung von Bachirs Frau, länger als nötig in Algerien geblieben zu sein. Und er erklärt, warum sich Bachir als politischer Flüchtling in Quebec wissentlich dem Risiko der Strafbarkeit aussetzt.

Monsieur Lazhar 05

Beim Erzählen dessen, was eine trostlose Geschichte hätte werden können, vermeidet Falardeau glücklicherweise jegliche Rührseligkeit; dafür gelingt ihm in seinem detailreichen Porträt des „feminokratischen“ Schulalltags manch charmanter komischer Moment. Eindrucksvoll ist die Leistung der kindlichen Hauptdarsteller Nélisse und Néron, die auch emotional schwierige Szenen authentisch spielen. Getragen wird der Film jedoch vom Komiker Fellag in der Titelrolle, der mit seinem facettenreichen Spiel diesen seltsamen Mann komplett glaubwürdig macht, ohne jemals zu übertreiben.

Monsieur Lazhar 06

Angesichts des sinnlosen Todes, für den sich keine Erklärung finden lässt, füttert Bachir seine Schüler mit literarischen Referenzen, die von Balzacs Peau de chagrin bis Malika Mokkedems La transe des insoumis reichen. Der Algerier, der von der modernen Pädagogik nichts versteht und die Klasse nach den überkommenen Methoden des Frontalunterrichts führt, spricht indes mit den Kindern eine Sprache, die sie verstehen. Es ist die Sprache der Fabeln und Märchen, in denen das Bild eines Baumes und einer in seinem Astwerk nistenden Insektenpuppe zur starken Metapher für die Rolle der Erwachsenen wird: Halt geben, Schutz bieten, ziehen lassen. Im Quebecer Kino, wo das „cinéma orphelin“ ein eigenes Genre ist und mit Geschichten über Generationen alleingelassener Kinder das kulturelle Gedächtnis des Landes prägt, ist Falardeaus intelligenter Film ein leises, berührendes Ausrufezeichen.

Trailer zu „Monsieur Lazhar“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Aleacim

Bereits M.Lazhars Vorstellungsgespräch öffnet für den Zuschauer die Schere zwischen unmenschlicher Institution und menschlichem Vertreter der „normalen Welt“.
In seiner Notlage tut der Lehrer das Naheliegende: Er bringt den Kindern das bei, was er selbst weiß, auch wenn die Sprache Balzacs die Kinder überfordert. Die moderne Sitzordnung muss einer militärischen Ausrichtung der Tische weichen. Dabei hat es der Film nicht nötig, moderne Pädagogik zu diffamieren. Denn es geht um etwas, das unabhängig von pädagogischen Moden ist: Respekt und Würde.
Monsieur Lazhare führt eine Pädagogik jenseits deutscher Problem-Problematik und Ich-Aussagen-Gläubigkeit vor. Er beobachtet genau, er nimmt die Trauer und die Ängste der Schüler ernst, aber er definiert den Klassenraum als einen Ort der Haltung (tenue) und das bedeutet für ihn auch, dass er kein Ort für persönliche Verzweiflung ist, schon gar nicht der Verzweiflung von Lehrern – weder der seiner Vorgängerin noch seiner eigenen.
Wie nebenbei zeigt der Film viele Details, deren Wirklichkeitsnähe manchmal erheitert, manchmal betroffen macht. Der Laptop passt nicht in die Schublade des Lehrertisches. Ein mit bunten Dekorationen und Schülerarbeiten vollgestopfter Klassenraum. Das Zurückweichen der Lehrer vor unmenschlichen und unsinnigen Vorschriften. Die Resignation des Sportlehrers, der niemanden berühren darf und deshalb in Kauf nimmt, dass seine Schüler ihn für einen Dummkopf halten, wenn er sie ständig im Kreis laufen lässt. Die Entlassung einer Schulleiterin, die sich für eine rasche Schadensbegrenzung zugunsten ihrer Schüler entschieden hat.
In diesem Film ist die Institution Schule ein Monster, das alle zermalmt, die nicht das Glück haben, hinausgeworfen zu werden. Das unmittelbare Nebeneinander von allem, was an Schule beglückt und was an Schule verzweifeln lässt, ist so realistisch wie schwer erträglich.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.