Mondovino

Mondovino, die Welt des Weins, ist ein eigener Kosmos. Dennoch geht es dort wie überall zu: Amerikaner bekehren die Welt, Gallier wehren sich und am Ende ist alles Geschmackssache.

Mondovino

Wenn Uli Hoeneß und Co. gegenüber ihren Lieblingsfeinden von Real Madrid und vor dem Champions-League-Schlager gegen Abramowitsch-Chelsea die Rolle der armen Underdogs mimen dürfen, dann sei das auch Aimé Guibert, einem der bekanntesten Languedoc-Winzer, in Anbetracht des Weinpatriarchen Roberto Mondavi erlaubt.

Der Fußball, des Deutschen liebstes Kind, aber ganz europaweit der Männer größtes Faible, befindet sich in einer doppelten Krise: Schiedsrichter pfeifen nicht nur schlecht, sondern auch noch absichtlich so und Männer mit überdimensionalen Geldbeuteln machen aus dem Transpirations- und Clubhaus-Freizeitmekka ein milliardenschweres Geschäft. Und das ist – im Gegensatz zu den Trikots der lahmen, kampfmüden Millionarios – dreckig. Natürlich steht das eine mit dem anderen in Zusammenhang, denn: „Money makes the world go round”.

Während der Deutsche an sich womöglich den einen oder anderen politisch leicht inkorrekten Spruch wegen des zu hohen Ausländeranteils von sich lässt, gibt er einem guten alten, nett etikettierten Pinot Grigio doch gerne den Vorzug vor einem muffigen Grauburgunder vom Pfälzer Winzer nebenan.

Mondovino

Stephen Nossiter, amerikanischer Regisseur und Sommelier, sowie die Protagonisten seiner Dokumentation haben einen etwas anderen Blick auf die Welt. Für Nossitter ist die Globalisierung des Weines eine Angelegenheit, die durchgängig mit drei Namen zusammenhängt: Robert Parker, Michel Rolland und Robert Mondavi. Der sich durchweg vom Deutschen unterscheidende Blick des Amerikaners macht sich auch in Aussagen wie diesen von Wine Spectator-Korrespondent James Suckling bemerkbar: die Franzosen spielen schlechten Fußball und die sozialistische Regierung ist auch überholt. Das möchte er als Metapher verstanden wissen und empfiehlt also anstelle des französischen den italienischen Wein. Dies, so eine der impliziten Verschwörungstheorien des Films, habe natürlich mit den drei genannten Schwerstverbrechern und deren Hauptdelikt zu tun: Globalisierung.

Das klingt banal, doch Mondovino findet ein Konzept, die Themen Globalisierung und Wein zumindest über weite Strecken der sehr langen 138 Dokumentarminuten symbiotisch verschmelzen zu lassen. Der Trick liegt darin, scheinbar objektiv zwei Parteien zu Wort kommen zu lassen und ihnen Gesichter zu verleihen. Auf Seiten der Globalisierer steht also der Welt bekanntester Weinkritiker Robert Parker. Dessen verabscheuungswürdig hässlicher Mops hat ein Darmproblem, weswegen sein Herrchen ihn Fartie, übersetzt etwa Pupserchen, nennt. Was hält man von so eines Mannes Beschreibungen über das Bouquet eines Bordeaux? Wie Parker ist auch sein Freund, der Önologe Rolland, ein 47er Jahrgang. Beide kennen sich seit über 20 Jahren und teilen sich die Weinwelt wie folgt auf: Parker gibt einem sündhaft teuren Wein schlechte Bewertungen. Dessen Winzer oder besser –Weinmagnaten – ersuchen händeringend Rollands Hilfe. Der lässt sich nicht lange bitten und wie von Zauberhand schmeckt der nächste Jahrgang seinem Freund Bob, der bewertet großzügig und es lässt sich wieder ein Absatzmarkt finden.

Mondovino

Dieses Erfolgsduo steht der grauen Eminenz des kalifornischen, also amerikanischen Weines, Robert Mondavi zur Seite. Der ist 1913 geboren, befindet sich also in biblischem Alter und möchte zusammen mit seinen Söhnen die Welt mit seinen schmackhaften, vor allem auch Parker mundenden Weinen beglücken. Dafür bereist sein Tross mindestens ebenso viele Länder wie Kollege Rolland. Mondavis Wunsch, in Italien, dem Land seiner Ahnen, Weine zu produzieren, ist nachvollziehbar. Doch sein Interesse, auch das Languedoc in Beschlag zu nehmen, traf auf einen widerspenstigen Gallier: Aimé Guibert. Der schaffte es, ein verschlafenes Nest den amtierenden sozialistischen Bürgermeister abwählen zu lassen und einen Kommunisten an die Macht zu hieven, nur damit der die Vereinbarungen mit Mondavi löste.

Doch der Einzelkämpfer Guibert hat einen Bruder im Geiste: Hubert de Montille. Der hat sich als Winzer in Volnay zurückgezogen und spöttelt über die Bemühungen des Sohnes, das Weingut pragmatisch zu führen. Hubert ist wie Parker ursprünglich Jurist, so klein ist die Mondovino dann doch, aber er ist vor allem eines: scharfzüngiger und lebensweiser Philosoph. Nossitter kann seinen vermeintlich objektiven Blick ruhig beibehalten, das Publikum ist schnell auf Seiten der gewitzten alten Franzosen, auch wenn die sich zuweilen widersprechen. Parker und Rolland besitzen eine Selbstgefälligkeit, die dem Zuschauer das Weintrinken schon beinahe verleidet. Mondavi ist von einer Eitelkeit besessen, die es ihm verbietet, die gepflasterte Wange vor eine Kamera zu halten. Hubert de Montille hingegen zeigt sich ungeniert mit einem halben Taschentuch in der Nase.

Irgendwie erinnert uns Deutsche das doch gleich an einen gewissen Dieter Hoeneß, Bruder von Uli und einst unverdrossen trotz Verletzung mit Turban auf dem Kopf dem Ball hinterherjagend. In der Welt des Fußballs und mit ihren Protagonisten kennen wir uns aus, aber vielleicht erschließen wir uns auch die Welt des Weines zunehmend und machen beim nächsten europäischen Auswärtsspiel in Frankreich mal einen kleinen Abstecher bei Hubert oder Aimé. Es muss ja nicht immer Bier vor dem Anstoß sein.

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