Mondomanila

Gewalt, Armut, Perversion. Mit einer Mondo-Satire erzählt Khavn in den Slums von Manila von der Selbstermächtigung der Machtlosen.

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Soziale Realität lässt sich mit sehr unterschiedlichen Methoden auf Film bannen. Auf den Philippinen etwa, einem von Armut, Kriminalität und Korruption gezeichneten Land mit einer reichen Filmkultur, gibt es momentan einen Trend, sich mit dokumentarischem Gestus den gesellschaftlichen Abgründen der Heimat zu widmen. Auf der letzten Berlinale wurde mit der überdrehten Satire The Woman in the Septic Tank (Ang babae sa septic tank, 2011) eine bissige Reaktion darauf präsentiert. Vorgeführt wird ein Festivalkino, das sich der Elendspornografie verschrieben hat, um den Erwartungen eines westlichen Publikums zu entsprechen.

Ganz so leicht sollte man diese Strömung freilich nicht abwatschen. Schließlich hat gerade Brillante Mendoza, das gegenwärtige Aushängeschild des philippinischen Filmschaffens, trotz seiner Vorliebe für die Missstände in seiner Heimat weitaus mehr zu bieten als die bloße Befriedigung von Sensationsgier. Natürlich lässt sich aber auch anders vom Elend erzählen. Mendozas Landsmann Khavn hat zwar ein ähnlich hohes Arbeitspensum, bewegt sich aber nach wie vor in kleineren Kreisen. Statt im Wettbewerb von exklusiven Festivals wie Cannes und Venedig findet man seine Filme beispielsweise im wagemutigeren Programm von Rotterdam.

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Mit seinen meist sehr schnell gedrehten Low-Budget-Produktionen zeigt sich Khavn weder an Realismus noch an klassischem Erzählkino wirklich interessiert. Squatterpunk (Iskwaterpangk, 2007) demonstriert etwa auf hypnotische Weise, wie sich der Alltag von Slumkindern ohne sozialpädagogische Absichten filmen lässt. Khavn begibt sich buchstäblich auf Augenhöhe mit einer Gruppe von Jungen und nimmt sich viel Zeit, sie beim Baden, Musikmachen oder Drogenkonsum zu beobachten. Mit dem Originalton nimmt er seinem Film auch die Bodenhaftung und ersetzt ihn durch einen rumpelnden Punk-Score. Statt einen vermeintlich objektiven Blick auf die Realität zu bieten, setzt Squatterpunk auf die reine Erfahrung.

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Mondomanila, der erste Film Khavns, der in den deutschen Kinos startet, folgt nun teilweise denselben Parametern. Wieder dienen die zugemüllten Slums als Schauplatz, wieder liegt der Fokus vor allem auf der rohen, ungebändigten Energie junger Darsteller, und wieder wird das Geschehen von einem blechern lärmenden Soundtrack begleitet. Doch die Inszenierung ist diesmal heterogener ausgefallen, und die Erzählstruktur nähert sich fast schon einer herkömmlichen Narration an. Mondomanila ist das Endprodukt eines Work in Progress. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Norman Wilwayco drehte Khavn bereits mehrere Versionen. Mehr noch als die literarische Vorlage diente Mondomanila jedoch der Mondo-Film als Schablone, ein vom italienischen Regisseur Gualtiero Jacopetti mit Mondo Cane (1962) ins Leben gerufenes (pseudo-)dokumentarisches Genre, das unter dem Vorwand der Sozialkritik die Scheußlichkeiten unserer Welt – von Tierschlachtungen bis vereinzelt sogar Tötungen von Menschen – ins Rampenlicht zerrt. Meist sind es dabei exotische Länder in Asien und Afrika, auf die der westliche Betrachter mit gespieltem Entsetzen blickt.

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Mondomanila ist auf den ersten Blick eine grelle Parodie auf dieses Genre. Bedienen die Mondofilme das Bild des unzivilisierten Fremden, überzeichnet Khavn es noch zusätzlich und treibt damit das Klischee des verwahrlosten Entwicklungslandes vollends ins Absurde. Das apokalyptische Setting, mit dem er uns konfrontiert, ist eine westliche Projektion, ebenso wie ein eingeblendetes Zitat, indem sich die amerikanische Schauspielerin Claire Danes wenig schmeichelhaft über Manila äußert. Der sensationsgeile Zuschauer soll das bekommen, was er sehen will, und noch viel mehr: Sodomie mit einem Schwan, verstümmelte Leiber, einen stereotypen Schwulen, gegrillte Ratten, aber eben auch einen als Kolonialherren verkleideten pädophilen Amerikaner. Durch eine lose Aneinanderreihung von Episoden rund um den jungen Tony, seine Freunde und Familie feiert Khavn das Hässliche und Groteske mit unerwarteter Lebensfreude. Eine Kamera, die weder Ruhe noch Distanz kennt, widmet sich dabei den aus Laien und Professionellen zusammengewürfelten Darstellern, ihrer exaltierten Spielweise und den surrealen Kostümen.

Was Mondomanila zum Teil auszeichnet, ist genau das, was bei The Woman in the Septic Tank ein wenig das Manko war. Khavn gibt sich mit keiner bloßen Parodie zufrieden und nimmt auch ein komplexeres Verhältnis zur Realität ein. Nachdem der Film noch mit dokumentarischen Aufnahmen einer Flutkatastrophe beginnt, wird mit der Eröffnungsrede eines zahnlosen Uncle Sam plötzlich jegliche Authentizität mit verfremdenden Effekten attackiert. Dabei zeichnet sich zwischen gepflegtem Geblödel auch so etwas wie ein Anliegen ab: die Ermächtigung der Unterprivilegierten. Die wahren Herrschenden werden dagegen ausnahmslos abgelehnt, egal ob sie nun Bush, Ferdinand Marcos oder Obama heißen. Der Mittelfinger bleibt nach allen Seiten ausgestreckt.

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Khavns Figuren sind keine stigmatisierten Opfer, sie entwickeln auf kreative Weise ihre eigenen Überlebensstrategien. Anstatt die Darsteller in eine dramaturgische Form zu pressen, lässt Khavn immer wieder Raum für die Talente des Einzelnen. Da werden Jojo-Tricks vorgeführt, ebenso wie Menschen mit körperlichen Defiziten ihre Fähigkeiten beim Breaking oder Rappen zum Besten geben. Beharrlich füllt Khavn sein Horrorszenario mit Kampfgeist und Optimismus, bis zum finalen Karaoke-Song, zu dem die Toten wieder auferstehen und der ganze Slum zu tanzen beginnt.

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