Mondo Lux – Die Bilderwelten des Werner Schroeter

Keiner konnte träumen wie er. Elfi Mikesch hat mit Mondo Lux eine Hommage an Werner Schroeter und sein ganz spezielles Kino gedreht.

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Als größten marginalen Filmemacher des deutschen Kinos bezeichnete ihn Thomas Elsaesser einmal. Rainer Werner Fassbinder gab ihm einen Platz in der Filmgeschichte, der literarisch irgendwo zwischen der düsteren Poesie von Lautréamont, Novalis und Céline angesiedelt wäre. Michel Foucault rief angesichts seiner überbordenden Inszenierungen: „ Wie arm ist doch unser Bildervorrat!“ Und in Frankreich nennt man ihn schlicht „Magic Werner“. Werner Schroeter hatte eine Sonderrolle im deutschen Kino: Weil er sich nie nach Konventionen richtete und immer, ganz autonom, seinen Leidenschaften nachging. Weil er die Oper auf die Leinwand trug und die großen Gefühle, das Sehnen und das Leiden, das Lieben und das Sterben mit Bildern hochkünstlicher Schönheit feierte. Weil seine Filme in jeder Einstellung unverwechselbar sind. All die Operndiven, die nackten Jünglinge und rätselhaft stummen Frauen erscheinen nirgendwo so magisch bedeutungsvoll wie bei ihm. Ein Jahr nach dem Krebstod des Film-, Theater- und Opernregisseurs im April 2010 erscheint nun Elfi Mikeschs dokumentarisches Porträt Mondo Lux – Die Bilderwelten des Werner Schroeter.

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Elfi Mikesch und Werner Schroeter haben sich 1967 kennengelernt. Damals, fünf Jahre nach dem Oberhausener Manifest, das „Papas Kino“ für tot erklärte und einen neuen deutschen Film forderte, steckte Westdeutschland mitten im künstlerischen Aufbruch. Die ersten Filmhochschulen waren gerade gegründet worden, und eine junge Regiegeneration begann, mit neuen Formen und Inhalten zu experimentieren. Dazu zählten Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Ulrike Ottinger, Werner Herzog – und eben Werner Schroeter. Doch irgendwie blieb der dandyhafte Schroeter mit dem schwarzen Hut und dem langen Haar damals schon ein Außenseiter. Seine Werke waren nicht so leicht zugänglich, sie galten eher als experimentell – je nach Standpunkt mal als dekadentes Kunstkino, mal als subversiver Underground. Aber sie erzeugten einige unvergessliche Bilder: zum Beispiel das von Isabelle Huppert, die in Malina (1991) in einem brennenden Zimmer spielt, als gingen sie die Flammen nichts an. Eine andere Szene mit ganz speziellem Licht gab Mondo Lux den Titel, wie Elfi Mikesch im Interview erzählt. Vier Filme hat die Fotografin und Kamerafrau gemeinsam mit dem Regisseur gedreht, und die Vertrautheit der beiden spürt man auch in Mikeschs Dokumentarfilm, der Werner Schroeter in seiner letzten Lebens- und Schaffenszeit begleitet.

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„Keine Angst haben“, das war Werner Schroeters Haltung zum Leben, wie in seiner kürzlich erschienenen Autobiografie „Tage im Dämmer, Nächte im Rausch“ zu lesen ist. Das war auch seine Haltung zum Tod, wie Mondo Lux beweist. So lange wie möglich arbeitet Schroeter an seinen vielen Projekten, begutachtet eine Ausstellung mit seinen Fotografien, inszeniert „Antigone/Elektra“ an der Berliner Volksbühne, trifft sich mit Elfi Mikesch zu weiteren Interviews und tritt dem Sterben mit Fassung entgegen. Mondo Lux versammelt Gespräche mit Schroeter selbst, mit Kollegen und Weggefährten wie Wim Wenders, Isabelle Huppert, Peter Kern oder Rosa von Praunheim – und besonders den so gegensätzlichen Charakteren Praunheim und Schroeter, die in jungen Jahren einmal kurz ein Paar waren, beim Plausch auf dem Sofa zuzusehen, ist schon herrlich. Dabei wahrt der Film eine gewisse intime Grenze – oder Werner Schroeter wahrt sie –, denn es geht Mondo Lux nicht darum, den körperlichen Verfall eines großen Künstlers bis ans Krankenbett zu dokumentieren. Oder gar zu psychologisieren, warum dieser Mann eigentlich so wurde, wie er war. Sondern es geht um seine Arbeit. So zeigt Elfi Mikesch zahlreiche Ausschnitte aus Schroeters Werken und bietet die Gelegenheit, diese eigenwilligen Kinofantasien wieder oder neu zu entdecken.

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Elfi Mikesch ist selbst seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der alternativen Filmkultur in Deutschland. Sie arbeitet regelmäßig mit Monika Treut (Den Tigerfrauen wachsen Flügel, 2005), Rosa von Praunheim (Rosas Höllenfahrt, 2009) oder Harald Bergmann (Brinkmanns Zorn, 2006) und dreht eigene Dokumentarfilme (Die Markus Family, 2001). Werner Schroeters Kinoinszenierungen, die in Mondo Lux zu sehen sind, hat sie teilweise selbst mitgestaltet. Doch wenn auch klar wird, wie sehr Mikesch zu dieser Zeit und dieser Kunst dazugehört, bleibt sie in ihrem Film lieber im Hintergrund, hinter der Kamera. Sie lässt, und das ist ihr Job, die Bilder sprechen.

Zur Autobiografie:

Werner Schroeter. Tage im Dämmer, Nächte im Rausch

404 Seiten, 22.95 Euro. aufbau Verlag

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