Mondkalb

Sylke Enders hat vor sechs Jahren mit Kroko einen viel beachteten Debütfilm vorgelegt. Auch in Mondkalb geht es wieder um sperrige Charaktere – diesmal gespielt von Axel Prahl und Juliane Köhler.

Mondkalb

Der Tod ist allgegenwärtig in diesem Film. Wenn sich jemand auf einen Stuhl stellt, um eine Glühbirne auszuwechseln, sieht jemand anders vor seinem geistigen Auge einen Selbstmord durch Erhängen. In einem Wohnzimmerregal liegt eine Sammlung mit archäologisch interessanten Totenschädeln. Und dann, bei einem Besuch auf dem Land, stirbt auch noch ein Ferkel, und der introvertierte zwölfjährige Tom (Leonard Carow) bettet es behutsam auf den Stallboden. „Was hältst du davon“, fragt da der Fahrlehrer Piet (Axel Prahl) seinen Sohn, „wenn wir uns zur Abwechslung mal um die Lebenden kümmern?“

Seit dem Tod seiner Frau vor vier Jahren lebt Piet mit Tom allein in einer ostdeutschen Kleinstadt. Als die zurückhaltende Chemielaborantin Alex in das Haus nebenan zieht, beginnen Vater und Sohn auf sehr unterschiedliche Weise Versuche verzweifelter Annäherung an die neue Frau. Die jedoch, von Juliane Köhler (Nirgendwo in Afrika, 2002) mit schmerzhafter Sprödigkeit gespielt, hat ihre eigenen Probleme und ist nicht bereit, ihrer Umwelt Interesse entgegenzubringen. Es gelingt Piet, die Frau mit der rätselhaften Vergangenheit aus der Reserve zu locken. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt – bis sich herausstellt, dass niemand aus seiner Haut kann.

Mondkalb

Die tröstende Wärme und die Wohlfühl-Momente von thematisch ähnlich gelagerten Filmen wie Du bist nicht allein (2007) fehlen in Mondkalb fast völlig. Regisseurin und Drehbuchautorin Sylke Enders, deren Debütfilm Kroko (2003) noch in guter Erinnerung ist, lässt den Figuren alle Ecken und Kanten und fängt ihre Geschichte in schlichten, aber sorgfältig gestalteten 35-Millimeter-Bildern ein. Die Tragik wird auch nicht im Sinne leichterer Konsumierbarkeit mit liebevoll beschriebenen Ticks angereichert, oder mit dem Klischee von der harten Schale und dem weichen Kern. Wenn Prahl als ostdeutscher Arbeitsloser in Du bist nicht allein den Balkon seiner schönen russischen Nachbarin mit Malereien zweifelhafter Qualität verschönerte, hatte das eine spektakuläre Hilflosigkeit, die in ihrer Tapsigkeit zum Liebhaben einlud. Wenn Prahl sich als Piet in Mondkalb um die isolierte Alex – ebenfalls eine Nachbarin – bemüht, ist aus polternder Freundlichkeit reine Verzweiflung geworden, die keine komischen Momente mehr hat. Und die sich zuweilen in Gewalttätigkeit äußert. Der seit Halbe Treppe (2002) allzu sehr auf sympathische Verlierer-Rollen oder schluffige Kommissare (siehe den WDR-Tatort aus Münster) abonnierte Schauspieler Prahl zeigt hier, wie zuvor schon in Willenbrock (2005), eine ganz andere Interpretation solcher Charaktere, die auch den Blick in Abgründe zulässt. Der Mensch ist eben nicht wie die Fledermausart, von der Piet einmal erzählt. Die würgt nämlich in schlechten Zeiten ihr Essen heraus, um es mit anderen zu teilen. Und Mondkalb ist kein humorvolles Sozialdrama mit genretypischem Hoffnungsschimmer.

Mondkalb

Schon in Kroko, dem Porträt einer Jugendlichen, die ihre Umwelt permanent vor den Kopf stößt, zeigte Enders einen schwierigen Charakter. Die Distanz entstand dort durch jugendliche Aggressivität, ähnlich auch im zweiten Film der Regisseurin, Hab mich lieb (2004). In Mondkalb ist nicht die Adoleszenz in der Unterschicht die treibende Kraft, sondern die Trostlosigkeit hinter zerrütteten mittelständischen Biografien. Alex und Piet haben also, anders als die selbstbewusste Weddinger Göre Kroko, eine Vergangenheit, die durch das den ganzen Film durchziehende Leitmotiv des Todes immer im Bewusstsein gehalten wird. Weil das Drehbuch aber nur wenig von der Hintergrundgeschichte erläutert, bleiben diese Figuren dem Zuschauer fremd, ja sie werden sogar im Verlauf des Films immer fremder. Es gibt keine Auflösung, nach der dann seltsame Handlungen als folgerichtig erscheinen. Es gibt nur diese Menschen, die mit sich und mit denen die Zuschauer irgendwie klar kommen müssen. Das mag nicht jedem gelingen, ein Versuch aber lohnt allemal.

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