Mommy Is Coming

Eine Welt voller sexueller Möglichkeiten. Cheryl Dunye inszeniert ein Lustspiel über durchlässige Identitäten. 

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Lesbenszenen sind schon seit den frühen stag films fester Bestandteil des heterosexuellen Pornos. Die Frage, warum sich Männer Sex ansehen, der sie ausschließt, lässt sich leicht beantworten. Zum einen wird die Lust, die beim Anblick einer Frau entsteht, potenziert, zum anderen ist gerade der verbotene Blick in eine fremde Welt reizvoll. Das, was man nicht haben kann, erweckt nicht selten das größte Interesse. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch an der im Schwulenporno populären Figur des heterosexuellen Prolls beobachten. Obwohl man einer Fantasie an sich nichts vorwerfen kann, hat die stereotype Lesbenszene doch die Vorstellung von lesbischer Sexualität stark verzerrt.

Aus diesem Grund kann es gar nicht genug Filme wie Mommy is Coming geben. Filme, die expliziten Sex unter Frauen zeigen, sich dabei in erster Linie an ein weibliches Publikum richten und damit ein über Jahrzehnte schiefes Bild gerade rücken. Nun sind authentische Lesbenszenen noch lange kein Garant für einen gelungenen Film. In Cheryl Dunyes (The Watermelon Woman, 1996) trashiger Low-Budget-Porno-Komödie allerdings schon.

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Die Handlung des mit 68 Minuten recht kurzen Films beschränkt sich aufs Wesentliche. Es geht um Dylan (Lil Harlow) und Claudia (Papi Coxx), ein Pärchen, das seiner eingeschlafenen Beziehung mit Rollenspielen neuen Schwung verleihen will. Als sich Dylans Mutter Helen (Maggie Tapert), die selbst unter Eheproblemen leidet, für einen ungebetenen Besuch ankündigt, trennen sich die Wege der beiden Frauen. Claudia, die sich als altmodische Butch bezeichnet, taucht von nun an ins Berliner Nachtleben ein, um ihre selbst auferlegten Grenzen zu überschreiten. Zunächst bietet ein exklusiver Club den Rahmen für ihre sexuelle Entdeckungsreise.

Mit Laiendarstellern und Protagonisten der Szene widmet sich Dunye einer lesbischen Subkultur, die sich mit Fetischen und Cross-Dressing austobt. Sex ist hier ein Mittel, um alte Rollen zu überwinden und neue auszutesten. Wie leicht und unverkrampft der Film das präsentiert, entfaltet eine lebensbejahende und fast therapeutische Kraft.

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Berlin ist für Duyne, daran lässt sie keinen Zweifel aufkommen, die Stadt der unbegrenzten sexuellen Möglichkeiten. Dass die kurzen Interviewpassagen, die sie mit den Figuren, aber auch Gesprächspartnern aus dem Nachtleben führt, teilweise zur Tourismuswerbung geraten, mag man der amerikanischen Regisseurin verzeihen. Und auch den selbstgefälligen Gastauftritt von Wieland Speck, Leiter der Berlinale-Sektion Panorama – wo der Film seine Uraufführung feierte –, hat man schnell überstanden.

Mommy is Coming lässt die Gegensätze Underground und Boulevard friedlich miteinander koexistieren. Ausgedehnte Hardcore-Szenen, die immer der Handlung verpflichtet bleiben, werden von einer populären Erzählstruktur zusammengehalten. Besonders in der zweiten Häfte des Films funktioniert Mommy is Coming wie eine volkstümliche Verwechslungskomödie. Da reichen schon die einfachsten Requisiten, um eine neue Identität anzunehmen. Kaum hat sich Claudia einen Schnauzer aufgeklebt, schon wird sie von Helen als begehrenswerter Mann wahrgenommen. Das Geschlecht wird im Labyrinth der Begierden zur reinen Maskerade.

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Subversiv ist der Film nicht zuletzt deshalb, weil Dunye auch sozial stigmatisierte Personen wie Ältere und Transsexuelle in die Sexszenen mit einbezieht. Und obwohl Mommy is Coming mit dem Finale – das in Verbindung mit dem zweideutigen Filmtitel steht – auch Lust an der Provokation beweist, werden die expliziten Momente nie marktschreierisch in Szene gesetzt. So werden Grenzen nicht überschritten, um Aufmerksamkeit zu erregen, sondern um gesellschaftliche Tabus zu enttabuisieren. 

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