Mommy

Ein Tunnelblick ins Herz der Gegenwart: Xavier Dolan inszeniert eine Vision aus der Zukunft, die Erinnerungen hochkochen lässt, die noch gar nicht entstanden waren. Das Jetzt in purer Intensität.

Mommy 03

Ich habe gezittert und geträumt. Ich habe mich frei gefühlt und eingesperrt. Mir sind die Tränen gekommen. Die Leinwand strahlte aus sich selbst heraus. Ich habe geliebt, was ich gelernt hatte zu hassen. Ich wurde verführt und gefangen genommen und wollte es nicht anders. Könnte ich es erklären, das Kino begreifen, seine Geheimnisse lüften, ich wäre wohl kein Kritiker mehr. Ich müsste nicht nach jedem Erlebnis von Neuem suchen nach den Gründen, den Triggern, dem Glauben. Süchtig bin ich nach dem Verschlossenen, dem sich mir Entziehenden. Flüchtet der Film vor mir, will ich ihn einfangen. Ich will meine Erfahrung erklären, ich will uns – den Film und mich – verstehen.

Ich habe mitgeklatscht

Mommy 05

Es gibt ein Glück, das ist fragil. Weil es verletzlich macht. Bereits auf dem Heimweg, als ich meinen Freunden – andere nennen sie Kollegen – nach der Vorführung von Mommy in Cannes an der Ampel begegne, überkommt mich das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen, zu rationalisieren, was nicht zu rationalisieren ist. Wir haben den Film in verschiedenen Kinos gesehen, und ich erzähle vom Szenenapplaus, den es bei mir gab. Ich habe selbst mitgeklatscht, weil ich diese Szene, die ich mir nachzuerzählen verbiete, in der Wonderwall von Oasis ertönt, als Streich erlebt habe, als einen Augenblick der Solidarität des Publikums mit dem Kino. Dolan hat mit diesem Song einen Moment der Freude unterlegt, und obwohl nichts naiv oder unbeschwert ist in Mommy, sucht und findet der Quebecer Regisseur eine Leichtigkeit, die ansteckend wirkt. Die die Kraft der Kinoerfahrung feiert. Eine Leichtigkeit, die bereits fest verankert ist in dem Bilderreigen, der von einer tristen Vorstadt in schönstem Licht und leuchtenden Farben erzählt, als seien wieder die frühen 1990er.

Mommy 01

Gleich zu Beginn von Mommy stellt Dolan mit einer Texteinblendung klar, dass der Film in der nahen Zukunft spielt, in einem fiktiven Kanada von 2015. Der Retro chic, der dezenter als in Laurence Anyways (2012) daherkommt, prägt den Film als eine sehr freie Vorstellung der Gegenwart, als hätten wir daraus bereits eine Erinnerung geformt, als wären wir bereits in die Zukunft gereist. Das ungewöhnliche, beinahe quadratische Bildformat kann als ein entsprechendes Zeichen gelesen werden, im Gestus der automatischen Filter, die im Smartphone den Polaroid-Look nachempfinden. Das Andenken soll überhöht werden, um den großen, aber flüchtigen Gefühlen gerecht zu werden. Zynikern wird das Automatische daran kalkuliert erscheinen, nur müssen auch das Mechanische und Programmierte treffen dürfen, und sie können es. Wenn das Arrangement stimmt. Aber auch und vor allem, das sag’ ich zu selten, wenn in den Bildern etwas transportiert wird, das die Emotion wert ist.

Keine Angst vor Affekten

Mommy 09

Wenn ein Regisseur keine Angst vor der Wucht von Affekten hat, dann ist das Xavier Dolan. Diesmal stellt er Figuren ins Zentrum, die typischerweise in bitteren Sozialdramen zu finden sind: Eine alleinerziehende Witwe und ihr hyperaktiver, gewalttätiger 15-jähriger Sohn freunden sich mit der Nachbarin an – eine langfristig beurlaubte, krankhaft stotternde Lehrerin. Die Wonderwall-Szene ist für Mommy bezeichnend, weil Mutter Diane (Anne Dorval), Sohn Steve (Antoine-Olivier Pilon) und Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) darin etwas ausleben können, womit sie gar nicht mehr gerechnet haben. Es ist ein Moment, ein Gefühl, wie der gesamte Film fast nur aus aneinandergereihten Augenblicken und Miniaturen besteht. Auch Zeitlupen setzt Dolan wieder ein und reißt die Geschichte um den schwierigen Alltag der gesellschaftlich abgehängten Familie damit aus dem Fluss einer konventionellen Dramaturgie. Aus allen Poren der feingliedrigen Struktur seiner aufmerksamen Figuren- und Blicke-Konstellation dringt Hoffnung. Für das Zusammensein, für das Finden eines Weges, für die Menschlichkeit.

Mommy 02

Mommy ist auf seine Weise gleichzeitig abstrakt und sehr persönlich. Abstrakt, weil der Film in Setting, Story, Ausstattung und Musik auf Marker setzt, die Bezüge anklingen lassen, um eigene Geschichten und vergangene Zeiten zu evozieren. Persönlich, weil sich noch jede Regung über die Gesichter der drei Hauptdarsteller vermittelt. Für Großaufnahmen ist das Bildformat denn auch ideal: Aus der Gewohnheit an breite Bilder wirkt der 5:4-Ausschnitt geradezu hochkant – und tatsächlich sind einzelne Porträts hier das bevorzugte Objekt der Kamera. Die Linse, durch die wir auf die Welt blicken, ist stets eine verfremdende. Weil Dolan das nicht nur akzeptiert, sondern das Künstliche als Wesenszug der Lebenserfahrung zelebriert, kann er in Schichten von Authentizität vordringen, die weit jenseits von jedem Bemühen um Realismus liegen. In der Küche von Diane wird zu viel gelacht, zu enthusiastisch gesungen und getanzt, und das ausgerechnet, wenn Celine Dion von der Mix-CD erklingt.

Mit Scheuklappen durch die Welt

Mommy 10

In der Karaoke-Bar singt Steve zu Andrea Bocelli. Nichts verbindet mich mit diesem Lied. Was sich in seinen Augen dabei abspielt, welch unbändige Liebe er hineinträgt in seinen Auftritt und welche Verletzlichkeit sich daraus ergibt, das wirkt aber auch so. Selbst ohne besondere Nähe zum italienischen Schmalz. Denn der Junge, der nun vor dem Mikro steht, darf nicht zu sich stehen, ohne verächtliche Blicke auf sich zu ziehen, darf nicht er selbst sein, ohne anzuecken. Das lässt sich natürlich als Erfahrung vom Anderssein verallgemeinern, mit dem Filmerlebnis hätte dies aber kaum noch etwas zu tun. Dolan findet einen viel direkteren Zugang zur Empfindung als den über Story und Psychologie. Es ist einer, der außerhalb dieser engen Grenzen liegt, auf die Filme sich so oft einschießen.

Mommy 06

Doch es gibt einen Stoff, an dem sich die Analyse die Zähne ausbeißt, weil er wie ein unsichtbares Band zwischen den Bildern, den Blicken und dem Resonanzkörper im Kinosaal aufgespannt ist. Er ist physisch, roh, kulturell und lustvoll zugleich, er speist sich aus einem gegenseitigen Verständnis, als sprächen wir plötzlich und gegen alle Widerstände der Plausibilität und über die kulturellen Gräben hinweg die eine gemeinsame Sprache. Eine Sprache, die keiner Worte bedarf und doch Wortgewalt nicht scheut, sie ist die Essenz des Kinos selbst. Der unerklärliche Rest, der sein Mysterium behält, wenn der Vorhang fällt, dem es gleichermaßen gelingt, uns nachts wach zu halten und uns abends in den Schlaf zu wiegen. Es ist die Verbindung, die der Film aufbaut und die in mir Haken schlägt, weil dem Filmemacher kein Mittel zu schade ist, um Effekt und Affekt zu provozieren, und er im richtigen Augenblick das Feuerwerk zurückfährt, das Tempo drosselt, um das Vakuum zu nutzen, das er selbst produziert hat. Vielleicht ist es deshalb nur folgerichtig, bei der Analyse der Worte, Themen und Konstellationen dieses Films zu scheitern, um von ihm zu zeugen. Das enge Bild lässt es erahnen: Diane und Steve laufen mit Scheuklappen durch die Welt, wir tun das auch. Davon erzählt Mommy, und davor will er uns retten.

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Kommentare


Tim

Sehr schön geschrieben, mit ansteckendem Enthusiasmus. Was mich freilich immer ein wenig irritiert: die Extase, die glaubt, die Reflexion würde sie zerstören, das Gegeneinander von Analyse und Emotion. Klar, das habe ich ein wenig einseitig herausgelesen aus dem Text, was vermutlich nicht ganz fair ist. Aber wenn ich ein abstraktes Ideal formulieren wollte für Filmkritik, dann wäre es eins, in dem Geist, Gefühl (und der Körper, der mit beiden zusammenhängt) nicht getrennt sein müssen. Und, natürlich: Ich habe "Mommy" nicht gesehen.


Frédéric

Danke. Bei dem Ideal bin ich ganz bei dir. Mir geht es freilich nicht darum, Analyse gegen Emotion auszuspielen. Es hat sich bei mir der Eindruck verstetigt, dass ich mit Beschreibungen des Werks und Argumenten am Wesen des Films vorbei schreibe, ihn nicht zu fassen kriege. Auch das ist eine Analyse, wenn ich recht drüber nachdenke.


Katharina

Lieber Herr Jaeger, vielen Dank für den tollen Text. Scheint genau das zu sein, was ich mir unter einer tollen Kinoerfahrung vorstelle.


Bärbel

Lieber Frédéric,
ein sehr feiner Text. Mir ging es ganz ähnlich wie Dir mit diesem Film.
Nur kann ich es eben nicht so schön in Worte fassen wie der Filmkritiker, der hier seine Emotionen und somit auch sein Filmerlebnis 'analysiert'. Un film culloté, maitrisé, libre und einfach toll! Ich bin beglückt aus dem Kinosaal und habe dann gleich drei Menschen getroffen, die angefangen haben rumzukritteln und mein kleines Glück in Frage stellten. Es gibt Kinoerlebnisse, da sollte man allein in der Nacht die Croissette entlangschlendern und den Moment geniessen.


Frédéric

Danke, Bärbel. Als Kritiker konfrontiere ich durchaus gerne meine Eindrücke mit denen von anderen, auch auf die Gefahr hin, noch fragile oder vorläufige Empfindungen auseinanderzunehmen ... Nur manchmal versuche ich das hinauszuzögern, um den Film noch ein wenig für mich allein zu behalten.
Gestern kam im Gespräch mit einer Kollegin der Gedanke, dass der Film vor allem jenen aufstößt, für die die Songs starke identitäre Bezüge besitzen. Interessanterweise entzündete sich die Diskussion in meinem Kreis vor allem um den Einsatz von "Wonderwall" von Oasis, das sei "verboten" oder "unsäglich" hieß es da von N. und M. - Ich verstehe den Reflex sehr gut, weil Musik auf eine Weise mit unserer persönlichen Geschichte verbunden sein kann, dass jede Verwendung dazu in Verhältnis tritt und umso wirkungsvoller (zum Beispiel distanzierender) ist. Da komme ich um das "ich" nicht herum, um auszudrücken, dass diese musikalische Verortung für mich dem Kinoerlebnis sogar noch gedient hat.


ule

für mich absoluter Höhepunkt die "On ne change pas" Szene.
Schauspieler vom anderen Stern.






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