The Mole Song: Undercover Agent Reiji

Die Katze, der Schmetterling, der Maulwurf: Takashi Miike zeigt ein schrilles Bestiarium der Gangstertypen. Und noch vieles anderes.

Rosinenpicken ist angesagt

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Takashi Miike hat einen Yakuza-Film ohne Tote gedreht. Das ist für ein Genre der verlässlich eskalierenden Gangwars und der erbarmunglosen Ehrencodes alles andere als selbstverständlich, ganz zu schweigen von einem Regisseur, der seine Filme schon mal mit einem „Total Massacre“ (13 Assassins, 2010) beschließt oder gleich den ganzen Planeten in die Luft jagt (Dead or Alive, 1999). Aber der Fließbandstressmacher Miike – die IMDb listet 92 Regieeinträge in 23 Jahren – hat in der Vergangenheit schon zur Genüge bewiesen, dass er es bei aller Genreroutine immer wieder schafft, die eine oder andere überraschende Finte zu schlagen.

Im Vergleich zu den wenigen formal zurückgenommenen, nahezu geschlossenen Filmen seiner Laufbahn (am bekanntesten ist wahrscheinlich der minimalistische Torture-Flick Audition, 1999) schlägt The Mole Song: Undercover Agent Reiji wieder in die gehetzte, wildwuchernde Kerbe des Großteils Miike'scher Produktionen. Von einigen überzeugenden, weil in alle Richtungen gleichermaßen grell explodierenden Filmen wie Ichi the Killer (2001) abgesehen, bedeutet das meistens Arbeit für seine Zuschauer. Dann heißt es Rosinen picken und die Handvoll zündender Einfälle heraussuchen – inmitten eines wie immer überbordenden Wusts an Brüllerei, Farbschlieren und Narrationsfäden.

Gangster-Bildungsroman mit Etappensiegen

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Im Falle des schrill-komödiantischen The Mole Song, der wie eine aufgedopte Police Academy-Folge daherkommt, gibt es da einerseits die Struktur. Für den gleich zu Beginn aus dem Dienst gefeuerten, leicht vertrottelten Nachwuchspolizisten Reiji (Toma Ikuta) bedeutet der Weg in die hohen Ränge der Clanstrukturen eine unablässige Folge von Prüfungen, meist Entscheidungen auf Leben oder Tod. Klassisches Russisch Roulette, nackt auf der Motorhaube durch die Autowaschanlage oder einen demaskierten Undercover-Agenten hinrichten: Es gibt stets eine richtige und zig falsche Reaktionen, mit all dem umzugehen, Vertrauen zu gewinnen oder zu verspielen, Härte zu beweisen oder als Feigling dazustehen. Aber sein Fool's Luck rettet Reiji verlässlich die Haut.

An jeder dieser Stationen wird allerdings, und das macht den Film spannender, auch die ethische Gesinnung Reijis mitgetestet. Jede „erfolgreich“ abgeschlossene (sprich: überlebte) Prüfung verstrickt ihn tiefer in die Ehrentraditionen der Yakuza und trägt ihn weiter fort von den Gesetzeshütern und seiner Flamme Junna (Riisa Naka). Vor allem letzteres, da bleibt sich Miike seinen gern anklingenden leicht perversen Untertönen treu, ist wichtig, denn Reiji ist noch Jungfrau. Mannwerdung in der Welt der Waffen und der Welt der Sexualität sind hier gleichgeschaltet.

Das Tier im Manne

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Überhaupt das Frauenbild: The Mole Song ist ein doch etwas unangenehm chauvinistischer Film, bei dem einige unnötige Schüsse unter Miniröcke überdeutlich machen, was ohnehin schon feststeht: dass die Frauen nämlich nur randständiges Beiwerk sind. Wobei sich die harten Gangster-Männer hier von ihrer tuntigsten Seite zeigen, mit Leoparden- und Schlangenanzügen, grellblonden Pomadefrisuren und funkelnden Diamantenzähnen. So wenig er Frauen achtet, so hingebungsvoll demontiert der Film immerhin seine Männer. Das wird am greifbarsten in den tierischen Spitznamen aller wichtigen Protagonisten („der Orang-Utan“, „die Katze“ oder eben „der Maulwurf“), die meist mit passendem Outfit und Sprachduktus daherkommen. Die glatzköpfige, kleinwüchsige „Katze“ (Takeshi Okamura) miaut nach jedem Satz, der „Schmetterling“ (Shin'ichi Tsutsumi) hat stets ausgesucht geschmacklos mit seinem Wappentier bedruckte Anzüge an. Am Ende bekommt er sogar einen an Die Tribute von Panem – The Hunger Games (2012) gemahnenden Auftritt mit Special-Effects-Kostüm. Die Metapher, grob und direkt in die Fresse wie alles an diesem Film, ist klar: Die animalische Seite des Mannes, sie kommt hier zum Vorschein.

Mehr ist weniger

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Bei all dem, besonders aber bei Bildern und Tönen, arbeitet Miike unter dem Motto: Die Masse macht’s. Seine Direct-To-Video-Wurzeln schlagen durch, wenn er billige Sets einfach hinter farbigem Licht verbirgt, wenn Figuren etwas planlos im Raum angeordnet sind, wenn die Kamera ohne erkennbare Motivationen hin und her gleitet. Akustisch wird auch ein Pandämonium an Sounds abgegangen, inklusive bedrohlicher Verwünschungen in allen Tonarten (von gutturalem Geknurre über grabesdunkles Grollen bis hin zu überkippendem Gekeife) und viel cartoonhaftem Mickey Mousing (wenn hier einer einen in die Glocken kriegt, dann klingeln diese). Diese Unterhaltung-qua-Bombardement ist einerseits ermüdend, aber andererseits auch stimmig, weil Miike, wie gesagt, immer wieder spitze Nadeln in seinem neonfarbenen Heuhaufen versteckt.

Man könnte also noch andere spannende Details aufzählen, wie etwa den wahnwitzigen Prolog, der sich als Vorgriff aufs Ende tarnt, nur um nach fünf Minuten mit den Worten „So this is how it all began“ wiederzukehren, oder die Musicalnummer mit dem titelgebenden Theme-Song für Undercover-Cops. Aber all diese kurz aufflammenden Genüsse würden schlussendlich von der Bilanz ablenken. Und nach der ist The Mole Song: Undercover Agent Reiji eben nur mediokre, wenn auch ameisengleich wuselige Standardkost für einen Regisseur, der in seinem Werk wie in seinen Filmen einzelne Glanzstücke inmitten von viel schnell verschlissenem Unterhaltungsschrott verbirgt.

Trailer zu „The Mole Song: Undercover Agent Reiji“


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