Moebius

Besser leben ohne Penis: Kim Ki-duk bedient alle Vorurteile, um sie endlich zu zerschlagen.

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Um eine familiäre Hölle zu entwerfen, braucht Kim Ki-duk nur ein, zwei Minuten Filmzeit. So oft  und in so vielen Variationen hat er schon sein filmisches Heimatland der kaputten Beziehungsgefüge beackert, dass er auf Dialoge glatt verzichten kann. Stattdessen wird, mit Ehrfurcht gebietender Meisterschaft, durch reines Zeigen inszeniert: Eine Frau (Lee Eun-Woo), sichtlich am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein schuldbewusst unter den Augenbrauen hervorlugender Mann (Cho Jae-Hyun). Ein nervös auf seinem Toastbrot kauender Teenager (Seo Young-Ju). Mutter, Vater, Sohn. Dann vibriert Papas Telefon, das Display zeigt ein kleines Herz. Kurz darauf liegen Frau und Mann schon auf dem Boden, ringen miteinander um das Handy, während der Sohnemann ungläubig die Kernschmelze seiner Kernfamilie beobachtet.

Kim Ki-duk hat schon viele schweigende Figuren gefilmt. Aber in Moebius, mit dem der letztjährige Gewinner des Goldenen Löwen außer Konkurrenz nach Venedig zurückkehrt, fällt kein einziges Wort. Muss es auch gar nicht, denn durch die wunderbar klare, fast konstruktivistische Montage und ein stark auf Blickachsen und Affektäußerungen konzentriertes Schauspiel macht sich schon nach wenigen Einstellungen die Gewissheit breit, dass hier entweder schon alles gesagt worden ist oder nichts zu sagen bleibt.

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Nur weil seine Figuren stumm sind, ist Moebius jedoch noch lange kein Stummfilm. Ganz im Gegenteil ist er ausgesprochen artikuliert: Die harten Soundschnitte rhythmisieren die rapide Folge der Bildbausteine, aus denen Kim eine groteske freudianische Fantasterei mauert. Und die Menschen kommunizieren, neben Blicken und Gesten, auch nonverbal mit einem reichen Vokabular. Man grunzt, stöhnt, brüllt, winselt, keucht, schweigt auf ganz bestimmte Weise, je nachdem, ob gerade die Wut, der Schmerz oder die Lust brennt. Visuell bleibt Moebius dabei angenehm schmucklos: Der Schatten des Kameramanns ist dauernd sichtbar, die Sets sind saftig ausgeleuchtet, die Farben kräftig. Die Inszenierung wird beherrscht von einem funktionalen Geist, dem an einer möglichst deutlichen Darstellung von Schauspiel, Emotion und Story gelegen ist. Nur in einzelnen, besonders starken Momenten verrenken sich die Gliedmaßen und Torsos so unlösbar ineinander, dass sie für einen kurzen Moment zu einem Tableau der verqueren Beziehungen gerinnen.

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Nun aber zum Gehalt, und damit auch zu Freud: Weil sie die Affäre ihres Mannes nicht verwinden kann, schneidet die Mutter ihrem Sohn den Penis ab. Es ist eines der vielen kleinen Wunder dieses Films, dass dieser Akt, so absurd er niedergeschrieben klingen mag, absolut Sinn ergibt. Und im gleichen Modus geht es weiter: Nachdem die Mutter abgehauen ist, lässt sich auch der Vater entmannen, aus Solidarität, Reue oder spät erkannter Liebe. So klar die Mechanik der Geschehnisse, so weit bleibt das Feld der individuellen Motivationen. Auf jeden Fall ist mit dem väterlichen Phallus auch die größte Hürde für eine enge Bindung von Vater und Sohn aus der Welt: Die Konkurrenz des Schwanzvergleichs entfällt.

Von da an macht sich Kim ganz ohne Scheu Gedanken darüber, wie der sexualisierte Mann sich ohne sein primäres Lustorgan Befriedigung verschaffen kann. David Cronenberg wird dieser Film sicherlich gefallen: Denn kaum ist er jenes Körperteils beraubt, mit dem er penetriert und schmerzt, bleibt dem Mann in Moebius nur die Selbstverstümmelung, um zum Höhepunkt zu kommen. Es sind zugleich urkomische und audiovisuell schmerzhafte Szenen, in denen sich Vater und Sohn mithilfe von Steinen und Messern Befriedigung verschaffen.

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Kim Ki-duk hat sich ja mit Biss und Durchhaltevermögen den Ruf eines äußerst expliziten, um keine perverse oder grausame Schweinerei verlegenen Filmemachers erarbeitet. Dementsprechend divers wird er auch rezipiert; den Ruf des verlässlichen Tabubrechers hat er, gemeinsam mit Lars von Trier, auf jeden Fall gepachtet. Aber wo letzterer den Widerspruch von Bruch und Verlässlichkeit noch nicht überwunden hat, macht sich Kim spätestens mit Moebius einen Jux aus diesem vorhersehbaren Spiel. Mit welcher Frequenz hier Blut und Sperma fließen, Penisse abgehackt, Körper gestochen, Wunden gerissen werden, spottet einerseits jeder Beschreibung. Andererseits jedoch entblößt dieser Gestus der Übertreibung all jene Zuschauer als Ignoranten, die diesen Film noch in ganz ernsthaften Registern rezipieren möchten und daher überall nur widerliche Grenzüberschreitungen sehen. Sie ziehen einfach nur zu enge Grenzen. Und sie haben zu früh weggeschaut: Der absolute Großteil der berüchtigten Kim-Ki-duk-Gewalt bleibt off-screen, und damit verteilt auf die Geräusche, das Schauspiel und die Fantasie des Zuschauers. Was übrig bleibt, ist eine grundehrliche Erforschung etwas ungewöhnlicher Probleme, deren vorherrschender Modus der der Komik ist. Das hat freilich nichts daran geändert, dass der Film in Korea um eine späte und wohl schon aus Furcht von den Zensoren als Traum verhandelte Inzestszene gekürzt werden musste.

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Allein das ihm ebenso wie das Label des Tabubrechers anhaftende Image des Frauenhassers wird Kim auch mit diesem Film nicht aus der Welt schaffen können. Wieder muss eine Frau vergewaltigt werden, und zweifellos ist es die Rückkehr der Mutter, die das phallus- und konkurrenzlose Idyll der Vater-Sohn-Zweierwelt endgültig aufsprengt. Doch zu diesem Zeitpunkt wurde dem Sohn schon das einstweilen eingefrorene väterliche Glied transplantiert, und die Freud-Maschine läuft wieder auf Hochtouren. So oder so bleibt die Zeichnung der Frauen in der Ménage-à-trois mit Mami und Papi nicht ganz unproblematisch. Und dennoch ist Moebius die vielleicht größte Überraschung, die Kim Ki-duk seinen Fans wie seinen Kritikern bisher beschert hat. Denn so entspannt, so selbstironisch und vor allem so komödiantisch war noch keiner seiner Filme.

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