Modus Anomali

Auf der Suche nach dem alten Ich. Ein indonesischer Horrorfilm testet die Aufgeschlossenheit seines Publikums.

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Wenn es um den Export von Horrorfilmen geht, haben immer wieder andere Länder Konjunktur. So erlebte England mit den Hammer-Studios in den 1950er Jahren seinen Höhepunkt, Italien mit Regisseuren wie Dario Argento und Mario Bava von den 1960er bis zu den 1980er Jahren und Japan mit seinen Geisterfilmen um die Jahrtausendwende. Indonesien ist bisher noch nicht als Exporteur aufgefallen, und das, obwohl hier schon seit Jahren zahlreiche Horrorfilme produziert werden. Einer der Hauptvertreter dieser Strömung ist Joko Anwar, der sich mit Beiträgen wie Dead Time: Kala (2007) und The Forbidden Door (Pintu terlarang, 2009) zumindest in Genrekreisen schon einen Namen gemacht hat. Mit Modus Anomali zielt er nun auf einen internationalen Markt ab. Zwar bleibt auch Anwars neuester Film eine heimische Produktion mit rein indonesischer Besetzung, gedreht wurde diesmal aber auf Englisch.

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Und tatsächlich, die Rechnung scheint aufzugehen. Immerhin ist Modus Anomali der erste Film Anwars, der hierzulande einen Verleih gefunden hat, auch wenn dabei natürlich wieder ins Deutsche synchronisiert wurde. Obwohl der Film wie ein klassischer Genrebeitrag vermarktet wird, erweist er sich eher als experimentierfreudiger Arthouse-Schocker, der zumindest in seiner ersten Hälfte mit entschlackter Handlung und kaum Dialog den Zuschauer für sich einzunehmen weiß. Dabei konzentriert sich Anwar mit wenigen, aber ergiebigen Mitteln auf das Grundprinzip des Horrorfilms: das Spiel mit menschlichen Urängsten. Das beginnt mit dem Verlust der eigenen Identität. Ein Mann (Rio Dewanto), dessen Name wahrscheinlich John ist, wacht in einem Wald auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Die Kontaktliste in seinem Handy ist leer, und in einer benachbarten Holzhütte liegt eine ermordete schwangere Frau, bei der es sich vermutlich um seine Gattin handelt. Aber wie ist es so weit gekommen, und wer ist der Mann, der es auf Johns Leben abgesehen hat? Die blutige Spurensuche kann beginnen.

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Mit souveräner Handkamera (Gunnar Nimpuno) eröffnet Anwar die Hetzjagd durch einen in Finsternis getauchten Wald voller Gefahren. Das Rezept dieses beklemmenden Szenarios besteht vor allem darin, dass die Bedrohung lange Zeit keine klaren Formen annimmt. Gerade das Unartikulierte, nicht ganz Greifbare ist es dann auch, das in Modus Anomali die größte Angst bereitet. Den Verfolger sehen wir nur kurz aus der Ferne, ansonsten spüren wir seine Nähe durch Umrisse im Hintergrund und ein beunruhigendes Rascheln, das sich räumlich nie ganz zuordnen lässt. Die völlige Orientierungslosigkeit und Paranoia der Hauptfigur erweist sich dabei als äußerst wirkungsvolles Mittel zur Spannungserzeugung, das durch das röhrende Sounddesign noch an Intensität gewinnt. Da lässt sich sogar über das Befremden hinwegsehen, das einen beim Hören des überambitioniert artikulierten Englischs der Darsteller überkommt. Langsam zeichnet sich ab, dass sich John in einem perversen Spiel befindet und verschiedenen Hinweisen folgen muss. Doch als er eine Spritze mit der Aufschrift „Die Wahrheit“ in seinen Händen hält, führt das weniger zu einer wirklichen Auflösung als zu weiteren Rätseln, die auch bis zum Ende des Films ungelöst bleiben.

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Dieser Bruch im letzten Drittel der Erzählung ist gewissermaßen die Trumpfkarte, die sich der Film bis zum Finale aufgehoben hat. Doch genau sie weiß Anwar nicht richtig zu spielen. Wurden Zuschauer und Hauptfigur zuvor noch durch ihre Unwissenheit vereint, bleibt letztlich nur Ersterer mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf zurück. An sich muss das nichts Schlechtes sein. Gerade in einem Genre, das sonst gerne alles erklärt, kann es durchaus erfrischend sein, wenn plötzlich Raum für offene Fragen gelassen wird. Bei Modus Anomali bleibt jedoch ein schaler Nachgeschmack. Ist die Verwirrung des Zuschauers nun gewagtes Konzept, oder versucht der Regisseur nur, die kleinen Ungereimtheiten, die sich durch den gesamten Film ziehen, immer weiter aufzublasen und schließlich als stilistische Eigenheit zu verkaufen? Die Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Doch selbst wenn sich Anwar mit seinen hochgesteckten Zielen mitunter etwas verrennt, als Visitenkarte für den internationalen Filmmarkt eignet sich Modus Anomali dennoch.

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