Modest Reception - Die Macht des Geldes

Mani Haghighi ist kein Held. Kein Widerstandskämpfer des iranischen Kinos. Er unterliegt keinem Arbeitsverbot und lebt auch nicht im Exil. Er hat sich sogar mit der staatlichen Zensur arrangiert. Und einen hervorragenden Film gemacht.

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Irgendwo auf dem Land, in einer iranischen Bergregion: Ein Mann drischt mit der Hacke auf den vom Frost gehärteten Boden ein. Er will ein winziges Bündel Stoff vergraben. Darin liegt seine Tochter, die nach nur einem Tag gestorben ist. Ein anderer Mann steigt aus einem luxuriösen Geländewagen aus und geht auf den verzweifelten Vater zu, mehrere Tüten voller Geld in den Händen haltend. „Das sind doch nur zwei Kilo Fleisch“, ruft er dem Trauernden zu. Er solle einen Preis nennen, für den er den Körper seiner Tochter verkaufe. „Sie ist tot, aber die Hunde und Wölfe hungern. Ich will, dass die Tiere was zu essen haben.“ Dem Mädchen selbst sei das jetzt sowieso egal, fügt er hinzu. Als der Vater weiter gräbt, zündet der Fremde ein Feuer an und beginnt nach und nach Banknoten hineinzuwerfen. Mit jedem Schlag der Hacke verliert der Vater einen Teil des Geldes, das ihm der Besucher anbietet und mit dem er seine noch lebenden Kinder ernähren könnte.

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Was kostet ein Kilo Mensch? Oder genauer: Was kostet das Gewissen eines Menschen? Was kostet es, jemanden dazu zu bringen, seine moralischen Prinzipien zu verletzen? Was kostet es, einen Vater dazu zu bewegen, den Leichnam seiner Tochter von Wölfen auffressen zu lassen? Verraten sei an dieser Stelle nur so viel: Die beiden Männer werden handelseinig.

Diese Szene ist die wohl emotional brutalste und zugleich stärkste in Mani Haghighis ausgezeichnetem Drama Modest Reception (Paziraie sadeh, 2012). Doch es bleibt bei weitem nicht die einzige Situation, die beim Zuschauer Unbehagen erzeugt. Wenn Leyla und Kaveh in ihrem schwarzen Lexus durch eine ärmliche Grenzregion fahren, unter diabolischen Bedingungen Geld an die Bewohner verschenken und die Begegnungen mit ihrem iPhone filmen, ist das für den Zuschauer zunächst einmal verwirrend, weil die Motive der beiden lange Zeit ungewiss bleiben (und klugerweise nie vollständig erklärt werden). Ob sie altruistisch oder sadistisch handeln, lässt sich oftmals nicht eindeutig entscheiden.

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Nicht zu wissen, woher das Geld kommt und warum das seltsame Duo es säckeweise verschenkt, ist schon irritierend (und spannend) genug. Noch weitaus beunruhigender ist jedoch, was sie mit den perfiden Konditionen bezwecken, die sie den Beschenkten auferlegen. Einem Mann kaufen sie das Versprechen ab, seinen geliebten Esel schwerverletzt liegen zu lassen, statt ihm den Gnadenschuss zu geben. Zwischen zwei Brüdern säen sie Zwist, indem sie das Geld erst dem einen und dann plötzlich dem anderen schenken, woraufhin Letzterer auf den Koran schwören muss, seinem Bruder nichts davon abzugeben. Und einem greisen Eremiten zwingen sie das Geld förmlich auf, obwohl er materiellen Wohlstand aus spirituellen Gründen ablehnt.

Regisseur Mani Haghighi, der neben Taraneh Alidoosti (bekannt aus About Elly (Darbareye Elly, 2009) von Asghar Farhadi, der mit Nader und Simin – Eine Trennung (Jodaeiye Nader az Simin, 2011) die Berlinale gewann) auch eine der Hauptrollen spielt, geht es in seinem Road Movie um die moralische Korrumpierbarkeit des Menschen. Seine Versuchsanordnung steht im Zeichen der Forschungsfrage: „Was sind Menschen für Geld zu tun bereit?“

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Und die Methoden seiner beiden Hauptfiguren zeigen rasch Wirkung: Scheinen die Einheimischen anfangs noch bescheidene, ehrliche Leute zu sein, die gefundenes Geld unaufgefordert zurückbringen, so offenbaren sie doch bald ihre Gier und Niedertracht. Am deutlichsten verkörpert ein Wachmann diese Eigenschaften. Er leugnet, das Geld je gesehen zu haben – selbst als Leyla und Kaveh ihm erklären, sie bräuchten es für die Behandlung ihres todkranken Kindes.

Mit Modest Reception zeigt Haghighi eindrücklich, was Geld aus Menschen machen kann, wie stark es unser Verhalten diktiert und zu welchen Konsequenzen das führt. Denn am Ende haben die beiden einen Menschen und mehrere Tiere auf dem Gewissen, die spärliche Behausung des Eremiten ist beschädigt, zwei Brüder haben sich entzweit und ihre Jobs verloren, und einem Grenzsoldaten – der in einer furiosen Eingangsszene zum ersten Opfer von Leylas und Kavehs Großzügigkeit wird – drohen Probleme mit seinem Vorgesetzten. Und auch die Schenkenden selbst geraten dank ihrer Provokationen letztlich in äußerst missliche Lagen.

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Man kann das als Anklage des Kapitalismus und als pessimistischen Blick auf die Natur des Menschen interpretieren. Man könnte – und das wäre die interessantere Lesart – den (unabhängig produzierten) Film aber auch als anti-amerikanisch und regimetreu verstehen. Denn irgendwann stellt sich heraus, dass Leyla und Kaveh in Kalifornien leben. Ihr Luxuswagen und das iPhone sind Insignien eines westlichen Lebensstils. Damit fallen sie in die verarmte, aber friedliche Bergwelt Irans ein wie Invasoren und bevormunden die Einheimischen in höchst arroganter Weise, während sie gleichzeitig ihre völlige Unkenntnis und Unterschätzung der lokalen Gegebenheiten offenbaren.

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Völlig abwegig erscheint diese Deutung in der Tat nicht, denn gegenüber dem Branchenmagazin The Hollywood Reporter erklärte Haghighi, dass er gegen den Stil von Kiarostami, Makhmalbaf und Panahi kämpfe. Diese drei Regisseure gehören zum internationalen Establishment, werden aber wegen ihrer kritischen Filme vom iranischen Staat eingeschränkt oder ins Exil getrieben. Anders als diese im Westen gefeierten „Widerstandskämpfer“ des iranischen Kinos verhandelte Haghighi tagelang mit den staatlichen Zensoren über jede einzelne Einstellung, sodass die filmischen Großajatollahs letztlich „nur“ sechs Sekunden herausschnitten.

Damit wirft Modest Reception noch eine schwierige moralische Frage auf: Darf man einen Film empfehlen, dessen Regisseur sich mit dem theokratischen Regime des Iran arrangiert hat?

Trailer zu „Modest Reception - Die Macht des Geldes“


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