Mitte Ende August

„Ich bin in die große Villa Wahlverwandtschaften hineingegangen und habe alles geklaut, was mir gut gefallen hat“. Regisseur Sebastian Schipper hat sich aus Goethes Liebesroman vor allem das Leichte geschnappt und das Schwere zurückgelassen.

Mitte Ende August

Hanna (Marie Bäumer) und Thomas (Milan Peschel) renovieren ihr neues Haus auf dem Land. Ihre Beziehung wirkt harmonisch, obwohl er sie morgens mit lauter Kylie-Minogue-Musik weckt. Die Rollenverteilung offenbart sich unter anderem im Baumarkt: Sie ist die Chefin, er das Kind, sie die Planerin, er der Spontane. Als er ihr gesteht, seinen arbeitslosen und von Frau und Kind verlassenen Bruder Friedrich (André Hennicke) in die abgeschiedene Zweisamkeit eingeladen zu haben, brodelt der erste Interessenskonflikt. Der nächste folgt, als Thomas trotz Hannas Bedenken ganz spontan beschließt, eine tragende Wand im neuen Haus einzureißen. Für alle, die das symbolische Ausrufezeichen dahinter übersehen sollten, wird später noch eine „Partnertanne“ gefällt.

Mitte Ende August

Außer dem deprimierten Friedrich verschlägt es Hannas quirlige Patentochter Augustine (Anna Brüggemann) in die ländliche Idylle. Bei ihrer Ankunft schmeißt sich die attraktive Patin wie ein überschwänglicher Welpe an Thomas’ Beine – zwei erwachsene Kinder haben sich gefunden und stellen fest, dass sie beide gerne Kaffee trinken und bei McDonald’s essen, während sich die verkopfte Veganer-Fraktion Friedrich und Hanna nach anfänglicher Reserviertheit zum heimlichen Tee trinken trifft. Nachdem der verlassene Friedrich Hanna gesteht, dass er vermissen würde, wie ihn seine Frau immer angesehen hat, wenn es ihm schlecht ging, fragt Hanna daraufhin ihren Liebsten, was er denn wohl vermissen würde, falls sie mal weg wäre. Er denkt etwas zu angestrengt nach und meint schließlich: „deine Haare – die sind so schön weich“. Wenn einen die Partnerin einige Szenen später im gemeinsamen Schlafzimmer mit einem enttäuschten „Ach, du bist es“ begrüßt, war das vermutlich die falsche Antwort.

C spaltet die Verbindung von A und B und geht eine Wahlverwandtschaft mit A ein. Ein chemischer Vorgang dient als Gleichnis menschlicher Beziehungen. Während Thomas die Natur repräsentiert und seiner Anziehung zu Augustine nachgibt, verzichtet Hanna als Stellvertreterin der Kultur oder gesellschaftlichen Konvention auf das Ausleben ihrer Gefühle für Friedrich. Bei Goethe verläuft das Liebesexperiment mit zahlreichen Toten weitaus tragischer und in seinem Resümee ambivalenter als in Sebastian Schippers sehr freier Adaption. Die Umsetzung des Regisseurs und Drehbuchautors ist um einiges einfacher und optimistischer – was gleichzeitig ihre Stärke und Schwäche ist. Ihre Leichtigkeit setzt sich auf jeden Fall positiv von den traditionelleren und zum Teil recht steifen Verfilmungen von Claude Chabrol (Die Wahlverwandtschaften, Les affinités électives, 1982)  oder den Brüdern Paolo und Vittorio Taviani (Wahlverwandtschaften, Le affinità elettive, 1996) ab.

Mitte Ende August

Schippers Inszenierung verdankt ihre Natürlichkeit und Unbeschwertheit dem weitgehenden Verzicht auf künstliches Licht und der schwebenden Kamera von Frank Blau (November, 2003), die sich fließend dem Rhythmus der Schauspieler anpasst. Wie in seinen früheren Filmen Absolute Giganten (1999) und Ein Freund von mir (2006) beweist der Regisseur (und Darsteller, Die blaue Grenze, 2005) erneut eine geschickte Hand für Schauspielführung und Momentaufnahmen. Die zunehmend beunruhigenden Gitarrenklänge des US-amerikanischen Sängers und Komponisten Vic Chesnutt betonen dabei eindringlich die wachsende Anspannung und Krisenstimmung unter den vier Protagonisten. Präzise Figurenzeichnungen und ausgearbeitete Plotentwicklungen zählen eher nicht zu Schippers Stärken. Die Dialoge sind dann am schönsten und witzigsten, wenn sie belanglos und nicht um Tiefe bemüht sind. Sobald sie ernst und philosophisch werden, klingen sie schnell gestelzt.

Mitte Ende August

In seiner Grundkonstellation – Mann und Frau durchlaufen Beziehungstest in Urlaubsatmosphäre  – erinnert Mitte Ende August ein wenig an Maren Ades Paarstudie [filmid:1538]Alle Anderen (2008), allerdings ohne deren genau sezierenden Blick auf ebenso komplexe wie penetrante Charaktere zu demonstrieren. Schippers Sommerdrama bietet in erster Linie schwerelose Unterhaltung mit vergleichsweise sympathischen Figuren, trotz oder gerade wegen seiner Klischees und Stereotypen: dem ewigen Konfliktklassiker Sofakauf, der mit dem genervten Satz endet: „Schön, dass du (!) glücklich bist.“; oder der russischen Nebenfigur mit einem Bekannten, der sich aufs Finger abschneiden versteht. Vertrautes Personal sind auch die Mittdreißiger, die aus Angst vor Festgefahrenheit und Verantwortung wieder zu Teenagern mutieren und sich hier an der Tankstelle billigen Tetra-Pak-Fusel kaufen, um als „Austauschstudenten auf Interrail“ die betrunkene Tanzsau raus zu lassen.

Für den Spaß ist nicht zuletzt Hauptdarsteller Milan Peschel (Netto, 2004; Free Rainer, 2007) zuständig. In vielen Szenen ist das Viererkammerspiel seine One-Man-Show. Peschel beim Zähne putzen, Gitarre spielen und Zementsack buckeln – das besitzt genügend komisches Potential, um über den geringen Tiefgang von Schippers luftiger Literaturverfilmung hinwegzutrösten.  

Trailer zu „Mitte Ende August“


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