Mit Mistgabel und Federboa - Farmer John – Kritik

Das dokumentierte Leben des skurrilen Titelhelden repräsentiert den amerikanischen Traum vom Triumph des kleinen Mannes. Der ist nicht nur ein Stehaufmännchen - Farmer John ist die Drag-Queen unter den Öko-Bauern, hüpft als Hummel verkleidet über Gemüsefelder und fährt im Fummel Traktor.

Farmer John

John Peterson „mag Dreck“. Aber er „mag auch Glamour“. In einer frühen Szene steckt er sich eine Handvoll von diesem Dreck in den Mund, lässt ihn sich nachdenklich auf der Zunge zergehen und beschließt daraufhin, dass heute ein guter Farmtag sei. Anschließend pflügt er im schrillen Glamour-Outfit die Felder.

Farmer John aus Illinois ist der etwas andere Bauer. Wenn er nicht gerade an der Erde knabbert, das Grünzeug streichelt oder die Kühe melkt, schreibt er Kurzgeschichten, spielt Theater oder dreht Musikvideos und Amateur-Thriller. Da wundert es wenig, dass ihn seine Nachbarn im konservativen Mittleren Westen der USA misstrauisch beäugen und sogar Gerüchte von Teufelsanbetungen, Drogendeals und Mord über ihn in die Welt setzen. Hinzu kommt, dass der kunstinteressierte und kauzig auftretende John angeblich „homosexuell agieren und sprechen“ würde. Nicht mal dessen junge und attraktive Freundinnen können seine Gegner vom Gegenteil überzeugen.

Doch die ebenso charmante wie vielschichtige Dokumentation des amerikanischen Regisseurs Taggart Siegel (Split Horn: The Life of a Hmong Shaman in America, 2001) ist mehr als das Portrait eines angefeindeten Außenseiters und schrulligen Landwirts mit Hippie-Seele und Hang zum Bohemian Lifestyle. Es ist auch das einer gar nicht so außergewöhnlichen Bauern-Familie und ihrer generationsübergreifenden Tradition, und stellvertretend das eines Landes und seiner wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen während der vergangenen fünfzig Jahre.

Farmer John

Taggart Siegel ist John Peterson erstmals auf dem College begegnet und seitdem mit ihm befreundet. In den achtziger Jahren, zur Zeit des großen Farmsterbens in den USA, dokumentierte er die Versteigerungen der Ländereien und des Hofinventars seines damals hoch verschuldeten Freundes in einem Kurzfilm. Vorausgehend filmte Petersons Mutter Anna ihren Sohn und seine zwei Geschwister bereits als Kinder in den fünfziger Jahren mit einer Super-8-Kamera. Diese frühen Aufnahmen ermöglichen dem Zuschauer einen weitreichenden Blick zurück auf die turbulenten finanziellen und emotionalen Höhen und Tiefen des Farmer John.

Siegels wohlwollendes Portrait eines Exzentrikers, der Verleumdungen und Depressionen, Wirtschaftskrise und Bankrott überwunden hat und heute einen der größten Direkt-Erzeugerhöfe in den USA besitzt, ist gleichzeitig auch Selbstportrait und -inszenierung an der Grenze zur Selbstvermarktung und -verliebtheit. Peterson steuert persönliche Home-Videos und Fotos bei und spricht den selbst verfassten, manchmal profanen Voice-Over-Kommentar, der den Bildern nur zum Teil Wissenswertes hinzufügt. Mehrfach adressiert er direkt die Kamera oder scheint sich ihrer Anwesenheit in einigen Szenen - Hobby-Schauspieler der er ist - (zu) sehr bewusst zu sein. Dazu tippt er in wiederholten Nahaufnahmen die geplanten Memoiren in eine Schreibmaschine.

Farmer John

An einigen Stellen tendiert Siegels Mit Mistgabel und Federboa - Farmer John (The Real Dirt on Farmer John) hierdurch etwas zur Einseitig- und Eintönigkeit oder zur Werbekampagne für Petersons Unternehmen für organisch angebautes Gemüse, „Angelic Organics“. Mit seinem überdurchschnittlichen Einsatz privater Filme und Fotos aus dem Familienarchiv der Petersons erinnert das Portrait an Andrew Jareckis Oscar-nominierte Dokumentation Capturing the Friedmans (2003). Bei der Rezeption dieser Chronik einer auf den ersten Blick gewöhnlichen amerikanischen Familie, dessen Leben aus den Fugen gerät, als der Vater und einer der drei Söhne wegen Kindesmissbrauchs verurteilt werden, stellt man sich als Zuschauer ebenfalls das ein oder andere Mal die Frage, wer hier eigentlich der Regisseur ist, wer inszeniert und wer dokumentiert.

In Jareckis Film steuert David Friedman, Sohn und Bruder der Beschuldigten, eigens gefilmtes Material von sich selbst und seiner zunehmend zerfallenden Familie bei. Friedmans Aufnahmen verleihen dem Film eine spannende und spezielle, mitunter unangenehme bis schmerzliche Intimität und dienen in manchen Sequenzen als Gegengewicht zu den Anschuldigungen von außen und zu dem, was Regisseur Jarecki zeigt. Trotz eines bemühten Ausgleichs der Perspektiven wurde Capturing the Friedmans besonders aufgrund seiner heiklen Thematik und Jareckis Versuch, einen Beitrag zu Schuld oder Unschuld zu leisten, von einigen Seiten eine bedenkliche Distanzlosigkeit vorgeworfen.

Farmer John

Obwohl thematisch weitaus harmloser sind bei Farmer John Sympathiebekundung und Parteinahme dagegen noch offensichtlicher und eine klare Abgrenzung zwischen Filmemacher und Gefilmtem noch undeutlicher. Siegel verlässt sich vielfach ausschließlich auf die Bilder und Worte seines Freundes Peterson und montiert das von ihm gedrehte Material bisweilen ein wenig willkürlich und ohne erkennbares Gesamtkonzept dazwischen. Als Gegenpol zum überpräsenten Farmer tritt lediglich einer der einst Gerüchte streuenden Nachbarn in vereinzelten Interviews in Erscheinung. Aber selbst dieser wandelt sich am Ende zum versöhnlichen Peterson-Anhänger.

Emotionales Zentrum des Films und ein willkommener Ausgleich zu Johns Extravaganzen stellt Anna Peterson dar. Die geradlinig und liebevoll wirkende Mutter des schrägen Vogels, die ihre drei Kinder nach dem frühen Tod des Ehemanns alleine großgezogen hat, starb während der Dreharbeiten an Krebs und trägt mit ihrem offenen und unprätentiösen Auftreten zu den bewegendsten Momenten der tragisch-komischen Doku bei. In ihrer Gegenwart ist John Peterson als Mensch am zugänglichsten. Dann ist er fürsorglicher und durchschnittlicher Sohn, kein spleeniger Exot. Die Szenen zwischen den beiden lassen nachvollziehen, warum der Landwirt in dritter Generation seiner Mutter zuliebe den Hof weitergeführt hat. Auch in Zeiten, in denen er ans Aufgeben dachte und sämtliche Umstände dagegen sprachen.

Unter seiner bunten und kurzweiligen Oberfläche vermittelt Taggart Siegels optimistisches Portrait eines unkonventionellen Mannes somit äußerst konventionelle Werte von Familienzusammenhalt und dem Aufrechterhalten von Traditionen. Und die typisch amerikanische Vorstellung vom Phoenix, der aus eigener Kraft aus der Asche emporsteigt und trotz Gegenwind nicht zum endgültigen Absturz zu bringen ist. Glaubt man Farmer John, ist man für den Erfolg nie zu alt, zu anders - oder zu schräg angezogen.

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.