Mit 20 Jahren in den Aurès

Soldaten als Kinder, Mörder und Brüder. Das Filmfestival von Venedig zeigt eine neu restaurierte Fassung von René Vautiers wütender Abrechnung mit der Rolle Frankreichs im Algerienkrieg.

Mit 20 Jahren in den Aures 10

Der Algerienkrieg zählt zu den unrühmlichsten Kapiteln der jüngeren französischen Geschichte. Aber nicht nur der Krieg allein war hässlich die aus einer vermeintlichen nationalen Überlegenheit heraus begangene Kolonialisierung des Landes, das Morden und Foltern , auch die Art und Weise, mit der Frankreich noch Jahrzehnte später mit diesem Thema umging, war es. Erst seit 1991 wird offiziell der Begriff „Algerienkrieg“ verwendet, während in der Zeit davor immer wieder der Versuch unternommen wurde, kritische Stimmen mundtot zu machen. Auch einige Filmemacher waren von dieser politischen Zensur betroffen. Neben dem Italiener Gillo Pontecorvo mit seiner Schlacht um Algier (La Battaglia di Algeri, 1965) wurde auch der französische Regisseur René Vautier durch seinen Kampf für Gerechtigkeit in seiner Heimat zur Persona non grata.

Mit 20 Jahren in den Aures 04

Vautier ist das Musterbeispiel eines politischen Künstlers. Schon vor seiner filmischen Laufbahn schloss er sich der Widerstandsbewegung gegen die Nazis an, später sorgte er dann mit Dokumentationen wie Afrique 50 (1950) über die skandalösen Zustände in den französischen Kolonien für Aufruhr. Von Seiten der Regierung wurde alles unternommen, damit Vautiers Arbeiten nicht an die Öffentlichkeit gelangen: Filmmaterial wurde beschlagnahmt, Anklage folgte auf Anklage und einmal wurde der Regisseur sogar zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Das Filmfestival von Venedig zeigte nun einen von der Cinémathèque Française neu restaurierten Film Vautiers. Allerdings handelt es sich bei Mit 20 Jahren in den Aurès (Avoir vingt ans dans les Aurès, 1972) um keine Dokumentation, sondern um einen seiner wenigen Spielfilme.

Mit 20 Jahren in den Aures 07

Vautiers Arbeitsweise unterschied sich bei diesem Film über einen von der Außenwelt isolierten Stoßtrupp junger bretonischer Soldaten jedoch nur bedingt von seinen Dokumentationen. Neben den Erfahrungen aus früheren Arbeiten ging Mit 20 Jahren in den Aurès eine gründliche Recherchearbeit voraus. Die Titel am Anfang informieren uns darüber, dass sämtliche Ereignisse auf Berichten von Soldaten basieren. Streckenweisen sprechen die Darsteller, bei denen es sich entgegen Vautiers um Authentizität bemühter Arbeitsweise um professionelle Schauspieler handelt, direkt in die Kamera, als würden Originalzitate von Soldaten über die Körper der Schauspieler ans Publikum gerichtet. Auch bei anderen Szenen ist das Verhältnis zwischen Realität und Fiktion nicht ganz klar. Einmal sind etwa algerische Frauen zu sehen, die die Leichen ihrer Angehörigen zu Grabe tragen. Und auch die Handlung des Spielfilms funktioniert über lange Zeit episodisch und zerfahren, bis sie sich am Schluss immer mehr zuspitzt.

Mit 20 Jahren in den Aures 13

Für Vautier ist Krieg vor allem die Ausführung von Befehlen. Da gibt es etwa den Leutnant, der seine Mannen zu gnadenlosen Kampfmaschinen formen will und ihnen entsprechende Anweisungen gibt. Einheimische werden auf Verdacht verprügelt und Kinder, die schließlich einmal zu Kriegern der Nationalen Befreiungsarmee werden könnten, in den Rücken geschossen. Meist wird das Geschehen nur von statischen Totalen oder einer Handkamera eingefangen. Keine das Leid betonende Großaufnahme oder gar dramatische Musik braucht es in solchen Momenten. Die Gräuel des Krieges, die Tötungen und Vergewaltigungen, finden fast nebensächlich statt, als kurzer aufregender Höhepunkt in einem von Langeweile geprägten Kriegsalltag.

Mit 20 Jahren in den Aures 02

Obwohl der Film von keinem aufdringlichen Gestaltungswillen geprägt ist, vermittelt er seine pazifistische Botschaft unmißverständlich. Die Bilder sprechen für sich und werden zudem von Pierre Tisserands anti-militaristischen Chansons kommentiert. Vautier ist zweifellos ein Agitator, aber einer, der präzise Gruppenmechanismen offenlegt und immer wieder die Frage nach der Verantwortung stellt, ohne sich mit einer vereinfachenden Antwort zufrieden zu geben. Während etwa der Leutnant mit seinem darwinistischen Weltbild die Soldaten anstachelt, wirken diese vor allem wie unmündige Kinder. Vautier inszeniert sie gleich mehrmals bei gedankenlos albernen Spielen. Einmal schaffen sie es sogar zu meutern: Sie fesseln ihren Vorgesetzten, singen davon, dass sie keine Generäle sein wollen und entledigen sich ihrer Uniformen. Es dauert nicht lange, da befreien sie den Leutnant aber schon wieder, denn so ganz ohne Führer geht es eben auch nicht.

Mit 20 Jahren in den Aures 14

In einer Grauzone hält sich dagegen Noël (Alexandre Arcardy) auf der Protagonist des Films, wenn auch keine klassische Identifikationsfigur. Eigentlich ist der gebildete junge Mann Linker und Kriegsgegner, für wirklichen Widerstand ist er dann aber doch zu feige. Die Verantwortung schiebt er von sich weg, indem er die Drecksarbeit an andere delegiert und sich gleichzeitig damit rühmt, noch nie seine Waffe benutzt zu haben. Der Wandel vollzieht sich schließlich mit einer Anspielung auf das Neue Testament. Nachdem ein algerischer Gefangener wie ein Gekreuzigter in die glühende Hitze gehängt und der in seinen Worten gefangene Noël von seinem Vorgesetzten als Pontius Pilatus beschimpft wird, reicht es ihm: Er versucht den anderen Weg, den der Taten. Soviel Hoffnung Vautier den Figuren zunächst noch durch eine Verbrüderung zwischen Franzosen und Algeriern schenkt, seinen Zuschauern gönnt er am Ende kein ruhiges Gewissen. Der Algerienkrieg war zur Entstehungszeit des Films zwar schon zehn Jahre vorbei, Vautiers Krieg mit den Mitteln des Kinos geht aber noch lange weiter.

Trailer zu „Mit 20 Jahren in den Aurès“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Sebastian Bodirsky

Im Zeughauskino in Berlin wird vom 05. bis 10. Dezember 2012 die Filmreihe "Ohne Genehmigung" stattfinden, die ein gutes Dutzend der zahlreichen Filme Vautiers vorstellt. Ergänzt wird diese Werkschau um Filme, die das Umfeld Vautiers und seine Haltung reflektieren – im Algerien der 60er und 70 Jahre, in der DDR sowie im heutigen Frankreich und Algerien.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.