Die Insel der besonderen Kinder

Eine Konserve voll Eskapismus: Tim Burton fühlt sich wohl in der Zeitschleife, in der die seltsamen Menschen seines Inselreichs glücklich gefangen sind. Ransom Riggs Romanvorlage zwingt ihn, sie zu verlassen.

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Fotografien sind Duplikate der Vergangenheit. Je naiver sie wirken, je laienhafter ihr Bildausschnitt gewählt wurde, desto glaubhafter erscheinen sie uns als wirkliches Abbild der Erinnerung. Die Polaroids des alten Abe Portman (Terence Stamp) sind professionelle Aufnahmen, akkurat festgehaltene Porträts von eigenartigen Kindern. Sie sind so unglaubwürdig wie die Geschichten, die sie erzählen. Jake (Asa Butterfield) ist seit seiner Kindheit fasziniert von den Polaroids seines Großvaters, auf denen die besonderen Kinder zu sehen sind: Millard, der unsichtbare Junge; Claire, das Mädchen mit dem Lockenkopf, der ihren Monsterschlund am Hinterkopf verdeckt; Hugh, der Junge, in dem Bienen leben, und die schöne Emma, die nur von ihren Bleischuhen auf der Erde gehalten wird.

Farbloses Leben

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Die Kinder stammen aus Ransom Riggs Bestseller Die Insel der besonderen Kinder, dem ersten Teil einer Romanreihe, der in Tim Burtons Oeuvre passt wie einst Roald Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik. Erneut bereitet ein Großvater die Reise in eine fantastische Welt vor. Statt einer goldenen Eintrittskarte hat er seine Polaroids, um seinen Enkel in eine neue Welt zu führen. Doch Großvater Abe stirbt, bevor er Jake die besonderen Kinder zeigen kann. Mit seinen letzten Worten fordert er ihn auf, auf ihre Insel zu reisen und ihre Heimat und deren Schutzbefohlene Miss Peregrine (Eva Green) zu finden.

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Nach einem Gespräch mit der Jugendtherapeutin beschließt Jakes Vater (Chris O’Dowd), seinen Sohn zur Vergangenheits- oder Traumabewältigung dorthin zu begleiten. Gemächlich erzählt Burton von der Reise auf die Insel, die im Dauernebel der walisischen Küste liegt. Jake sieht sich konfrontiert mit der Tristesse der Erwachsenenwelt, mit stereotyper elterlicher Ignoranz, die die langsam eingestreuten Indizien einer fantastischen Welt wieder ausblendet. Die gleichförmige, fantasielose Masse der Erwachsenen um Jake klebt vor Fernseh- und Computerbildschirmen oder am Pintglas, während er sich auf die Suche nach dem Heimatort der besonderen Kinder macht.

Bunter Eskapismus

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Auf den ersten Blick erscheint das Heim der Kinder wie von den Erwachsenen beschrieben: eine im Feuersturm eines Nazi-Luftangriffs zerstörte Ruine. Doch die besonderen Kinder leben nicht in der Zeit der modernen Tristesse. Sie leben in einer Zeitschleife, die den letzten Tag vor den Nazibomben konserviert. In dieser nostalgischen Welt entfaltet Burton den für ihn typischen Blick auf das Fantastische. Eine satte Farbpalette überpinselt das schlichte Grau der Neuzeit, ein perfekt frisierter Garten ersetzt das Unkraut, und die schrägen Kinderspiele beleben das prächtige, in der Vorzeit gänzlich erhaltene Gutshaus. Das Zeitvakuum ist Burtons Reich des Eskapismus, das lebendiger und weniger plastiniert wirkt als die aufwändig gerenderten Animationen aus Alice im Wunderland (Alice in Wonderland, 2010). Miss Peregrine liefert die nötigen Erklärungen für die Wunder der Welt. Eva Green spielt sie als Helena-Bonham-Carter-Ersatz, voll schrulliger Lebhaftigkeit, die in der deutschen Synchronfassung leider vollständig verloren geht. Nicht so ihre magischen Kräfte, die die Zeitblase beschützen, an deren Hülle die dunklen Wolken des NS-Regimes aufziehen. Jeden Abend der Zeitschleife drängt sie die Zukunft und damit die Himmelsformationen zurück, aus denen die Nazibomber ihren tödlichen Regen abwerfen. Das Fantastische konserviert eine Welt der Naivität, Liebe und Kuriosität, in der Burton zum Staunen einlädt.

Zerstörerische Zeit

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Bedroht wird das sichere Terrain von Burtons bzw. Riggs’ Fantasie jedoch nicht nur durch Nazibomben und den Oberschurken der Erzählung Barron (Samuel L. Jackson), der mit seinen deformierten Hollow-Monstern Jagd auf Miss Peregrine macht. Vielmehr ist es die Erzählzeit, die der Fantasiewelt Burtons zusetzt. Nach der gemächlichen Exposition, die ausführlich auf die Sensibilitäten von Riggs Figuren eingeht, hat der Film einiges an Plot nachzuholen. Mit Barrons Angriff auf das Zeitvakuum setzt sich die Erzählzeit wie ein gebündelter Wasserstrahl frei, der keine Zeit für das Staunen und ebenso wenig Raum für Ellipsen lässt. Hektisch arbeitet der Film seine eigene Checkliste ab. Das Ergebnis ist ein Wechsel aus Schauwerten und Dialogszenen, die in ihrem Stakkato keinen Zusammenklang finden. Einzig Oberschurke Barron sticht im Strom des hastigen Zuende-Erzählens heraus, dessen Hektik er mit charmanter Ironie entgegentritt und damit gleichzeitig gegen sein Dasein als langweiliger Gruselopa ankämpft. Um ihn herum wüten Hollows, Besondere und andere Lakaien in einem Kampf der Einzelrevues. Die Talente aller Kinder werden so unmotiviert aufgeführt wie Einzelauftritte im Sportunterricht. Ins Staunen kommt man dabei nicht mehr, zu leblos wirkt Burton Films außerhalb der konservierten Zeit. Einzig eine Szene, in der animierte Skelettkrieger zum Puls der Jahrmarktmusik gegen die übergroßen Hollows antreten, schafft es dann doch noch einmal, die Zeit anzuhalten für ein wirkliches Staunen. Doch die kleine Ray-Harryhausen-Verneigung bleibt eine der wenigen Momentaufnahmen des Films, die an schöne und schräge Zeiten aus Burtons Oeuvre erinnern.

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