Miss Hokusai

Ein Paar Hände hält die ganze Welt: In seinem neuesten Anime feiert der japanische Regisseur Keiichi Hara das Magische an der Kunst.

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Das Bild ist Kult: „Die große Welle vor Kanagawa“, diese gischtzerfranste Wassermasse, die im nächsten Augenblick auf drei Boote einstürzen wird; die Menschen an Bord, unförmige und durch nichts voneinander zu unterscheidende Gestalten, ducken sich schon, und ihrem Ducken wohnt etwas Ehrfürchtiges inne, als knieten sie vor einer Gottheit nieder. Unzählige Male wurde der Farbholzschnitt aufgegriffen und abgewandelt; weniger bekannt dürfte sein Urheber sein, der japanische Künstler Katsushika Hokusai. Noch weniger bekannt – und in dieser Wissenslücke, in diesem blinden Fleck richtet sich der Film ein – ist sicherlich O-Ei, die dritte Tochter des Künstlers; es heißt, sie habe ihm assistiert und Werke geschaffen, die dann unter dem alleinigen Namen des Vaters Ruhm erlangten. Doch das Augenmerk des Films liegt weniger auf der Rehabilitierung einer Frau, die im Schatten eines anderen wirkt, oder auf das säuberliche Trennen der künstlerischen Produktionen von Vater und Tochter, als vielmehr auf dem, was beide tun. „Wir sind Vater und Tochter; mit zwei Pinseln und vier Essstäbchen kommen wir überall zurecht“, sagt O-Ei zu Beginn. Miss Hokusai ist kein Film über Urheberrechte, sondern über Kunst: Wie man sie macht, und was sie mit einem macht.

Die Kunst als Gnade

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Denn fernab von der Emphase, mit der manchmal jeder schöpferische Handgriff zur Kunst ernannt wird, handelt Miss Hokusai konzentriert den Begriff aus. Es geht um Formen der Kunst, um das, was den Künstler dazu befähigt und berechtigt, sie zu produzieren. Einen „beschissenen Maler“ nennt Katsushika Hokusai seinen Schüler Zenjiro, weil die Menschen, die er male, „künstlich“ seien. Nicht minder kritisch wird über O-Eis erotische Zeichnungen geurteilt: Frauen kriege sie genauso gut wie ihr Vater hin, bei Männern aber könne sie aufgrund ihrer „Naivität“ nicht mithalten. In Miss Hokusai ist Kunst nichts, was dem Menschen in die Wiege gelegt wird, sie entzieht sich aber auch einem transparenten Lernmechanismus. Immer wieder werden im Film fantastische Bilder gefunden für die Kunst als Gnade, willkürlich und heftig in der Urplötzlichkeit, mit der sie über den Künstler hereinbricht, sich ihm nicht mehr verweigert. So die prachtvoll bebilderte Sage, die der alte Hokusai erzählt: Eines Nachts entweichen seine Hände dem schlafenden Körper und flitzen über den gesamten Erdball, fahren durch ein Feld wie durchs Haar, winden sich vor dem Mond; nach dem Aufwachen sind Hokusais Hände die eines Künstlers. Die Kunst als das Weltumspannende und -erfassende, das Allgegenwärtige, das Sich-aus-allem-Speisende.

Nur Zeit, die vergeht

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Wie ein Paar Hände die ganze Welt halten kann, wie die ganze Welt in ein Kunstwerk Eingang findet, ist ein wiederkehrendes Motiv. Zu Beginn, als O-Ei uns ihren Vater als Genie vorstellt, erzählt sie, dass er Porträts gigantischen Ausmaßes auf den Boden malen kann ebenso wie zwei Spatzen auf ein Reiskorn. Keiichi Hara hat das Reiskorn gewählt. Miss Hokusai ist kein Biopic, kein Schnelldurchgang durch die Fülle eines Lebens mit obligatorischem Halt an den Highlights, dem Großen, dem Bedeutenden, dem Vorwegnehmenden. Es ist die Chronik eines einzigen Jahres im Leben von O-Ei, lose gegliedert nach Jahreszeiten; der Film beginnt in medias res und endet mit weiterführenden biografischen Angaben, aber er könnte zu einem je anderen Zeitpunkt beginnen und enden. Denn wichtig sind hier nicht die Halte, die rückblickend mit besonderer Bedeutung versehen werden, sondern die Strecke, die zurückgelegt wird, die Zeit, die vergeht. Miss Hokusai zeigt sie als beständigen Strom, kennt keine Hierarchie: Der Film stellt die Arbeit an der Kunst neben wortkarge Mahlzeiten, den Streit der Betrunkenen neben Aushandlungen über die Kunst.

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Ebenso wenig wie der Film nach bedeutungsvoll und weniger bedeutungsvoll unterscheidet, verweigert er sich einer klaren Zuordnung. Das Tokyo im Jahre 1814 – damals noch Edo genannt –, das Keiichi Hara rekonstruiert, ist nie gefeit vor dem Entgleiten ins Fantastische. Das Magische bricht immer wieder herein, bringt das ordentliche, puppenhausartige Setting zum Quirlen. Körperteile entgleiten ihrem Besitzer und führen ein Eigenleben, Künstlerambitionen zerbröseln wörtlich, und an der Magnolie wachsen plötzlich kleine Schädel. Wie der unerklärliche Wirbelwind, der die Ateliertür aufstoßt, ähnelt in diesem Film die Kunst einem schwer einzuschätzenden Sturm, wirkmächtig für die, die sie schaffen wie für die, die sie betrachten. So zum Beispiel in der grandiosen Szene, in der die Auftraggeberin einer Höllendarstellung nachts von einem rätselhaften Wahn geplagt wird und sich vom Gemälde angegriffen wähnt; der alte Hokusai soll es befrieden. Denn: Die Kunst lebt.

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