Miss Bala

Sex’n’Crime – Realismus auf mexikanisch.

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Vor dem letzten actiongeladenen Showdown dominiert plötzlich gleißend helles Licht die Bildfläche. Frontal-Aufnahme von Laura (Stephanie Sigman), soeben hat sie den Schönheits-Wettbewerb zur Miss Baja California des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaats an der US-amerikanischen Grenze gewonnen. Sie steht auf einer weißen Bühne, umringt von hochgestylten Konkurrentinnen und einer Moderatorin, deren Körper ein Paradebeispiel plastischer Chirurgie zu sein scheint. Die rohe, natürliche Schönheit und das nur gequälte Lächeln der Protagonistin passen nicht so recht zur auf Hochglanz gebürsteten Umgebung, das dunkle Gesicht wirkt beinahe wie ein Scherenschnitt. Das Bild nimmt die Anfangseinstellung des Films wieder auf, wenn Laura, umgeben von zahlreichen Modemagazin-Ausschnitten und amateurhaften Model-Fotografien, in einem stumpfen Spiegel ihres Zimmers nur schemenhaft zu erkennen ist. Und es erfährt selbst noch einmal eine Modifikation, als  ganz am Ende des Films auf einer Pressekonferenz der DEA (Drogenvollzugsbehörde der USA) die junge Frau in Handschellen und entsprechend zugerichtet als Mitglied einer mexikanischen Drogenbande der Öffentlichkeit präsentiert wird. Miss Baja ist nun Miss Bala, Fräulein Gewehrkugel.

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Die in diesem Bilder-Triptychon angedeutete Metamorphose der Hauptfigur ist eine angetäuschte. Die starren Einstellungen dieser Sequenzen heben sich ab von einer ansonsten durchweg äußerst fluiden und sehr intimen Kamera, die förmlich an ihrer Figur zu kleben scheint. Der Inszenierung dezidiert externer, gelenkter Blicke – Laura spiegelt sich, Laura wird begutachtet, Laura wird präsentiert – stehen unzählige verfolgende Steadycam-Passagen gegenüber. Immer wieder werden diese durch explizit subjektivierte Bilder aufgelöst, welche die ohnehin schon hochkinetische Bildästhetik des Films noch verstärken. Die Figur selbst bleibt dabei in ihrem Handlungsradius jedoch betont statisch und gehemmt. Jugendlich schwankend zwischen mädchenhafter Schüchternheit und souveräner Coolness, zwischen fester Wertevorstellung und naiver Unbekümmertheit, ist Laura auch gegen Ende der Filmerzählung immer noch die junge Frau aus einfachem Hause in Tijuana, die von der großen Model-Karriere träumt, mit ihrer bodenständigen Passivität ihr Leben aber nie so wirklich in die Hand zu nehmen scheint. Ein Charakter, der in das Abenteuer seines Lebens hineinrutschen muss.

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Bei einer Party korrupter Polizisten, zu der sie ihre Freundin geschleppt hat, wird Laura Zeugin eines brutalen Überfalls einer konkurrierenden Drogenbande. Sie überlebt das blutige Massaker, weckt aber das Interesse des Bandenchefs Lino (Noé Hernández), der sie fortan für seine Zwecke nutzt. Die junge Frau findet sich plötzlich als Lockvogel und Geldkurier in einer Welt voller Bestechung und Unerbittlichkeit wieder. Im Gangster-Milieu des ständigen Handels – andauernd werden Geld, Drogen, Munition und Körper hin- und hergeschoben – und überdeutlicher Gewaltsymboliken wird sie selbst zu einer Art funktionalem Tauschobjekt. Dabei entpuppt sich die Gegenleistung, die Lino für die in jeder Situation vor Sexiness nur so strotzende Laura bereithält, als Teil dieses kriminellen Zyklus: er sorgt dafür, dass die eigentlich schon Abgelehnte doch am regionalen Schönheitswettbewerb teilnehmen und diesen dann letztendlich auch gewinnen kann.

Gerardo Naranjos ultrarealistischer Stil in Miss Bala bleibt trotz seiner Bewegungsdichte angenehm unaufgeregt. Die den Film stark rhythmisierenden Action-Sequenzen verweigern sich dem bombastisch Ausladenden und wirken durch ihre pointierte Dichte trotzdem äußerst intensiv. Der Film findet so vor allem in den ersten zwei Dritteln seiner Erzählzeit authentische Bilder des Horror-Szenarios, das sich tagtäglich für die Einheimischen Mexikos an der US-amerikanischen Grenze auftut und das in Europa zumeist nur aufgebrüht – sei es als sensationslüsterne Fernsehreportage oder verherrlichende Hollywood-Produktionen à la Blow (2001) – wahrgenommen wird.

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Die zynische Scheinheiligkeit der Schönheits-Gesellschaft, die ja in Mittel- und Südamerika nochmal deutlich absurdere Formen annimmt, entlarvt Miss Bala zum Teil etwas sehr simpel und stereotypenkonform. Und trotzdem ist gerade auch deswegen die filmische Verquickung von Gangster-Biz und Miss-Industrie durchaus spannend, generiert diese doch immer wieder Szenen, die durch das verbindende Spiel mit Klischees die Erwartungshaltung des Zuschauers brechen und dessen voreingestellte Rezeptionsschablonen entlarven. Am eindrücklichsten ist das vielleicht in einer auch auf dem offiziellen Filmplakat festgehaltenen Szene – ein Paketband-Korsett wird zum Geldschmuggel-Utensil.

Trailer zu „Miss Bala“


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