Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen

Alles anders und doch alles beim Alten. Tarsem Singh traut sich beim Flirt mit Schneewittchen zu wenig.

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Eine Eislandschaft im Großformat, eingefangen in langen Kamerafahrten, am Rande eines zugefrorenen Sees steht ein Schloss wie aus Zucker. Schon zu Beginn von Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen wird der Regisseur Tarsem Singh seinem Ruf als Garant für fantastische Bilder gerecht. Dafür, dass er seine visuellen Operetten auf ein brüchiges Story-Fundament stellt, ist Singh schon seit seinen letzten beiden Filmen Krieg der Götter (Immortals, 2011) und The Fall  (2006) berüchtigt.

Für Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen hat sich Singh des bekannten Grimm’schen Märchens angenommen und damit hohe Erwartungen geschürt. Denn sein unbestrittenes visuelles Know-how wäre eine gute Voraussetzung für eine inspirierte Interpretation des klassischen Stoffes. Allerdings bleibt gerade ein Märchen nur eine leere Hülle, wenn es nicht von einem versierten Erzähler mit Leben gefüllt wird.

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Auf Plotebene bleibt der Film trotz der Andeutungen im deutschen Untertitel recht nahe am Original. Schneewittchen (Lily Collins) leidet unter ihrer bösen Stiefmutter (Julia Roberts), die nur ihre Schönheit im Sinn hat. Als das Königreich wegen ihrer Luxussucht vor dem Bankrott steht, naht mit dem gut aussehenden und reichen Prinzen Alcott (Armie Hammer) die Rettung. Der hat aber nur Augen für Schneewittchen, das außerdem die geknechteten Untertanen gegen die Königin aufbringt. Was die alternde Diva zu radikalen Maßnahmen greifen lässt. Schneewittchen wird in den dunklen Wald verbannt, wo ihr „das Monster“ ein Ende bereiten soll. Doch Rettung naht, als sie auf die Zwerge trifft, die, von der Gesellschaft ausgestoßen, als Räuber durch den Wald streifen.

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Die Ironisierung des Vorbilds, die die Rede von einer „wirklich wahren Geschichte“ suggeriert, löst Spieglein Spieglein nur oberflächlich ein. Denn die Grundregeln des Märchens lässt Singh unangetastet: Im Kampf Gut gegen Böse findet die gefallene Heldin (Schneewittchen) in ihrer dunkelsten Stunde Verbündete (die Zwerge), die sie auf dem Weg zu Prinz und Happy End begleiten. Dabei können das visuelle Konzept und das fraglos faszinierende Kostümdesign nicht auf Spielfilmlänge über die Einfalt des Drehbuchs hinwegtrösten. Der durch einen missglückten Zauber zum liebeskranken Hund mutierte Prinz oder die mal grimmigen, mal tollpatschigen Zwerge sind so vorhersehbar und angepasst konstruiert, dass sie eher auf ein junges Publikum zu zielen scheinen.

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Woran nichts auszusetzen wäre, würde der Film nicht selbst halbherzig den Eindruck erwecken, er wolle einem feministische und sozialkritische Subtexte unterjubeln. So wird das zunächst naive und unschuldige Schneewittchen von den Zwergen zur Martial-Arts-erprobten Räuberin ausgebildet, die für die Unterdrückten zu Felde zieht. Die Emanzipation vom goldenen Käfig endet abrupt, als sich Schneewittchen in die Arme des tapferen Prinzen begibt und damit den ganzen Girl-Power-Ausflug ad absurdum führt. Ebenso wird das Thema Jugend- und Schönheitswahn erst vom Drehbuch forciert – wenn sich Julia Roberts mit sichtlicher Spielfreude per Bienenstich Botox-Lippen verpassen lässt, hat der Film sogar einen seiner besseren Momente –, dann aber unvermittelt abgewürgt. Der magische Spiegel, in diesem Kontext eigentlich ein starkes Symbol, wird in den Händen der Königin zur Superwaffe – und Spieglein Spieglein, der sich „frech und mutig“ gibt, entpuppt sich als reine Publikumsanbiederung, bei der man vor allem auf den bewährten Singh-Look setzt.

Wer sich von all dem aber nicht abschrecken lässt und die 106 Minuten durchhält, der sollte unbedingt für den Abspann sitzenbleiben. Was Singh hier in ein paar Minuten aufbietet, macht wirklich Spaß und unterstreicht noch mal, dass die Stärken des Regisseurs eben nicht im Erzählen großer Geschichten liegen.

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