Miral

Julian Schnabel hat genug von Filmgemälden. In seinem neuesten Film ist seine Bildsprache nicht mehr Ausdruck von inszenatorischer Freiheit, sondern leidet unter den Zwängen einer überfrachteten Handlung.

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Ein bisschen gewundert hatte man sich ja schon, als im August bekannt wurde, dass Miral auf den Filmfestspielen in Venedig bei Jury und Kritik durchgefallen war. Schließlich galt nach dem Erfolg von Schmetterling und Taucherglocke (Le scaphandre et it papillon, 2007) in Cannes und Hollywood bereits als ausgemacht, dass der Maler und Filmemacher Julian Schnabel seinen Weg in Richtung Regie-Olymp fortsetzen würde.

Vielleicht hätte man aber zumindest ahnen können, dass Schnabels neueste Unternehmung nicht vollkommen unriskant sein würde. Angekündigt war schließlich die Verfilmung des Debütromans der palästinensischen Israelin Rula Jebreal, mittlerweile Schnabels Lebensgefährtin, die sich in Miral an ihre Kindheit in der Dar-Tiffel-Schule für Waisenkinder in Jerusalem und an die Jugend während der Ersten Intifada erinnert. Nach eigener Aussage war Schnabel sofort gefesselt von dieser Geschichte (und ihrer Autorin), fühlte sich als Sohn jüdischer Eltern aber auch von der Thematik angesprochen. Trotz dieser Beteuerung merkt man diesem Film eine große Distanz zwischen dem Regisseur und seinem Stoff an, anders als noch bei Schnabels früheren Filmen. Ein Vergleich mit diesen Werken ist daher hilfreich, um sich den Gründen für das Scheitern dieses Films zu nähern.

Den Maler Jean-Michel Basquiat und den Schriftsteller Reinaldo Arenas, die er in seinen ersten beiden Werken Basquiat (1996) und Before Night Falls (2000) porträtierte, kannte Schnabel noch persönlich. Den Filmen war deutlich anzumerken, dass Schnabel diesen außergewöhnlichen Künstlern ein Denkmal setzen, ihnen mit visuellen Mitteln näherkommen und damit ihr Leben und Werk einem größeren Publikum zugänglich machen wollte. Zwar bediente sich der Regisseur auch hier schon gewissen erzählerischen Stereotypen des klassischen Biopic-Genres, ihm gelangen aber eine kohärente Bildsprache und eine starke Visualisierung des Innenlebens seiner Figuren. Mit Schmetterling und Taucherglocke erreichte dieser Stil seinen Höhepunkt: Die wahre Geschichte des „Elle“-Herausgebers Jean-Dominique Bauby, der nach einem Schlaganfall bis auf sein linkes Augenlid gelähmt war, wurde in den Händen des Malers Schnabel zu einer faszinierenden Ode auf die Kraft der Imagination. Schnabels Methode, den Zuschauer in den ersten zwanzig Minuten konsequent mit in Baubys Körper einzuschließen, trieb die stark subjektive Perspektive, die schon in seinen ersten beiden ersten Filmen vorherrschte, auf die Spitze.

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Wenngleich er die Wirkung dieser Methode auch in Miral zweimal fast hilflos zu beschwören versucht, geht eben diese Perspektivierung hier verloren. Zum einen, weil die Figur der Miral so eindimensional bleibt, dass man von einem Innenleben gar nicht sprechen mag, und zum anderen, weil nicht nur sie im Zentrum des Films steht, sondern eine ganze Reihe von Figuren. Denn Jebreal, die das Drehbuch nach Vorlage ihres eigenen Romans geschrieben hat, will nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen, sondern auch die der Dar-Tuffel-Schule und ihrer Gründerin Hind (Hiam Abbass); außerdem die ihrer Mutter (Yasmine Elmasri), die nach einer häuslichen Vergewaltigung ausreißt, im Gefängnis landet und schließlich Selbstmord begeht; sowie zuletzt die eines Terroranschlags auf ein israelisches Kino durch deren Gefängnisgenossin. Erst danach setzt die Geschichte Mirals ein und damit der eher mäßig spannende Konflikt zwischen der Liebe zu einem jungen Palästinenser, der an eine militante Intifada glaubt, und zu ihrem Vater, der an die Vernunft seiner Tochter appelliert.

Ein wichtiger Grund für die vielfältigen Probleme dieses Films dürfte die Tatsache sein, dass Schnabel seiner Lebensgefährtin beim Drehbuch freie Hand gelassen hat, diese aber nicht so eine erfahrene Autorin ist wie Ronald Harwood, der für Schmetterling und Taucherglocke ein Buch geschrieben hatte, das viel Spielraum für Schnabels eigene Ideen ließ. In Miral dagegen wird ein vor allem visuell talentierter Regisseur in eine überfrachtete Handlung gezwängt, und die versuchte Befreiung aus diesen Zwängen gelingt ihm zu keiner Zeit. „Ich bin Künstler, kein Politiker“, erklärt Schnabel in einem Statement zum Film. Es bleibt schleierhaft, warum der Regisseur dann ein so didaktisches, pseudo-politisches Drehbuch ausgewählt und daraus einen so wenig künstlerischen Film gemacht hat.

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Zwar bemüht sich Schnabel um eine visuell originelle Inszenierung der Handlung, indem er die Deutlichkeit des Drehbuchs stellenweise mit abstrakteren Bildkompositionen abmildert. Trotzdem handelt es sich immer um eine Inszenierung der Handlung, während sich diese in seinen früheren Filmen dem Visuellen untergeordnet hatte. Wo die eindringliche Wirkung dort stets von den Bildern ausging, sind diese in Miral in erster Linie Informationsträger, und unter dem Primat der Handlung geraten auch die wenigen poetischen Momente, die eigenwilligen Kameraschwenks und die Abwechslung auffälliger Farbfilter zum Klischee ohne jeden Gehalt.

Man könnte noch weitere Schwierigkeiten erwähnen, von den wenig subtilen und in englischer Sprache gedrehten Dialogen bis zur Besetzung der Hauptrolle mit der indischen Schönheit Freida Pinto. Um die Überlegungen aber auf ein Fazit herunterzubrechen: Schnabel muss angesichts eines schwachen Drehbuchs und einer komplexen Thematik zu viel erzählen, als dass er seine inszenatorischen Fähigkeiten erneut unter Beweis stellen könnte. Der Vorrang des Visuellen weicht dem Diktat des Drehbuchs – anders als in seinen bisherigen Filmen ist der Maler Julian Schnabel in fast keiner Szene von Miral mehr präsent. Und das wäre bitter nötig, weil der Weg zum Regie-Olymp wohl doch noch etwas weiter ist.

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Kommentare


Martin Zopick

Julian Schnabel hat einen Tatsachenroman verfilmt, der anhand des Schicksals von vier Frauen die israelische Geschichte von der Staatsgründung bis zum Oslo Abkommen verfolgt. Dabei steht am Anfang und am Ende Hind Husseini (Hiam Abbas) im Mittelpunkt. An ihrer Erscheinung kann man den Ablauf der Zeit ablesen. Sie ist die Klammer für das Leben von Nadja, der Bauchtänzerin, Fatima der Terroristin und von Miral (Freida Pinto), die etwas von all dem hat und doch nichts davon. Sie findet den Ausweg: ein Studium im Ausland.
Historische Dokumentaraufnahmen sollen die Authentizität herstellen. Es werden die aggressive Siedlungspolitik der Israelis und ihre Foltermethoden beim Verhör gegeißelt. Das trägt einem dann schnell den Vorwurf des Antisemitismus‘ ein. Doch das ist voreilig. Hind und auch Mirals Vater treten für Gewaltlosigkeit ein. Selbst der Prozess gegen Miral wird mehr oder weniger rechtsstaatlich durchgeführt. Erst bei einem Treffen von Israelis und Palästinensers im privaten Familienkreis kocht die alte Feindschaft wieder auf. Auch das ist realistisch, denn die Liebe macht vor der Herkunft keinen Halt. Das Abkommen von Oslo wird völlig richtig als Friedenfanal gesehen. Leider blieb es graue Theorie. Hier wird Kante gezeigt. Über Details kann man sicherlich streiten. Es ist eine subjektive Sicht der Dinge, ohne für den Extremismus auf beiden Seiten eine Lanze zu brechen. Das Projekt fand renommierte Unterstützung durch kleinere Rollen von Willem Dafoe und Vanessa Redgrave. Interessant und anschaulich, wenn auch subjektiv eklektizistisch.






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