Million Dollar Baby
Was beginnt wie die weibliche Version eines klassischen Boxer-Emporkömmling-Films, entwickelt Altmeister Clint Eastwood zu einer in aller Brillanz und Leichtigkeit marternden, schmerzlich intensiven Variation verschiedenster Liebes-Topoi. Vom Rollfeld des Genrekinos aus startet der ehemals ewige Westerner und Cop eine Filmreise in die Möglichkeiten der Emotionsmaschine Kino.

Clint Eastwood ist ein alter Mann. Da mag man es ihm fast verzeihen, dass die denkbar furchteinflößendste Frauenfigur für ihn eine dunkelhäutige ostberliner Prostituierte ist. Genau genommen ist dieser Umstand noch moderat, gemessen an den etlichen anderen reaktionären Produktionen, an denen er als Darsteller oder Regisseur beteiligt war.
Clint Eastwoods Comeback und vermeintliches Alterswerk Erbarmungslos (Unforgiven, 1992) ironisierte die Härte und Attitüde seiner früheren Filme. Spätestens mit Die Brücken am Fluss (Bridges at Madison County, 1995), dem einfühlsamen, unsentimentalen und mit viel Ruhe beschriebenen Porträt einer unerfüllten späten Liebe schien er endgültig umgekehrt zu sein. Doch seine folgenden Filme wurden nicht nur inszenatorisch schwächer, sie zelebrierten auch die altbekannten konservativen Elemente (Absolute Power, 1997) und trieben die Selbstironie des Alters auf die Spitze (Space Cowboys, 2000 und Blood Work, 2002). Mit Mystic River schien die Lösung gefunden: komplett hinter der Kamera verschwinden und vorne die junge Garde um Sean Penn, Tim Robbins und Kevin Bacon agieren lassen.
Million Dollar Baby nun paart die Energie, Erzählkraft und technische Perfektion von Erbarmungslos mit der Sensibilität von Brücken am Fluss, entwickelt eine soziale, ebenso politischen Brisanz wie Mystic River und wartet mit gleichsam herausragenden Darstellerleistungen auf. Eastwood meldet sich endgültig zurück – diesmal als Regisseur und Schauspieler.

Eine nicht mehr ganz junge Frau sucht einen Ersatzvater und einen Sinn im Leben. Ein alternder Mann sucht eine Ersatztochter und eine neue, letzte Lebensaufgabe. Maggies (Hillary Swank) einziger Besitz ist der Traum vom Weltmeistertitel, dessen Realisierung sie nur mit dem erfahrenen Trainer Frank (Clint Eastwood) für möglich hält. Der ist in der Ringecke ein Meister im Abdecken von Wunden, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis seine eigenen aufplatzen. Er leidet an seinen Fehlern der Vergangenheit, möchte nur noch sich und andere vor Verletzungen schützen. Zwischen diesen beiden Figuren aus dem Boxermilieu entwirft Eastwood das Spektrum einer puren reinen Liebe, wie sie intensiver und tangierender selten auf Celluloid zu sehen war.
Schon eine Geschichte von Aufstieg und Fall, wie sie Wie ein wilder Stier (Raging Bull, 1980) erzählt, oder ein eigenwilliger Proletariermythos, wie ihn Rocky (1976) zelebriert, aus der Perspektive des sogenannten schwachen Geschlechts zu erzählen, wäre eine reizvolle und lohnende Angelegenheit gewesen. Im Vordergrund setzt Eastwood auch immer wieder Leuchtsignale einer solchen Geschichte, die er gewohnt spannend und unterhaltsam präsentiert. Doch die Magie des Films liegt in dem düsteren Schleier, der von Beginn an auf Morgan Freemans Stimme liegt und der den Film durchzieht. Worte wie Melancholie oder Lakonie genügen nicht, um diese einmalige Atmosphäre zu charakterisieren. Derart geradlinig, unprätentiös und fesselnd treibt der Regisseur die Handlung voran, dass sein subtiles Arrangement der einzelnen persönlichen Dramen seiner Figuren innerhalb der Erzählung zunächst nur wie ein kaum bemerkter Nebeneffekt scheint.

Eastwood bearbeitet seinen Zuschauer mit kleinen, unauffälligen Körpertreffen, ehe er zu seinen wenigen aber treffsicheren Punches ansetzt. Die dramaturgische Schlinge zieht sich zu und das überraschende Finale des Films ist eine Folge meisterhafter Sequenzen, die auf der Dialog- und Bildebene ihres gleichen suchen. Eastwood etabliert dabei Stärken des klassischen Hollywood, einen unsichtbaren Schnitt und eine Erzählung weitestgehend ohne technische Effekte, die den Zuschauer völlig in das Geschehen hineinsaugen. Das Spiel der Darsteller nimmt beinahe impressionistische Züge an, allen voran bei Morgan Freeman, der diesen Minimalismus perfektioniert hat. Der Wucht der Schläge im Ring sind umso zurückhaltendere Gesten gegenübergestellt. Deren Intensität entfaltet sich in langen Einstellungen, vor allem bei zwei Küssen, die Filmgeschichte schreiben werden. Der letzte ist Beginn einer Abschiedsszene sondergleichen und man kann sich der Sentimentalität nicht erwehren, als kehre Eastwood hiermit nun doch endgültig dem großen Kino den Rücken. Aber wahrscheinlich täuscht er uns dann doch, der, ja, es muss kommen: große alte Mann. Mal wieder…
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 26.02.2005
Kommentare zu Million Dollar Baby
Thomas Vorwerk 09.03.2005 16:26
ich bin größtenteils zufrieden mit eurer kritik, aber was soll der spruch von der "jungen garde" in "mystic river"? sicher sind penn, robbins und bacon allesamt eine generation nach eastwood, aber zwischen 40 und 50 ist man ja nicht wirklich mehr "jung", diese drei darsteller sind im durchschnitt seit einem vierteljahrhundert im business...
Nenad Iceman Lucic 24.03.2005 16:52
Frakies Boxerschule, hatte schon bessere Zeiten erlebt. Der Besitzer Frankie
Dunn (Clint Eastwood) hatte schon viele Boxer unter sich aber er lässt seine
Boxer nicht in lukrative Titelkämpfe steigen zu lassen.
Sein Kumpel Scrap (Morgan Freeman). Der Ex-Boxer arbeitet und wohnt in
Frankies Boxstall hat er sein ganzes leben verbracht. Zu Frankie hält er wie
eine Eins. Frankie hat zu seiner Tochter kein Zugang mehr. Eines Tages kommt
Maggie Fitzgerald (Hillary Swank) in den Boxstall. Sie will unbedingt groß
rauskommen. Maggie ist zwar schlagfertig, aber noch nicht das richtige zeug
zur Boxerin. Frankie der sowieso nie Frauen trainieren würde aber die arme
Maggie will an Ihrem Traum festhalten. Sie trainiert bis zum geht nicht
mehr. Unterstützt wird sie nur von Scrap. An ihrem 32. Geburtstag macht
Frankie ihr das größte Geschenk: Er wird ihr Trainer.
Maggie entwickelt sich zum Knockout und haut die Gegnerinnen in Serie aus
dem Ring. Beide entwickeln einen Familiensinn, den beide lange verloren
geglaubt haben. Doch das Wettkampfglück dauert nicht ewig. Bald kämpfen die
beiden gegen das Schicksal fern von den Boxarenen dieser Welt.
Ein Film den man sehen muss von mir 3 Sterne
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Million Dollar Baby
USA 2004
Laufzeit: 137 Minuten
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Paul Haggis
Produktion: Clint Eastwood, Paul Haggis, Tom Rosenberg, Albert S. Ruddy
Darsteller: Hilary Swank, Clint Eastwood, Morgan Freeman, Jay Baruchel, Mike Colter
Kinostart: 24.03.2005
DVD-Angaben
Titel: Million Dollar Baby – 2-Disc-Special-Edition
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Deutsch (DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 133 Minuten
Extras: Zum Kämpfen geboren; Die Produzenten – Runde 15; Gesprächsrunde mit James Lipton und den drei Hauptdarstellern; Dokumentation über Clint Eastwood; B-Roll; TV-Spots, Trailer
Verleih ab: 06.09.2005
Verkauf ab: 04.10.2005
Copyright Million Dollar Baby
Fotos: © Kinowelt
BERLINALE 2012

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