Milk

Zurück im Mainstream: Weitaus konventioneller als in seinen vorherigen Filmen erzählt Gus Van Sant die tragische Geschichte des schwulen Bürgerrechtlers Harvey Milk.

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In The Times of Harvey Milk (1984) setzte Filmemacher Rob Epstein einem Pionier der amerikanischen Schwulenbewegung ein Denkmal. Dem ehemaligen Fotolaboranten Harvey Milk gelang es nicht nur, als erster offen schwul lebender Stadtrat ins Rathaus von San Francisco einzuziehen, durch sein Engagement konnte auch die Proposition 6, ein Antrag für ein Unterrichtsverbot homosexueller Lehrer in Kalifornien, verhindert werden. Zu einer Art Märtyrerfigur wurde er, als Dan White, ein konservativer Lokalpolitiker, aus gekränktem Stolz sowohl Milk wie auch Bürgermeister George Moscone erschoss. Die Verurteilung Whites zu lediglich sieben Jahren führte zu Straßenschlachten zwischen wütenden Demonstranten und der Polizei.

In seiner Dokumentation nähert Epstein sich dem charismatischen Politiker und seinem tragischen Schicksal über Fernsehausschnitte und Interviews mit Freunden und Kollegen. Die sehr persönliche und emotionale Blickweise Epsteins wirkt sich dabei mitunter in penetranter Rührseligkeit aus. Anlässlich von Milks dreißigstem Todestag hat Gus Van Sant nun mit Milk ein Biopic über den Politiker gedreht, wobei er sich von den narrativen Experimenten seiner letzten Arbeiten abgewandt hat, um wieder einen konventionell erzählten Film fürs große Publikum zu inszenieren.

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Während Harvey Milk (Sean Penn) in einer Rahmenhandlung sein Testament auf Tonband spricht und seine politische Karriere Revue passieren lässt, erzählt der Film in Rückblenden die letzten acht Jahre aus Milks Leben. Bezüglich der Reihenfolge und zentralen Ereignisse orientiert sich Van Sant überwiegend an Epsteins Dokumentation und übernimmt daraus auch teilweise Archivmaterial. Über die Dramatisierung der Handlung wird vor allem das persönliche Verhältnis zwischen White und Milk zugespitzt. Doch auch der Privatmensch und seine teils eigens für den Film erdachten Beziehungen werden miteinbezogen. Van Sant zeichnet seinen Protagonisten nicht als asexuell wie die meisten schwulen Sympathieträger im Mainstreamkino, sondern stattet ihn mit einem unverkrampft dargestellten Liebesleben aus. Dass die Darstellung von schwulem Sex immer noch als starker Angriff gegen die heterosexuelle Ordnung gesehen wird, hat erst kürzlich die Zensur der Sexszenen von Brokeback Mountain (2005) im italienischen Fernsehen gezeigt.

In Milk beweist Van Sant ein weiteres Mal, dass sein Talent vor allem in der Schaffung eines spezifischen Looks liegt. Die Jungstars Emile Hirsch, Diego Luna und James Franco inszeniert er in den nostalgischen Bildern von Harris Savides als Vintage-Posterboys der Schwulenbewegung. Doch auch eine solche Ästhetisierung kann ein politisches Moment beinhalten: Denn im Gegensatz zu den Studentenunruhen und dem Black-Power-Movement aus dieser Zeit wird die Schwulenbewegung bis heute eher pathologisiert als ästhetisiert.

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Milk ist vom kämpferischen Geist der siebziger Jahre geprägt, der besonders bei der Inszenierung politischer Reden zum Tragen kommt. Durch zurückhaltende Bildmittel – während der meisten Reden sieht man Milk von einer gezoomten Handkamera aus, während die jubelnde Menge außen vor bleibt – und den Wortwitz des rhetorisch gewandten Politikers entgeht der Film an vielen Stellen übertriebenem Pathos. Selbst Sean Penn, der dafür berüchtigt ist, sich gerne in den Emotionen seiner Figuren zu suhlen, fängt über weite Strecken das Charisma und die Überzeugungskraft des Politikers ein, ohne daraus die selbstgefällige Darstellung eines gesellschaftlichen Außenseiters zu machen.

Je mehr sich Milk aber seinem tragischen Ende nähert, desto kitschiger und pathetischer wird auch der Film. Besonders die Bezüge zu Giacomo Puccinis Oper Tosca, die für die tragischen Augenblicke in Milks Leben herhalten müssen, verleihen dem Film eine aufdringlich bedeutungsschwangere Komponente. So wird der Selbstmord von Milks krankhaft eifersüchtigem Freund Jack (Luna) Toscas Sturz von der Engelsburg gegenübergestellt, den Milk kurz darauf in der Oper sieht. Selbst im Augenblick seines Todes blickt Milk auf die mit einem Tosca-Banner versehene Front des Opernhauses. Dass gerade Van Sant das Klischee des kultivierten Schwulen, der dementsprechend einen theatralischen Tod stirbt, aufgreift, ist dann doch eine Enttäuschung. Schließlich gelingt es ihm den restlichen Film über, ein liebevolles und differenziertes Bild der Szene rund um das Arbeiterviertel Castro zu zeichnen.

Filmkritik von Michael Kienzl

Veröffentlicht am 26.01.2009

Kommentare zu Milk

w0nd3rFuLwi2aRd 24.02.2009 22:53

Zum Zeitpunkt von Harvey Milks Ermordung lief "Tosca" an der SF Opera, und Milk hat zwei Tage vor seiner Ermordung tatsächlich eine Aufführung dieser Produktion besucht. Des weiteren sind Opernhaus und Rathaus tatsächlich vis-a-vis.

Frédéric 24.02.2009 23:06

Das ändert allerdings nichts am Argument. Schließlich handelt es sich um eine Entscheidung von Drehbuch und Regie, diese Elemente aus dem rekonstruierten Leben von Harvey Milk aufzugreifen und in just dieser Form in die Verfilmung einzubeziehen.

w0nd3rFuLwi2aRd 25.02.2009 00:48

Ja, unbestritten. Das Bestreben, die Filmfiguren mit den Opernfiguren zu parallelisieren, empfand ich zum Teil als prätentiöse Bedeutungsaufblaserei (beispielsweise als Milk Cavaradossis Arie "E lucevan le stelle" hört). Der von Herrn Kienzl gescholtene Theaterbesuch ist auch so ein Fall (aufgrund der bewussten Wahl von Regie und Drehbuch, ausgerechnet zu zeigen wie Milk sich die Freitod-Szene anschaut).

Nichtsdestotrotz wollte ich in meinem letzten Kommentar darauf hinweisen, dass die Tosca-Bezüge in "Milk" nicht *völlig* aus der Luft gegriffen sind und zumindest erkennbar ist, welche realen Ereignisse die Filmemacher hierzu inspiriert haben.

Besonders Harvey Milks Todesszene im Rathaus liest sich in der Filmkritik von Herrn Kienzl dramatischer und realitätsferner als sie meines Erachtens im Film letztendlich ist.

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DVD von Milk

 

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Film-Angaben

Titel: Milk

USA 2008

Laufzeit: 128 Minuten

 

Regie: Gus Van Sant

Drehbuch: Dustin Lance Black

Produktion: Dan Jinks, Bruce Cohen

Bildgestaltung: Harris Savides

Montage: Elliot Graham

Musik: Danny Elfman

Darsteller: Sean Penn, Emile Hirsch, Josh Brolin, Diego Luna, Alison Pill, Victor Garber, Denis O’ Hare, Joseph Cross, Lucas Gabreel, Brandon Boyce, James Franco

 

Kinostart: 19.02.2009

 

DVD-Angaben

Titel: Milk

Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Bild: 1,85:1, 16:9

Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Spieldauer: 124 Minuten

 

Extras: Marsch für die Gleichberechtigung (ca. 8 Min.); Erinnerungen an Harvey Milk (ca. 13 Min.); Hollywood kommt nach San Francisco (ca. 15 Min.); Deleted Scenes (ca. 4 Min.); Interviews (ca. 12 Min.); Blick hinter die Kulissen (ca. 3 Min.); Darsteller-Infos

 

Verleih ab: 06.08.2009

Verkauf ab: 13.08.2009

 

Weitere Filme

... von Gus Van Sant

Restless
USA 2011
Mit Mia Wasikowska, Jane Adams

Paranoid Park
Frankreich, USA 2007
Mit Gabe Nevins

Paris je t’aime
Frankreich, Deutschland, Schweiz 2006
Mit Steve Buscemi, Nick Nolte, Gena Rowlands, Ben Gazzara, Ludivine Sagnier, Maggie Gyllenhaal, Fanny Ardant, Gérard Depardieu, Natalie Portman, Marianne Faithfull, Miranda Richardson, Juliette Binoche, Bob Hoskins, Elijah Wood, Emily Mortimer, Rufus Sewell, Willem Dafoe

... mit Sean Penn

Cheyenne - This Must Be the Place
Italien, Frankreich, Irland 2011
Von Paolo Sorrentino

The Tree of Life
USA, Indien 2011
Von Terrence Malick

Fair Game
USA 2010
Von Doug Liman

... mit Emile Hirsch

Taking Woodstock
USA 2009
Von Ang Lee

Speed Racer
USA 2008
Von Andy Wachowski, Larry Wachowski

Into the Wild
USA 2007
Von Sean Penn

 

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Fotos: © Constantin Film

 

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