Mildred Pierce

Todd Haynes hat für HBO eine Miniserie mit Starbesetzung gedreht und knüpft damit an seine Melodramen-Hommage Dem Himmel so fern an. 

Mildred Pierce 3

Es wurde in den letzten Jahren immer wieder verkündet: Fernsehen ist das neue Kino. Zwar sollte man solchen Slogans grundsätzlich misstrauen, es ist aber nicht zu leugnen, dass im amerikanischen Fernsehen eine Menge qualitativ hochwertiger Produktionen laufen. Gerade im Pay TV und bei einigen Kabelsendern können sich die Serien auch noch mehr rausnehmen, etwa eine weniger dichte Dramaturgie. Ein Beispiel dafür ist die von AMC produzierte Serie Mad Men (seit 2007), die sich nicht nur durch eine Fetischisierung der 1960er-Jahre-Ausstattung auszeichnet, sondern auch durch eine ausgesprochen langsame Erzählweise.

In dieser Hinsicht sehr ähnlich funktioniert auch die Miniserie Mildred Pierce, die Todd Haynes für HBO gedreht hat und die bereits im März diesen Jahres ausgestrahlt wurde. Es handelt sich dabei um eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von James M. Cain. Während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre kämpft die Titelheldin darin für ihr berufliches und persönliches Glück. Alles beginnt, als die Hausfrau und Mutter Mildred sich von ihrem Mann trennt und plötzlich gezwungen ist zu arbeiten. Kein leichtes Unterfangen im Amerika der Großen Depression. Schließlich findet sie eine Anstellung in einem Restaurant, doch als Kellnerin ist man in ihrem gutbürgerlichen Milieu in etwa so angesehen wie eine Stripperin. Mildred kämpft weiter und eröffnet ihr eigenes Restaurant. Doch mit jedem beruflichen Erfolgserlebnis muss sie einen privaten Rückschlag einstecken. Sie hat kein Glück in der Liebe, und während ihre jüngere Tochter an den Folgen einer Lungenentzündung stirbt, macht ihr die ältere, die kapriziöse Veda, das Leben schwer.

Mildred Pierce 2

Michael Curtiz (Casablanca, 1942) hat den Stoff 1945 mit Joan Crawford in der Hauptrolle verfilmt (Solange ein Herz schlägt; Mildred Pierce). Dabei versuchte er den Roman mit Elementen des Film noir aufzupeppen. Am Anfang des Films steht ein Mord, den es im Buch nicht gibt und der als Auslöser dafür dient, die Handlung in Rückblenden zu erzählen. Doch weder erzählerische Mätzchen noch die expressionistische Ausleuchtung können davon ablenken, dass der Film ein handfestes Melodram über den Überlebenskampf einer Frau ist.

Haynes bleibt mit seiner Verfilmung sehr viel näher am Roman. Die Handlung wird chronologisch erzählt und zwar so ausführlich und getragen, dass selbst Mad Men dagegen dynamisch wirkt. Allerdings ist die mikroskopische Adaption in Mildred Pierce zunächst einmal ein Gewinn und lenkt den Blick auf die Feinheiten der Geschichte. Zum einen wird Mildreds (Kate Winslet) Aufstieg von der arbeitslosen Mutter zur erfolgreichen Geschäftsfrau nicht in einer flotten Montagesequenz erzählt, sondern als mühselige Arbeit detailliert miterlebt. Zum anderen wird durch ausgedehnte Gesprächsszenen ein psychologisch differenziertes Bild der Figuren gezeichnet. Auf sezierende Weise zeigt Haynes, wie Mildred immer wieder an den selben Fehlern scheitert. Sich wiederholt von Casanova Monty (Guy Pearce) einwickeln und ausnutzen lässt und ihrer Tochter – als Kind verkörpert von Morgan Turner, später dann von Evan Rachel Wood – ein ums andere Mal vergibt.

Mildred Pierce 4

In den Begegnungen zwischen Mutter und Tochter erreicht der Film eine ungemeine Intensität. Trotz aller ökonomischen Zwänge und des Pechs in der Liebe, Veda ist die unbestrittene Antagonistin des Film: ein intrigantes und bösartiges Miststück, das keine Gelegenheit auslässt, ihrer verhassten Mutter eins reinzuwürgen. Und Mildred schafft es, sich von allem zu emanzipieren, nur nicht von Veda. Als Zuschauer weiß man nicht, wem man als Erstes an die Gurgel springen soll: Der überheblichen Veda oder Mildred, weil sie zu schwach ist, sich gegen die kleine Tyrannin aufzulehnen.

Dramaturgisch hätte man die Serie sicher mehr auf diesen Konflikt zuspitzen können. Die epische Erzählweise verliert sich dagegen immer wieder in Nebenerzählsträngen und Momenten ohne konkrete dramaturgische Funktion. Wie man diese etwas unökonomische Erzählweise wahrnimmt, hat aber auch etwas damit zu tun, in welchem Rahmen man die Serie sieht. Bei den Filmfestspielen in Venedig und momentan auf der Viennale sollte sich zeigen, ob Mildred Pierce auch auf der großen Leinwand bestehen kann. Die aufwändig ausgeleuchteten Bilder von Ed Lachman wirken im Kino keineswegs verloren. Allerdings entsteht der Eindruck, dass man die Serie vielleicht eher gestaffelt als am Stück sehen sollte.

Mildred Pierce 1

Haynes knüpft mit Mildred Pierce und seiner um Authentizität bemühten Ausstattung an seine Sirk-Hommage Dem Himmel so fern (Far from Heaven, 2002) an. Auf das klassische Melodram mit seinen sozialkritischen Untertönen und einer stilisierten Ästhetik, wie es vor allem von Douglas Sirk inszeniert wurde, nehmen Filmemacher immer wieder Bezug. Von Fassbinder und Lino Brocka bis Wong Kar-Wai und Almodóvar, sie alle benutzen das Melodram als Gerüst, aktualisieren es und eignen es sich an. Mildred Pierce greift auf typische ästhetische Stilmittel zurück. Die Figuren werden von Türen, Fenstern und Treppengeländern gerahmt, sehnsüchtige Blicke aus dem Fenster finden sich ebenso wie das Spiel mit Spiegelungen. Zwar ist Haynes’ Melodram mehr auf Realismus bedacht, teilweise gibt sich Mildred Pierce zu sehr damit zufrieden, Historienfilm zu sein. Er interessiert sich nicht für die Gegenwart, nicht für filmästhetische Neuerungen, sondern verliert sich lieber in den Artefakten einer vergangenen Zeit.

Doch auch wenn Mildred Pierce streckenweise etwas altbacken wirkt, lässt er die Artefakte nicht zu Reliquien und die historische Eckdaten nicht zu bloßen Zitaten verkommen. Im Gegensatz zu Curtiz erzählt Haynes die Geschichte vor dem Hintergrund der Großen Depression. Jeder historische Bezug hat dabei auch einen konkreten Nutzen für die Story. So wie die Darstellung von Massenarbeitslosigkeit in einem Arbeitsamt nur Mildreds eigene Situation widerspiegelt, ist auch die Aufhebung der Prohibition deshalb interessant, weil Mildred mit ihrem Lokal davon profitiert. Dasselbe gilt auch für die alten Lieder, die immer mal wieder eingestreut werden. Der auf das Jahr 1917 zurückgehende Song „I’m always chasing Rainbows“ ist gleich in zwei verschiedenen Versionen zu hören. Und er verleiht dem Film nicht nur ein wenig nostalgischen Charme, sein Titel ist auch Inbegriff der unerschütterlichen Gutgläubigkeit von Mildred. 

Trailer zu „Mildred Pierce“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.