Miffo

Eine romantische Komödie aus Schweden: Ein junger Priester muss nach allerhand Verwicklungen erst die falsche Frau heiraten, bevor er zur Richtigen findet. Der dritte Kinofilm des jungen Regisseurs Daniel Lind-Lagerlöf spielt im Milieu der sozialen Unterschicht und greift deren Probleme auf. Die Geschichte ist amüsant und leicht erzählt, bleibt aber eher belanglos.

Wir alle kennen diese Pretty Woman-Filme, in denen ein gutaussehender, reicher Mann sich in eine Frau aus der Unterschicht verliebt. Er will es dann zunächst nicht wahrhaben und heiratet vielleicht erst eine Andere, die ebenso schön und reich wie er selbst ist. Aber dann merkt er, dass sein Herz doch für die andere schlägt – und er geht zu jener zurück, die auf ihn gewartet hat und ihn mit offenen Armen empfängt. Das alles ist meistens nicht schlecht gemacht: die Schauspieler sind gut, Regie, Kamera, Musik, Ausstattung: alles in Ordnung. Der Film unterhält uns vielleicht sogar, aber mehr ist da meist nicht.

Bis auf wenige Details trifft diese Beschreibung einer x-beliebigen „Hollywood-Schmonzette“ auch auf Miffo zu, den dritten Kinofilm des 1969 geborenen schwedischen Regisseurs Daniel Lind-Lagerlöf. Aber vielleicht sind es gerade die Details, die diesen Film – zumindest bei amerikanischen Independent-Film-Festivals – so beliebt gemacht haben, denn er erhielt bei zweien den Jury-Preis als Bester Film. Der Festival-Erfolg geht einher mit dem ungewöhnlichen Publikumserfolg in Schweden, wo für den Film fast 450.000 Kinokarten verkauft wurden (bei knapp 9 Millionen Einwohnern!).

Miffo

Was macht diesen Film aber nun so interessant? Zunächst hat Tobias (Jonas Karlsson) nicht irgendeinen Beruf; er ist Priester. Um Gutes zu tun, lässt er sich in die Randbezirksgemeinde einer Großstadt versetzen, wo die mehr oder weniger Ausgestoßenen der Gesellschaft leben (im schwedischen Slang sind es die „Miffo“). Dort angekommen, können ihm die Anwohner aber nicht einmal den Weg zur Kirche beschreiben, und diesem Desinteresse versucht er nun mit Werbung für seine Kirchengemeinde zu begegnen.

Dabei lernt Tobias eine junge Frau kennen, die ihn fasziniert. Denn obwohl Carola (Livia Millhagen) im Rollstuhl sitzt, ist sie die Lebensfreude in Person, sie lacht und singt – und Tobias verliebt sich in sie. Der Priester und die Rollstuhlfahrerin – diese Konstellation ist sicher eine ganz neue und hätte auch rührselig und kitschig werden können. Das Drehbuch Malin Lagerlöfs hebt sie aber in eine sozialkritische Dimension, wodurch weniger die Beziehung als vielmehr die Reaktionen Außenstehender zum Thema werden: Tobias weiß, dass seine Eltern es nie verstehen, geschweige denn tolerieren würden, wenn er diese ungebildete, arbeitslose, trinkende Behinderte als zukünftige Schwiegertochter vorstellen würde. Carolas Mutter wiederum verschweigt ihrer Tochter die Anrufe von Tobias, weil sie nicht glaubt, dass der gutaussehende Priester ernsthaftes Interesse an ihrer Tochter zeigen könnte.

In einer der gelungensten Szenen des Films, einer Traumsequenz, wird dies alles eindringlich verdichtet: Carola erhebt sich aus ihrem Rollstuhl und läuft Tobias entgegen: „Ich habe euch alle hereingelegt!“ Hier sind beide glücklich, denn das „Anders-Sein“ Carolas ist verschwunden. Dieser Traum aber findet im Leben der beiden erst einmal nicht statt: Im Streit, der, ohne dass sie davon wissen, durch die Außenstehenden provoziert wurde, gehen sie auseinander und Tobias versöhnt sich mit seiner Ex-Freundin Jenny (Liv Mjönes), schläft mit ihr und wenige Wochen später heiraten sie.

Miffo

Jenny ist zugleich die Verkörperung eines dritten Themas, das der Film neben dem Priesteramt von Tobias und der Behinderung von Carola in den Mittelpunkt stellt: die kleinbürgerliche, „normale“ Welt. Die Leere, Langweiligkeit und Überheblichkeit dieser „Mittelschicht“ wird mit starken satirischen Mitteln vorgeführt: Das Entsetzen, das Tobias’ Gesicht bei den Darbietungen seiner eigenen Hochzeitsgesellschaft ausdrückt, ist zugleich Urteil und Absage an diese Welt. Der erste Teil dieser Szene gehört mit zum Besten, was es in diesem Zusammenhang gibt – er hat eine Kraft und Intensität, wie man sie ähnlich aus Thomas Vinterbergs Dogma-Film Festen (Das Fest, DK 1998) kennt.

Aber Miffo bleibt trotzdem ganz romantische Komödie: die Szene wird gleich ins Komödiantische gewendet und liefert im Grunde nur einen äußerlichen Anlass für Tobias’ Rückkehr zu Carola. Das Happy End hebt dann zusätzlich die Sozialkritik des Films auf. Die angesprochenen „neuen Elemente“ aber, die den Film von den „Schmonzetten“ abheben sollten, wirken dadurch unglaubwürdig: Weshalb z.B. ist Tobias Priester? Wir erfahren es nicht; er könnte ebenso gut Busfahrer, Arzt oder der von den Eltern gewünschte Psychologe sein. Die Kamera Olof Johnsons ist das einzige gestalterische Mittel, das hier sozusagen „göttliche Transzendenz“ atmet: Immer wieder schwebt sie weit über dem Geschehen und zeigt den Film, wie schon in der Eingangssequenz, aus der Perspektive, aus der Gott wohl die Welt sieht. Das ist packend fotografiert, bleibt aber ästhetische Spielerei, da Glaube und Religion weder in dieses Konzept einer „romantischen Komödie“ integriert werden, noch es sprengen.

Genauso verhält es sich mit der Behinderung Carolas und noch merkwürdiger mit Jenny, die sehr ausdrucksstark die Mittelmäßigkeit und Langeweile ihres Kleinbürgerdaseins erkennt und eingesteht. Diese Selbstkritik ist aber nach einer gemeinsamen Nacht mit Tobias wie verflogen und Jenny verhält sich wie vorher. Ihre Erkenntnisleistung wird dadurch erzählerisch und psychologisch unglaubwürdig.

Was bleibt? Ein wirklich sehr gut gemachter Film mit hervorragenden Darstellern (besonders Livia Millhagen als Carola ist hinreißend und zu Recht für den „schwedischen Oscar“, den Guldbagge Award, nominiert worden), einem amüsanten Drehbuch, einer (fast zu) routinierten Regie und vor allem einer außergewöhnlichen Kameraarbeit. Ein gelungener Unterhaltungsfilm, der offensiv vorgibt, mehr als das zu sein, es aber leider nicht ist.

 

Trailer zu „Miffo“


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