Midnight Special

Rustikales Independentkino mit Spielberg-Touch. In seinem neuen Film erhebt Jeff Nichols seine Milieuschilderungen eines vergessenen Amerikas ins Fantastische.

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Wenn der Schauspieler Michael Shannon auf der Leinwand erscheint, wirken die Bilder sofort ein wenig schwerer. Schon allein durch seine physische Präsenz bekommt man als Zuschauer eine dunkle Ahnung davon, was seine Figuren in ihrem Leben durchmachen mussten. Der Regisseur Jeff Nichols hat Shannon schon mehrere gequälte Figuren auf den Leib geschrieben; meist einfache Männer aus der amerikanischen Provinz, auf denen der Druck von gesellschaftlichen und familiären Erwartungen, harter Arbeit sowie religiösen Wertvorstellungen lastet. Auch in Midnight Special, Nichols’ neuem Film, spielt Shannon so eine gebrochene Figur.

Die grell leuchtenden Augen des Kindes

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Sein Roy ist auf der „Ranch“ aufgewachsen, einer Sekte, die in ihrem Traditionalismus und ihrer gesellschaftlichen Isolation an die Amish People erinnert. Gemeinsam mit seinem Sohn Alton (Jaeden Lieberher) hat er diesem Ort den Rücken gekehrt. Schwer bewaffnet und in Begleitung seines Freundes Lucas (Joel Edgerton) befindet er sich nun auf der Flucht. Das klingt für einen Film von Nichols zunächst nicht besonders ungewöhnlich, doch zu Shannons weltlichem Schmerz gesellt sich diesmal ein übersinnliches Phänomen. Erst nach und nach erfahren wir, warum sowohl die Kirche als auch die Regierung ein so großes Interesse an Alton haben. Von magischen Kräften ist da die Rede und davon, dass der blasse Junge auf keinen Fall der Sonne ausgesetzt werden darf. Und wenn seine Augen grell zu leuchten beginnen, sollte man lieber in Deckung gehen.

Sarah (Kirsten Dunst) – Altons Mutter, aber vermutlich nicht mehr Roys Frau, so genau erfährt man das nicht – sagt einmal: „Roy wants to believe.“ Und weil er den religiösen Glauben verloren hat, setzt er sein Vertrauen von nun an in den Sohn, ungeachtet all der seltsamen und unerklärlichen Dinge, die ihm widerfahren. Seit seinem Regiedebüt Shotgun Stories (2007) dreht Nichols rustikale Independentfilme über jene Regionen der USA, an denen der wirtschaftliche Aufschwung vorbeigezogen ist. Und obwohl bereits Take Shelter (2011) mit dem Übersinnlichen liebäugelte, verlangt der Regisseur diesmal von seinem Publikum, dass es wie Roy bedingungslos zu glauben lernt – und zwar nicht an die Fakten eines sozialen Realismus und auch nicht an religiöse Erweckungserlebnisse (davon distanziert sich der Film klar durch den Fanatismus der „Ranch“), sondern ganz einfach an die Utopien der Science-Fiction. Das ist in einer Hollywood-Produktion vielleicht nicht der Rede wert, bei einem für Authentizität stehenden, mehr oder weniger unabhängigen Regisseur aber durchaus.

Bodenständige Science-Fiction

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Durch die Öffnung zum Fantastischen verlagert der Film auch seinen Schwerpunkt der Aufmerksamkeit. Midnight Special verlässt sich insgesamt stärker auf Genremechanismen und vernachlässigt dafür die differenzierten Milieuschilderungen und Feinheiten der psychologischen Figurenzeichnung, die Nichols letzte Filme ausgezeichnet hatten. Am unvorteilhaftesten zeichnet sich dieser Wandel an der Figur des NSA-Mitarbeiters Jack Sevier (Adam Driver) ab. Nachdem er auf Alton angesetzt wurde, beschränkt sich seine Funktion vor allem darauf, bei jeder Gelegenheit ungläubig zu staunen. Während an den anderen Figuren noch der Staub des Proletariats haftet, wirkt Sevier wie aus einem anderen filmischen Kosmos. Doch obwohl Nichols’ Hoffnung in die kindliche Kraft und seine Versöhnlichkeit gegenüber dem Unerklärbaren streckenweise den Eindruck erwecken, wir hätten es mit einem neuen Spielberg-Erben zu tun, verweisen die inszenatorische Kargheit und das gemächliche Erzähltempo stets auf die Herkunft des Regisseurs.

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Offensichtlich wird dies auch, weil Nichols sich ein weiteres Mal auf gesellschaftliche Outcasts konzentriert, deren Andersartigkeit mit allen Mitteln verteidigt wird. Schon wenn wir Alton mit Schwimmbrille und Kopfhörern auf der Rückbank des Autos sehen, wird deutlich, wie sehr er von seinem Umfeld abgeschnitten ist. Später erweist er sich als ätherisches Wunderkind, das den Erwachsenen nachsichtig von einer anderen Welt berichtet. Und während die Kirche in ihm einen vermeintlichen neuen Messias gefunden hat und die Regierung ihn für militärische Zwecke missbrauchen möchte, wollen die selbstlosen Eltern nicht mehr als das, was ihren Sohn glücklich macht. Rührend ist das in Midnight Special vor allem, weil dieser Wunsch nicht im gemeinsamen Glück endet, sondern darin, den Traum davon aufzugeben. Dass Nichols auch in seinem bisher populärsten Film noch ganz bei sich ist, lässt sich daran beobachten, dass selbst die opulenten CGI-Effekte aus dem Finale nicht davon ablenken können, dass wir es hier eigentlich mit einem recht bodenständigen Drama über eine nicht so intakte Familie und ihren Kampf gegen Bevormundungen von außen zu tun haben.

Trailer zu „Midnight Special“


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