Midnight Killer

Das alte Theater, der Dessous-Laden, das Strandhotel: Lamberto Bava bittet Jäger und Gejagte an ausgesuchten Schauplätzen auf die Bühne. Ein Giallo, der um sein Spät-dran-Sein weiß und seine Settings zelebriert.

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Ziemlich spät im Film wird noch einmal ein Verdächtiger präsentiert: Der bislang so brav wirkende junge Alberto steht mit Fernglas am Fenster und betrachtet fasziniert seine Nachbarin, die im knappen Sportdress zu 80er-Eurodisco-Beats Aerobic macht. Seine Mundwinkel zucken; neben dem klingelnden Telefon, das ihn nicht von seinem Posten vertreibt, ein aufgeschlagenes Herrenmagazin. Sein Objekt der Begierde scheint direkt in die Kamera zu blicken – genau kann man es im Gegenlicht nicht erkennen –, was die Situation in einer spannungsvollen Schwebe hält zwischen heimlichem Beobachten und erotischer Kommunikation, und der Film bleibt deutlich länger in diesem Moment, als zu seiner Vergegenwärtigung nötig wäre. Danach jedoch wird die schöne kleine Szene narrativ fast gar nicht weiterverfolgt, und bei einer Neusichtung begegnet man ihr beinahe überrascht. Was zu einem Film passt, den man als Reihe inszenatorischer Inseln vielleicht mit mehr Gewinn sieht denn als dramaturgisches Ganzes.

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Die einzelnen Segmente der Handlung – der zu Unrecht als Serienmörder verdächtigte Polizist Nicola (Leonardo Treviglio) im ersten Drittel, der in Richtung Slasher ausscherende Schlussteil um drei junge Frauen und den echten Killer in einem Strandhotel – mögen etwas zusammengeschustert wirken, keine Figur bekommt allzu viel Spielraum, uns um den Finger zu wickeln, und mancher Plotpoint in dem Film, den Lamberto Bava 1986 unter dem Namen John Old Jr. inszenierte (angelehnt an das von seinem Vater gelegentlich verwendete Pseudonym John M. Old), scheint selbst nach gelockerten Maßstäben ziemlich abstrus. Doch immer dann, wenn der Stoff zur Form drängt und das Genre zu seinem Kern kommt – dramatisch inszenierten Verfolgungs- und Mordszenen an spektakulären Schauplätzen –, dann wird Midnight Killer (Morirai a mezzanotte) konzentriert und wach.

Ein Duschmord und ein unschuldig Verdächtigter

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In klassischen Establishing Shots präsentiert sich die Altstadtkulisse rund um die prächtige Piazza, unterlegt von Claudio Simonettis dramatischem Streicher-Thema, das bald in pulsierende Synthies mündet (der Score des ehemaligen Goblin-Keyboarders ist einer von mehreren Pfaden in Dario Argentos Werk) – die Eröffnung verheißt einen gediegen-getragenen Film, der dann aber schon nach wenigen Minuten hart und schmutzig wird. Ein Ehekrach in einem zeitgenössisch stylishen Apartment artet in drastische Gewalt aus, Eispickelattacke und Ertränkungsversuch inklusive, wenig später wird Nicolas Frau, in der inszenatorisch uninspiriertesten Mordszene des Films, unter der Dusche erstochen. Nicht ganz so deutlich auf Hitchcock verweist das anschließende Motiv des unschuldig Verdächtigten, doch wird dieser ohnehin nur halbherzig verfolgte Spannungsbogen vom Film vorzeitig, und tödlich eindeutig, beendet.

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Als klangvollerer Name kommt der titelgebende Midnight Killer ins Spiel: der zur Handlungszeit längst verstorbene Tribbo, der in den 1970er Jahren, der Hochzeit des Giallo also, sein Unwesen trieb. Jemand macht sich im Präsidium an seiner Akte zu schaffen, und die verhuscht-ehrgeizige Kriminalpsychologin Anna (Valeria D’Obici), die einst über den Killer promovierte, hat die fixe Idee, dass Tribbo noch lebt. Ihr Kollege und Widerpart Inspektor Terzi (Paolo Malco), knitterig im Trenchcoat, hingegen glaubt an einen Nachahmer: Der neue Tribbo morde weder um Mitternacht, noch vergewaltige er seine Opfer (eine der abgründigsten Szenen ist dann allerdings ein sexueller Übergriff auf eine Verkäuferin in der Dessous-Abteilung einer Boutique). Doch Anna – die noch am ehesten die Hauptfigur des Films ist – sieht Tribbos Narbengesicht ohne Zweifel in ihrer Wohnung, und wir sehen ihn mit ihr, oder zumindest sein Spiegelbild.

Das Bewusstsein, spät dran zu sein

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Die optische Täuschung eines Tatzeugen verweist ebenso auf Argentos Debüt Das Geheimnis der schwarzen Handschue (L’uccello dalle piume di cristallo, 1969) wie die Auflösung des Films. Klassische Zutaten auch sonst: Ein schwarzbehandschuhter Killer mit (auch geschlechtlich) vertrackter Identität, in Close-ups fetischisierte Mordinstrumente wie der Eispickel und das blitzende Messer, ein junges Mädchen, das als Bettlektüre selbst einen Giallo liest – ihr davon inspirierter Hotelflur-Albtraum unterscheidet sich in nichts von den „realen“ Szenen. Interessanter ist als selbstreferenzielles Moment, dass auch der Täter selbst innerhalb der Fiktion schon ein Zitat ist, ein leicht aus der Spur geratener Wiedergänger des „echten“ Tribbo.

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Zusammen mit der leichten Müdigkeit, die über der Narration liegt, scheint dies dem Film das Bewusstsein eines Spät-dran-Seins zu geben. Wenn seine Figuren dann die Settings betreten, in denen sie dem Killer ausgeliefert sind – das riesige alte Theatergebäude, das Polizeilabor mit den vielen Gipsmasken, die schattigen Flure eines Naturkundemuseums –, dann überlässt Midnight Killer die Bühne fast erleichtert dem Zusammenspiel von Kamera, Montage, Musik und Dekors. Es gibt schöne atmosphärische Einsprengsel wie eine Prise Verkehrslärm, die für eine Sekunde ins Theatergebäude schallt und die Abgeschiedenheit des Tatorts mitten in der Stadt noch unterstreicht, oder eine scheinbare Subjektive des Killers, nach der dieser dann aus einer ganz anderen Ecke auf sein Opfer springt. Überhaupt hat die hochbewegliche Kamera großen Gefallen an der Position des heimlichen Verfolgers, ohne dafür stets ein Subjekt zu benötigen, lauert unterm Treppenhaus, schleicht hinter Büschen und Schaukästen entlang, späht durch die Ritzen eines Küchentischs oder am halbgeschlossenen Vorhang eines Fensters vorbei – überall dort, wo sich eine Figur verstecken oder davonmachen will.

Der Nebel zwischen den Kabinen

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Die mittelitalienische Kleinstadt Ascoli Piceno ist eine stimmungsvolle Kulisse mit ihren imposanten Bauten, betriebsamen und verwinkelten Straßen und einem Jugendstil-Café als Tupfer der Behaglichkeit. Doch das schönste Setting des Films sind das große, alte Strandhotel und seine Umgebung mit ihrem leise gespenstischen Flair des gerade verlassenen Ferienortes. Hierhin ziehen sich Carol (Lara Wendel), die toughe Tochter des Inspektors, die selbst in dem Fall herumzuschnüffeln begann, und ihre beiden mädchenhaften Freundinnen (während Carol über den Fall grübelt, denkt Monica ans Kochen) am Ende des Films zurück – ausgerechnet hier wähnt sie ihr Vater in Sicherheit vor dem Killer, der natürlich prompt dort aufkreuzt. Durchtrennte Telefonkabel, ratternde Fensterläden, ein abrupter Einbruch des Parodistischen, als eines der Mädchen sich gegen den Angreifer mit einem Mixer zu wehren versucht, was ziemlich übel ausgeht und ziemlich nasty aussieht. Überhaupt ein wieder steigender Gore-Faktor in einem insgesamt relativ zurückhaltenden Film. Doch bei der finalen Verfolgungsjagd am Strand fällt Midnight Killer dann in eine fast elegische Stimmung. Wenn die schwarz gewandete Tribbo-Figur zwischen den vom Nebel umspielten, im kräftigen Blau gestrichenen Umkleidekabinen herumstreicht, hat das einen stillen Zauber, der lange über die absurde Schlusspointe hinaus anhält.

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