Micmacs – Uns gehört Paris!

Die Rückkehr des Jean-Pierre-Jeunet-Universums: Diesmal nimmt der Poet des Skurrilen die Machenschaften der Waffenlobby aufs Korn  und – unnötigerweise – seinen eigenen Film gleich mit auf die Schippe.

Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute

Wie nur wenige andere hat Jean-Pierre Jeunet in seinen Arbeiten eine unverwechselbare ästhetische Signatur entwickelt: Skurrile Figuren, surreal-malerische Settings, aberwitzige Entwicklungen und eine all diese Elemente durchdringende poetische Kraft waren die Kennzeichen von Filmen wie Delicatessen (1991) oder Die Stadt der verlorenen Kinder (La cité des Enfant Perdus, 1994), die er zusammen mit Marc Caro schuf. Spätestens seit Die fabelhafte Welt der Amélie (Le fabuleux destin d'Amélie Poulain, 2001) oder Mathilde – eine große Liebe (Un long dimanche de fiançailles, 2004) erfreut sich das filmische Jeunet-Universum weltweiter Bekanntheit.

Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute

Nach fünf Jahren Leinwandabwesenheit und einem gescheiterten Großprojekt meldet sich Jeunet nun mit Micmacs – Uns gehört Paris! (Micmacs à tire-larigot) wieder zurück. Und schon in der humoristischen und bis auf ein Minimum verdichteten Exposition wird klar, worum es hier geht: um fremdverschuldetes Leid. Bazils Vater, ein uniformierter Minenräumer, verliert beim Entschärfungsversuch einer Landmine in Algerien sein Leben – Bazils Mutter daraufhin den Verstand. Seiner Familie auf diese Weise beraubt, landet Bazil im Waisenhaus, aus welchem er alsbald türmt. Er flüchtet sich in die Welt der Filmbilder. Als Angestellter einer Videothek schaut der erwachsene Bazil gerne Tote schlafen fest (The Big Sleep, 1946), murmelt die Dialoge mit, während er Schmelzkäse schlürft: ein großes Kind – ein Außenseiter.

Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute

Doch selbst aus dieser Bahn wird Bazil geworfen, als ihn eine verirrte Pistolenkugel lebensgefährlich am Kopf trifft. Für die Ärzte ein Dilemma: Die Entfernung der Kugel aus Bazils Gehirn kann ihn ins Dauerkoma befördern, anderenfalls könnte er auch augenblicklich tot umfallen. Schließlich entscheidet eine geworfene Münze – und die Kugel bleibt drin. Bazils Leben scheint gesteuert von den Launen schicksalhafter Zufälle. Während seines Krankenhausaufenthalts verliert er natürlich seine Wohnung und seinen Job. Mittel- und obdachlos landet er auf der Straße. Schuld an diesem Ungemach, das ist Bazil klar, sind die Waffenfabrikanten – namentlich zwei das Böse vertretende Unternehmen, die einst Landmine und Pistolenkugel herstellten.

Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute

Diese simple Logik entspringt der naiven Weltsicht eines durch seine Hirnverletzung leicht behinderten Außenseiters, mit der Micmacs – quasi durch die absurde Brille – die Machenschaften geldgieriger Waffenlobbyisten und einer durch diese deformierten Welt betrachtet. Dany Boon (Willkommen bei den Sch’tis, Bienvenue chez les Ch’tis, 2008) verkörpert die Figur des Bazil dabei erstaunlich ironiefrei zwischen kindlicher Naivität gegenüber einer gefährlich-brutalen Welt und sympathisch-idealistischer Entschlossenheit. Im Zusammenspiel mit dem tragikomischen Hintergrund entsteht so eine starke komische Figur.

Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute

Natürlich findet Bazil schnell Anschluss zu einer Gruppe von Randexistenzen, die in ihrer eigenen fantastischen – und von Aline Bonetto großartig ausgestatteten – Höhlenwelt auf einem Schrottplatz leben. Diese Gemeinschaft von Antihelden – ein jeder mit einer anderen ausgrenzenden Eigenschaft als Quasi-Superkraft ausgestattet (darunter auch Jeunets Stamm-Darsteller Dominique Pinon als Fracasse, die menschliche Kanonenkugel) – nimmt Bazil auf und beschließt, sich an den beiden Waffenschmieden und ihren Bossen zu rächen. Nach Bazils Plan nimmt so die Rache der sympathischen Freaks ihren satirischen Lauf – fantasievoll, aberwitzig, grotesk und von Kameramann Tetsuo Nagata dergestalt ins Bild gesetzt, wie man es bei einem Jeunet-Film erwartet.

Micmacs – Der große Coup der kleinen Leute

Dabei ist Micmacs eine Referenz an das Kino selbst, seinen skurrilen Helden haftet stets etwas von chaplineskem Stummfilmhabitus an: detailliert gezeichnete Karikaturen mit herzerwärmenden Ticks und Macken oder – wie bei den beiden Waffenhändlern – bis ins makabre gesteigerten Leidenschaften wie Gier oder bizarren Obsessionen, etwa der Sammelleidenschaft für fragwürdige historische Artefakte (Winston Churchills abgekaute Fingernägel oder Marilyns Backenzahn). Gut und Böse werden typisiert-cartoonhaft und gut ausbalanciert gezeigt. Oftmals verschwimmt Bazils fantastische Wahrnehmung der Welt mit der Realität, etwa dann, wenn Raphaël Beaus Soundtrack zum parodistisch überdramatisierenden Streichertremolo ansetzt und Bazil plötzlich das ganze Filmorchester hinter sich entdeckt.

Solche und andere auf den Film gerichtete selbstreflexive Bezüge – mehrfach eilen die Helden an Filmplakaten von Micmacs vorbei – verdeutlichen jedoch auch eine verspielte Distanziertheit des Regisseurs zu seinem Film, wie sie in seinem bisherigen Werk unbekannt war – lässt man Alien – Die Wiedergeburt (Alien: Resurrection, 1997) mal außer Betracht. Und gerade dieser neuartige Abstand ist die Schwäche von Micmacs, denn er mutet wie eine unnötige Leseanleitung mit Standortbestimmungshilfe für vermeintlich Begriffsstutzige an: Bedenkt, Micmacs ist eine satirische Parodie! Durch diese selbstironische Demontage hinterfragt der Film das, was bislang für das Jeunet-Universum konstitutiv war: die Geschlossenheit seiner postulierten Welt. Hierdurch verflachen die Figurenzeichungen und deren Handlungsmotivationen etwas, was auch erklärt, warum es Micmacs zuletzt an jener poetischen Kraft fehlt, die das Werk Jean-Pierre Jeunets sonst nahezu ausnahmslos prägt. Am Spaß jedoch, den der Film macht, ändert das nichts.

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Kommentare


Martin Zopick

Eine Untergrundorganisation voller äußerst skurriler Typen, die aber alle eine besondere Fähigkeit haben, die beim späteren Coup eingesetzt wird, bekämpft zwei Waffenhändler (André Dussollier und Nicolas Marié). Jeunet hat eine Abrechnung mit den Waffenhändlern, den ‘Todeshändlern‘ wie sie hier genannt werden, vorgenommen. Das macht er äußerst witzig, voller Überraschungen und betrachtet die ‘Machenschaften‘ durch eine Gelbfilterbrille. Ein Starensemble (Marielle, Pinon u.a.) agiert in einer sonderbaren Mischung aus Märchen mit surrealistischen Zügen. (Ein bisschen ‘Amelie‘ und ein bisschen ‘Delicatessen‘ kann man schon rausschmecken.) Es knistert nicht gerade vor Spannung, ist aber keineswegs langweilig, wegen der Fülle von lustigen Einfällen. Im Mittelpunkt steht Bazil (Danny Boon) der Mann mit der Kugel im Kopf. Er hat Grund genug gegen die Todeshändler vorzugehen. Es ist der Kampf David gegen Goliath, dessen Ausgang wir kennen. In Bazils Umfeld hat Tambouille (Yolande Moreau) als Mutter der Kompanie die Zügel in der Hand. Aber es werden auch die Abnehmer der Waffen wie IRA und ETA genannt. Die Krönung des Feldzuges ist dann eine akustische Vortäuschung einer Entführung der Bösewichter nach Afrika. Die Truppe baut quasi ein Potemkin’sches Dorf aus Sound und Schall und vernichtet sie via Internet. Großartige, niveauvolle Unterhaltung.






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