Michael
Der Mann, das Kind und der Keller. Markus Schleinzers Spielfilmdebüt leuchtet das düstere Thema Kindesmissbrauch aus und lässt dabei genügend im Dunkeln.
Es wird nicht viel gesprochen in Markus Schleinzers Film. Dafür wird vielleicht umso mehr erzählt. So charakterisiert die Wortkargheit des 35-jährigen Pädophilen Michael (Michael Fuith) und seines zehnjährigen Opfers Wolfgang (David Rauchenberger) von Anfang an nicht nur die beiden Figuren, sondern vor allem auch ihr Verhältnis zueinander – und zwar auf beklemmende Weise als absolut routiniert: Hier gibt es kein Bangen mehr um einen Jungen, der entführt wird, keine Fluchtversuche, keine Chance auf einen Ausweg. Die Gesten von Michael und Wolfgang sind eingespielt, ihr Umgang miteinander ist bei aller Grausamkeit des sexuellen Missbrauchs und der Freiheitsberaubung nahezu vertraut. Sie putzen gemeinsam, sie essen gemeinsam, sie schmücken gemeinsam den Weihnachtsbaum.
Indem Schleinzer diese scheinbar vollkommene Normalität in einem gänzlich abnormalen Kontext etabliert, gelingt es ihm, eine nur schwer erträgliche Spannung zwischen der Innen- und der Außenwelt von Michaels Haus zu etablieren. Die automatischen Jalousien, die sich mehrmals im Film öffnen und schließen, erinnern immer wieder daran, dass es sich hier um zwei streng voneinander getrennte Sphären handelt: die Welt draußen, in der Michael ein ordentlicher Versicherungsbeamter ist und mit Bekannten zum Skifahren in die Berge fährt, und jene dumpfe Innenwelt ohne Tageslicht, in der er den zehnjährigen Wolfgang im Keller hält und seiner Freiheit vollständig beraubt, ihn immer wieder sexuell missbraucht. So besteht in Michael von Anfang an eine Grundspannung, die zahlreiche, auf den ersten Blick banal anmutende Szenen mit Schauer auflädt: So etwa, wenn Michael und Wolfgang bei einem Ausflug in den Tierpark Hand in Hand an einem ebenfalls Hand in Hand mit seinem Sohn spazierenden Vater vorbeilaufen oder aber, wenn Michael nachmittags im Hallenbad auf einer Liege döst und hinter seinem Rücken für ein paar Augenblicke ein Junge in der Unschärfe erscheint. Durch das Wissen um Michaels häusliche „Normalität“ erscheint die vermeintliche Normalität draußen stets trügerisch und bedroht.
Jene Spannung zwischen Innen- und Außenwelt wird im Laufe des Films potenziert durch die zunehmende Spannung zwischen Opfer und Täter. So wird die anfängliche Alltäglichkeit des Abnormen allmählich von der erwachenden Rebellion des jungen Wolfgang erschüttert. Dabei befindet sich Schleinzer für einen Moment auf einer narrativen Fährte, auf der Michaels Keller beinahe durch den zufälligen Auftritt einer Nachbarin als Deus ex machina entdeckt wird. Für einen Augenblick ist ein billiges und unglaubwürdiges Ende dieser bis hier so stark und dicht erzählten Geschichte zu befürchten. Doch dann entscheidet sich Schleinzer überraschenderweise gerade noch rechtzeitig, auf seine Hauptfiguren zu vertrauen und ihre Situation von innen heraus zu lösen. Dass das Ende, mit dem uns der Regisseur schließlich wahrhaftig alleine lässt, dennoch im besten Sinne unbefriedigend ist, versteht sich bei dem hier verhandelten Thema von selbst.
Allein lässt Schleinzer uns auch in all jenen Momenten, in denen er sich dagegen entscheidet, die sexuellen Übergriffe des Pädophilen zu zeigen, um sie in Hitchcock’scher Manier unserer Vorstellung zu überlassen. Eine quälende Entscheidung und eine erzählerische Notwendigkeit. So sehen wir beispielsweise Michael mit einem Marmeladenglas im Keller verschwinden und im nächsten Bild sein Glied am Waschbecken abspülen. In einer anderen Szene zitiert Michael beim Abendessen aus einem Pornofilm gegenüber dem Zehnjährigen: „Das ist mein Messer und das ist mein Schwanz. Was soll ich dir reinstecken?“ Der junge Wolfgang entgegnet sofort und mit entschlossener Stimme: „Das Messer“.
Filmkritik von Felix von Boehm
Veröffentlicht am 20.05.2011
Kommentare zu Michael
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Michael. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Film-Angaben
Titel: Michael
Österreich 2011
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Regie: Markus Schleinzer
Drehbuch: Markus Schleinzer
Produktion: Nikolaus Geyrhalter, Markus Glaser, Michael Kitzberger, Wolfgang Widerhofer
Darsteller: Michael Fuith, Ursula Strauss
Kinostart: 26.01.2012
Verlosung: Young Adult
Wir verlosen Kinokarten und Poster zu Ivan Reitmans Young Adult. weiter
Berlinale 2012: Nach den Lobeshymnen
Was war und wie gehts weiter? weiter
Verlosung: Die Liebesfälscher
Wir verlosen zwei Blu-Rays von Abbas Kiarostamis Die Liebesfälscher. weiter
Berlinale: Kritiken
Caesar Must Die
R: Paolo Taviani, Vittorio Taviani
Just the Wind
R: Benedek Fliegauf
Barbara
R: Christian Petzold
Tabu
R: Miguel Gomes
L'enfant d'en haut
R: Ursula Meier
Neu im Kino
16.02.2012
Extrem laut und unglaublich nah
R: Stephen Daldry
Don 2
R: Farhan Akhtar
Gefährten
R: Steven Spielberg
09.02.2012
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
02.02.2012
Moneyball
R: Bennett Miller
Demnächst im Kino
Shame
R: Steve McQueen
Young Adult
R: Jason Reitman
In the Land of Blood and Honey
R: Angelina Jolie
Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
R: Jeff Nichols
Barbara
R: Christian Petzold
Beauty
R: Oliver Hermanus
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Headhunters
R: Morten Tyldum
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Der Preis
R: Elke Hauck
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Kind of Devil's Island
R: Marius Holst
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Die Königin und der Leibarzt
R: Nikolaj Arcel
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Bel Ami
R: Declan Donnellan, Nick Ormerod
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
Die Liebenden
R: Christophe Honoré
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Die Wand
R: Julian Pölsler
Neu auf DVD
Ein Sommersandtraum
R: Peter Luisi
John Carpenters The Ward
R: John Carpenter
Mein Stück vom Kuchen
R: Cédric Klapisch
Aktuell im TV
Shining
Mi 22.02, 22:10 Uhr, Kabel Eins
Requiem
Mi 22.02, 22:25 Uhr, 3sat
28 Days Later
Mi 22.02, 22:45 Uhr, RTL II
Zwölf Winter
Fr 24.02, 20:15 Uhr, arte
Revanche
Nacht von Sa auf So, 25.02-26.02., 00:45 Uhr, BR
Es geschah am helllichten Tag
So 26.02, 16:55 Uhr, 3sat
Miami Vice
So 26.02, 20:15 Uhr, RTL II



















