Metropolis

Mehr Action und ein beeindruckender Bösewicht: Die (nahezu) vollständige Fassung von Fritz Langs Metropolis kam mehr als ein Jahr nach ihrer Premiere bei der Berlinale ins Kino und ist nun auch auf DVD erhältlich. Die Restaurierung wurde möglich durch einen Sensationsfund in Buenos Aires.

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Die Filmgeschichte ist voll von vergessenen, verschollenen und verstümmelten Filmen; manche davon geistern fast nur noch als Idee durch die Welt, wie Murnaus unauffindbarer 4 Devils (1928), andere, wie Fritz Langs Metropolis (1927), sind auch nach acht Jahrzehnten in jedermanns Gedächtnis. Das monumentale Werk gilt bis heute als Uroma heutiger Blockbuster-Filme, sein Set Design hat das ganze Genre der Science Fiction – siehe etwa Blade Runner (1982) – in gar nicht zu überschätzender Weise geprägt. In Wiederaufführungen, in mehr oder weniger gelungenen künstlerischen Bearbeitungen (unter anderem eine Video-Clip-Pop-Version von Giorgio Moroder in den 1980er Jahren) und nicht zuletzt in einer schier endlosen Zahl von Zitaten war er ununterbrochen präsent. So sehr ist dieses Werk Teil des allgemeinen Filmgedächtnisses, dass viele gar nicht wussten, mit welch unvollständiger Version sie es zu tun hatten. Wer aber genau hinsah, merkte: An vielen Stellen rumpelte es gehörig.

Im Januar 1927, bei der Uraufführung, konnten Publikum und Kritik mit Metropolis nicht viel anfangen. Das hatte zur Folge, dass der Film gekürzt und umgeschnitten wurde und jahrzehntelang nur in verstümmelten Fassungen kursierte; trotz aller Bemühungen um Restaurierung blieb ein wesentlicher Teil des Materials unauffindbar. Vor drei Jahren tauchte in Buenos Aires eine bisher unbekannte 16-Millimeter-Kopie auf, in der (fast) alles erhalten war, was damals der Schere zum Opfer fiel.

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Das neue Material macht Metropolis ungefähr 30 Minuten länger und verteilt sich über den ganzen Film. Es ist leicht an seiner leider schrecklich schlechten Qualität zu erkennen. Stark zerkratzt und verschmutzt sind die Bilder, und außerdem wegen der Umkopierung von 16 auf 35 Millimeter nicht im exakten Format, weswegen an den Rändern ein Stück schwarz maskiert werden musste. Immerhin hat das den Vorteil, dass man auch bei nur oberflächlicher Kenntnis des Films immer weiß, wann die spannenden, weil noch nie gesehenen Stellen kommen. (Das neue Material ist eingefügt in die bisher maßgebliche Restaurierung von 2001, deren Bildqualität ganz hervorragend ist.)

Man sieht Heinrich George, wie er auf Befehl missmutig mit dem Fuß den Hebel umlegt, der ein Tor öffnet und so die Arbeiter in die Maschinenhalle lässt. Mit deren Zerstörung lösen die Arbeiter die Überflutung der Unterstadt aus, des Teils von Metropolis, in dem sie leben. Dieser kausale Zusammenhang war bisher immer recht rätselhaft gewesen, man wusste nicht so recht, wie sie in den gesicherten Komplex hineingekommen waren. Die Sequenz, in der Freder (Gustav Fröhlich) und Maria (Brigitte Helm) die Kinder vor dem steigenden Wasser retten, ist in der neuen Fassung deutlich länger geworden. Freder hat hier einen akrobatischen Kletterakt zu vollführen und bricht dann ein Eisengitter auf, durch das die Kinder fliehen können. Andere Szenen sind ultrakurz, manchmal ist nur ein reaction shot eingefügt.

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Man erfährt außerdem mehr über die Beziehung von Joh Fredersen und Rotwang, und der Arbeiter Georgy, der mit Freder die Kluft tauscht, erhält eine kleine Nebenhandlung. Zu den bemerkenswertesten Ergänzungen gehören aber die Szenen, die dem Schmalen (Fritz Rasp) gewidmet sind, einer Figur, die in der bisher bekannten Fassung immer seltsam am Rande stand. Er verfolgt den vom Herrn der Metropolis entlassenen Sekretär Josephus und setzt ihn in einer schönen kleinen Szene in seiner Wohnung unter Druck, stiert ihn mit eiskalter Miene nieder. Wer weiß, er hätte vielleicht zu einem berühmten Filmbösewicht werden können, zu einem Hitman-Prototypen, hätte man die Rolle damals nicht fast vollständig herausgeschnitten. Die Szene, in der der fiese Blick des Schmalen hinter einer Zeitung namens „Metropolis Courier“ zum ersten Mal auftaucht, gehört inzwischen zu den bekanntesten Bildern der restaurierten Fassung.

Man sollte dennoch nicht erwarten, einen völlig neuen Film zu sehen. Die stärksten Szenen – der Schichtwechsel mit den zwei stumpf in verschiedener Richtung dahintrottenden Arbeiterkolonnen, die Hochhaus-Kulissen, die Arbeit in der Maschinenhalle, das Zeigerrad – sind alle schon vorhanden gewesen. Die ideologieverdächtige Kitschigkeit des Drehbuchs von Thea von Harbou bleibt natürlich auch und ist weiter der Grund, warum dieser visuell so bestechende und stilbildende Film in die seltsame Kategorie „ungeliebte Meisterwerke“ gehört. Von Harbou, damals mit Lang verheiratet, ergeht sich in verschwurbelten Mystizismen. Außerdem hat sie eine der schwächsten Schlussszenen geschrieben, die je ein Kinopublikum erdulden musste: Da soll zwischen Kapital und Arbeit ein Mittler agieren, der die Gegensätze des modernen Lebens in der Industriegesellschaft jesusartig ausgleicht. Nun ja. Die Autorin trat später der NSDAP bei, Lang verließ Deutschland Richtung Amerika, und von Metropolis wollte der Regisseur den Rest seines Lebens gar nicht mehr gern so viel wissen.

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Ungeliebt oder nicht – es ist ohne Zweifel ein Erlebnis, Metropolis heute wieder auf einer großen Leinwand zu sehen, am besten mit Orchester. Die neu eingespielte Original-Filmmusik von Gottfried Huppertz, ein die Handlung mit raffinierter Leitmotivtechnik unterstützendes, emotional aufwiegelndes Klanggewebe, trägt entscheidend dazu bei. Dass es mehr als ein Jahr gedauert hat, bis der Film nach seiner Weltpremiere auf der letztjährigen Berlinale (mit gleichzeitiger Live-Ausstrahlung auf Arte) ins Kino kommt, ist schade. Längst ist er in Großbritannien als DVD und Blu-ray zu haben, bei dem sehr verdienstvollen Label Eureka.

Trailer zu „Metropolis“


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